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Ostmitteleuropa

Bodenständige Magyaren

– Von 100 Ungarn denken nach einer Umfrage nur sechs daran, im Ausland zu arbeiten

Budapest, 19.2.2002, PESTER LLOYD, deutsch

Die Ungarn träumen heutzutage nicht davon, (...) gute Jobs mit Spitzengehältern zu ergattern. