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Wissen & Umwelt

Boeing zeigt neues Raumschiff-Modell

Die CST-100-Kapsel könnte in einigen Jahren die Nachfolge der Space Shuttle-Flotte antreten und bis zu sieben Menschen ins All befördern - nicht nur Profi-Astronauten der NASA, sondern auch zahlungskräftige Touristen.

Das Boeing Raumschiff CST-100 bei einem Fallschirmtest (Foto: gemeinfrei)

Boeing Raumschiff CST-100 Fallschirmtest

Die gut fünfzig Astronauten der US-Luft- und Raumfahrtbehörde NASA brauchen derzeit vor allem eins: Geduld. Denn seit dem Ausmustern der Space Shuttle-Flotte vor zwei Jahren hat die NASA kein eigenes Raumschiff mehr, um Menschen ins All zu bringen. Immerhin dürfen pro Jahr eine Handvoll Auserwählte als Beifahrer in russischen Sojus-Kapseln zur Internationalen Raumstation ISS fliegen. Die beiden NASA-Astronauten Serena Auñón und Randolph "Randy" Bresnik gehören derzeit nicht zu diesem erlesenen Kreis und warten am Boden auf künftige Fluggelegenheiten - und so waren sie schon froh, jetzt zumindest in das Modell eines neuen Raumschiffs klettern zu dürfen.

NASA-Astronaut Randy Bresnik vor der neuen Raumkapsel von Boeing (Bild: NASA)

NASA-Astronaut Randy Bresnik klettert in die neue Kapsel - Probesitzen für den Flug ins All

Denn der Luft- und Raumfahrtkonzern Boeing hat in der vergangenen Woche seine CST-100-Raumkapsel vorgestellt. Die zwei Astronauten kletterten ins Innere des Raumschiffs, nahmen schon einmal auf den Pilotensitzen Platz und testeten einige Kommunikationseinrichtungen. Natürlich hatten die NASA-Verantwortlichen sie in die knallorangefarbenen Overalls gesteckt, die die Astronauten bei Start und Landung tragen - auch wenn die Kapsel in der Boeing-Werkshalle im US-amerikanischen Houston noch einige Jahre auf ihren Start wird warten müssen. "Unsere Astronauten freuen sich immer, wenn sie mal heraus kommen, die neuen Raumschiffe sehen und ihre Erfahrungen mit den Technikern der privaten Firmen teilen können", schwärmt Kathy Lueders, die stellvertretende Managerin des NASA-Programms für die Entwicklung von Raumschiffen durch private Firmen.

Drei Kandidaten für die neuen Weltraum-Taxis

CST steht für Crew Space Transportation, also für den Transport der Besatzung in den Weltraum. Damit beteiligt sich Boeing an dem Wettbewerb, wer den Nachfolger der ebenso legendären wie berüchtigten Space Shuttle-Raumfähren bauen darf. Die NASA hat Boeing und die beiden Mitbewerber SpaceX und Sierra Nevada Corporation bisher mit zusammen 1,1 Milliarden US-Dollar - rund 800 Millionen Euro - unterstützt. Dafür entwickeln diese Firmen unter Aufsicht der NASA neue Raumschiffe, die "sicher, zuverlässig und kostengünstig" sein sollen - so die offizielle Vorgabe. Spötter meinen, die neuen Raumschiffe sollten also genau das Gegenteil der Space Shuttles werden. Denn diese Raumfähren waren weder sicher noch zuverlässig und zudem extrem teuer. Doch die Ingenieure haben ihre Lehren aus dem Shuttle-Programm gezogen.

So einfach wie möglich: Getrennte Wege für Mensch und Material

Zwei der drei Firmen entwickeln wieder Kapseln, wie sie einst in der Apollo-Ära im Einsatz waren. Nur das Team Sierra Nevada Corporation baut ein Raumschiff mit Stummelflügeln, das auf den ersten Blick wie ein Mini-Shuttle aussieht. Doch den Transport von Menschen und Material trennen alle drei Neuentwicklungen. Während der Space Shuttle eine Art Lastwagen war, der neben der Besatzung auch ganze Module zur ISS bringen konnte, ist CST-100 eher der Kleinwagen fürs All. In der Regel sollen fünf Astronauten in der kegelförmigen Kapsel Platz nehmen, die 4,5 Meter Durchmesser hat und drei Meter hoch ist.

