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Schönheit

#Bodylove statt Bodyshaming: Mehr Toleranz für kurvige Frauen

Unter Hashtags wie #Bodylove stellen Frauen gängige Schönheitsideale in Frage. Sie präsentieren sich stolz - und oft leicht bekleidet - der Welt. Doch ändern Hashtags das Schönheitsdiktat einer ganzen Gesellschaft?

"Früher in der Schule war ich ganz schlank. Trotzdem weiß ich, wie es sich anfühlt, gemobbt zu werden." Seitdem Silvana Denker 17 Jahre alt ist, kämpft sie gegen eine Essstörung. "Mal komme ich dagegen an, mal nicht", erzählt sie ganz selbstverständlich und in einem munteren Ton. Silvana Denker ist jetzt 31 Jahre alt, groß und trägt langes, braunes Haar. Selbstbewusst und offensiv tritt sie auf. "Im letzten Jahr habe ich innerhalb von sechs Monaten 40 Kilo zugenommen, weil ich wieder reingerutscht bin. Ich habe lange gebraucht, um einen Weg hinauszufinden", sagt sie. Silvana kennt das Gefühl, mit sich und dem eigenen Körper unzufrieden zu sein, sogar sich und den eigenen Körper zu hassen. Mittlerweile kann sie sagen: "Ich bin gut so, wie ich bin. Egal, ob ich zehn Kilo mehr oder weniger wiege. Die Zahl auf der Waage macht mich als Menschen nicht aus."

Shooting ohne Studio und Outfit-Wechsel

Silvana Denker ist heute ein gefragtes Model im Plus-size-Bereich. Sie trägt Konfektionsgröße 46. Neben ihrem Model-Job ist sie Fotografin und holt für ihre Herzblut-Kampagne acht halbnackte Frauen - manchmal auch Männer - vor die Kamera. Sie hat die #Bodylove-Kampagne ins Leben gerufen, mit der sie gegen Bodyshaming und Diskriminierung aufgrund von Äußerlichkeiten kämpft. Es gehört eine Portion Mut dazu, bei #Bodylove mitzumachen. Dünn, weniger dünn, übergewichtig - bei ihr dürfen alle mitmachen, sofern sie mit schwarzem BH, Slip und Schuhen bekleidet durch eine Fußgängerzone laufen möchten.

Weiblichkeit und Schönheitsideal BodyLove-Kampagne (Foto: Silvana Denker)

Diese Frauen kämpfen für mehr Akzeptanz für vielfältige Körperformen und Figuren

Was als kleine Aktion im nordrhein-westfälischen Siegen begann, feiert mittlerweile weltweit Erfolg. Nach ihren Shootings in Hamburg und Berlin berichten auch internationale Zeitschriften wie das "People"-Magazin und die "Cosmopolitan" über ihre Kampagne. Auf Instagram geht #Bodylove viral. Es folgten Artikel in China, Japan, auf den Philippinnen, im Kosovo, in Kanada, Südamerika. Sogar das renommierte Modemagazin "Elle" aus Frankreich zog mit. Silvana reist nach Paris, Barcelona oder New York. Mit so viel Aufmerksamkeit hat sie nicht gerechnet. "Ich finde es schade, dass man als Plus-size-Model Besonderes oder sogar Außergewöhnliches ist", sagt sie. Silvana will zeigen: Alle Menschen sind schön! Auch wenn sie nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen. Doch ändern Kampagnen wie #Bodylove das Schönheitsdiktat einer ganzen Industrie?

Sind jetzt eher "Typen" gefragt?

Die Werbung ist voll von perfekten Körpern, frischer, faltenfreier Haut und glänzenden Haaren - sie scheinen aber vielleicht langweilig geworden zu sein. Die Wirklichkeit ist anders, komplexer, ambivalenter. Auch für #TheNewSexy lassen sich Models für Übergrößen ablichten. Die dahinter steckende Dessousfirma "CurvyKate" holt auch Frauen mit sichtbaren anderen Makeln vor die Kamera: Frauen im Rollstuhl, mit Feuermal im Gesicht, ältere Damen oder an Brustkrebs erkrankte. Diese Frauen weichen von den von der Werbebranche vorgegebenen Maßstäben weiblicher Schönheit ab. Aber sie fühlen sich trotzdem attraktiv und sexy. Immer mehr Kampagnen - zum Teil von Bekleidungsfirmen initiiert - wollen fülligen Frauen ein positives Körpergefühl vermitteln und gängige Schönheitsideale der Modeindustrie auflösen. Haben wir uns an perfekter Schönheit sattgesehen?