Der Innenraum des Raumschiffs CST-100 von Boeing (Bild: NASA)

Keine Zahnarztpraxis im Iglu, sondern das neue Boeing-Raumschiff CST-100

Doch wenn alle ein wenig zusammenrücken und auf Handgepäck verzichten, passen auch sieben Menschen in das mit Tablet-Computern, indirekter Beleuchtung und Designersitzen recht futuristisch anmutende Raumfahrzeug. "Wir haben hier nicht Tausende von Knöpfen", betont stolz der Boeing-Projektleiter Christopher Ferguson, der selbst dreimal für die NASA im All gewesen ist, unter anderem als Kommandant der letzten Shuttle-Mission im Juli 2011. "Wenn die Astronauten hiermit starten, geht es nicht primär darum, diese Kapsel zu fliegen. Es geht darum, dass sie für sechs Monate zur Raumstation wollen. Daher bauen wir CST-100 so, dass es sich ohne zu viel Training ganz intuitiv fliegen lässt."

CST-100 könnte die Pause nach den Shuttle-Flügen beenden

Geht alles glatt, bringt CST-100 ab dem Jahr 2017 Menschen zur ISS. Die Kapsel soll an der Spitze einer Atlas-V-Rakete starten, die bisher nur Satelliten ins All gebracht hat. Zwar hat Boeing - auch wegen seiner großen Raumfahrt-Erfahrung, die bis in Zeiten des Apollo-Programms zurückreicht - sicher beste Chancen, dass seine Kapsel wirklich gebaut wird. Aber es ist noch keineswegs sicher, dass CST-100 jemals über die Modellphase hinauskommt. Denn erst Mitte 2014 wird die NASA die Verträge vergeben, um Kapseln für echte Testflüge im Weltraum zu bauen. Dabei wird mindestens einer der drei Kandidaten auf der Strecke bleiben - womöglich sogar zwei, sofern der US-Kongress der NASA die Finanzmittel für dieses Programm drastisch kürzt. Dabei setzen die US-Raumfahrtverantwortlichen bewusst auf Konkurrenz, um so die Preise möglichst niedrig zu halten. Auch dies ist eine Lehre aus den bitteren Shuttle-Erfahrungen.

Zugleich hoffen die Raumfahrer, dass die von privaten Firmen gebauten Kapseln nicht nur Profi-Astronauten ins All bringen, sondern auch reiche Privatkunden. Die dürfen derzeit zwar nicht zur ISS fliegen, aber die US-Firma Bigelow Aerospace plant, bis zum Jungfernflug von CST-100 und Co. eine kleine private Raumstation zu errichten, die vor allem aus aufblasbaren Modulen bestehen soll.

Europa ist am Bau des neuen Raumschiffs für Mondflüge beteiligt

Während die privaten Firmen um die Aufträge für die neuen Raumschiffe zur ISS rangeln, entwickelt die NASA ihr Orion-Raumschiff, das bei Flügen zum Mond und noch weiter hinaus ins All zum Einsatz kommt. Mit dabei sind auch Europas Weltraumorganisation ESA und Firmen wie Astrium in Deutschland. Die NASA nutzt für das Orion-Projekt Technik, die die ESA für ihren unbemannten Materialtransporter ATV entwickelt hat, freut sich der Ex-Astronaut Thomas Reiter, der heute ESA-Direktor für bemannte Raumfahrt ist: "Das ist eine wunderbare Zusammenarbeit. Es ist das erste Mal, dass Europa in den kritischen Pfad in die Entwicklung eines solchen Transportsystems hinein genommen wird." Bisher war die NASA stets dem Motto gefolgt, dass alle unverzichtbaren Komponenten von ihr selbst oder US-Firmen stammen müssen. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Bei den Flügen zur ISS sollen in spätestens vier Jahren private Raumschiffe die russischen Sojus-Kapseln ablösen - und bei den Expeditionen weiter hinaus ins All verlässt sich die NASA auch auf Europa. Doch für alle Projekte gilt: Ein Modell in eine Werkshalle zu stellen und Astronauten darin spielen zu lassen, ist recht einfach. Viel schwieriger ist es, aus dem Modell am Boden eine erfolgreiche Kapsel in der Erdumlaufbahn zu machen - und beim Sprung ins All werden einige auf der Strecke bleiben.

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