Mehr Vielfalt

Die Abkehr von diesen Stereotypen dauert lange, meint die Kommunikationswissenschaftlerin Christina Holtz-Bacha. Der Markt orientiere sich an den Schönheitsidealen der letzen Jahrzehnte. "Wir haben uns jahrelang über Stereotypen in der Werbung beklagt, über die Schönheitsideale, denen vor allem jungen Mädchen nacheifern", sagt Holtz-Bacha. Sie meint, dass "bisherige Kampagnen, die gegen Stereotypen wirken sollen, keine nachhaltige Wirkung hatten." Auch Stevie Schmiedel, Geschäftsführerin von Pinkstinks, einer Protestorganisation, die gegen Gender-Marketing und Sexismus in der Werbung ankämpft, empfindet Anti-Bodyshaming-Kampagnen viel zu kurzlebig und ohne Wirkung, "solange wir eine Modeindustrie haben, die mit den kurzen Diversitätstrends nicht mitmachen".

She can't be what she can't see

Kann denn durch mehr Präsenz die Diskriminierung und Stigmatisierung gestoppt werden? "Wenn man sich selber in den sozialen Netzwerken oder in der Außenwerbung nicht sieht, dann fühlt man sich auch nicht sichtbar", meint Schmiedel. "Wenn eine junge Frau immer eine Normschönheit sieht, die für sie nicht erreichbar ist, dann wirkt es sich nicht nur auf die Frau, sondern auf die gesamte Gesellschaft aus." Depressionen oder Essstörungen können besonders bei jungen Mädchen die Folge sein. 

Eine große Gefahr stellten soziale Netzwerke dar, die bei der jüngeren Generation vermehrt zur Identitätsbildung und -findung beitragen, sagt Schmiedel. Facebook, Twitter, Instagram oder Snapchat bieten erstmals die Möglichkeit, sich öffentlich darzustellen. Es sei deswegen ein großes Risiko, sich mit unvollkommenem Körper in sozialen Netzwerken zu präsentieren, meint Holtz-Bacha. Neben positiven Reaktionen, Unterstützung und Beifall von Frauen, denen es ähnlich geht, gibt es auch die andere Seite, dass sich vor allem Fremde über Frauen lustig machen, die in die Offensive gegangen sind, meint Holtz-Bacha. Doch den radikalfeministischen Ansatz, dass allein der männliche Blick schuld daran sei, wenn Frauen für die Schönheit leiden, teilt Holtz-Bacha nicht. Auch Frauen können Frauen anfeinden. 

Weg von der perfekten Selbstinszenierung

Dass den Schönheitswahn in sozialen Netzwerken längst nicht mehr alle allzu ernst nehmen, zeigt ein neuer Trend innerhalb des Phänomens. Weltweit sprechen sich Twitter- und Instagram-Nutzerinnen unter diversen Hashtags immer wieder für ein differenzierteres Frauen- und Selbstbild aus. Und sie diskutieren über Schönheit: was sie ausmacht und was nicht. Unter dem Hashtag #PrettyGirlsUglyFaces beweisen junge Frauen Mut zur Hässlichkeit. Sie posten ein perfektes Selfie zusammen mit einem, auf dem sie eine möglichst hässliche Fratze ziehen. Frei nach dem Motto: weg von der perfekten Selbstinszenierung.

Makel sind menschlich oder männlich?

Die Wahrnehmung der Frauen als attraktive Menschen ist aus der Historie gewachsen und für Frauen wichtig, sagt Genderforscherin Paula-Irene Villa. Die Frau war lange Zeit Accessoire und musste schön sein, denn verheiratet zu werden war das Allerwichtigste, um existieren zu können. "Diese Wahrnehmung von Frauen als ästhetische, als schöne, attraktive Menschen sind noch heute als Ziele für viele Frauen wichtiger als für Männer." In ihrer Körperlichkeit wahrgenommen zu werden gewinnt bei Männern aber zunehmend an Bedeutung. Essstörungen betreffen bis zu 20 Prozent der Männer, berichtet Schmiedel. "In der jüngeren Generation, die mit neuen Bildern aufwachsen, ist der Zwang nach Schönheit und Attraktivität da."

Weiblichkeit und Schönheitsideal BodyLove-Kampagne (Foto: Leon Valje)

Silvana Denker ruft zu mehr Selbstliebe auf

Gegen Hasskommentare hat sich Model Silvana Denker ein dickes Fell wachsen lassen. Natürlich wird auch sie die Welt nicht verändern. Das weiß sie, "aber ich habe einige Menschen zum Nachdenken gebracht. Wenn die aufhören, andere zu beleidigen, dann ist schon viel geschafft", sagt sie und fügt hinzu: "Wenn die 250 Menschen, die bei #Bodylove bisher mitgemacht haben, selbstbewusster durch das Leben gehen, dann ist das doch eine tolle Sache. In New York hat mir eine Frau gesagt: 'Du hast mein Leben verändert.' Das ist ein Kompliment, das man nicht oft im Leben bekommt." Früher war Silvana sehr dünn, dann sehr dick und jetzt? "Sehr glücklich!"

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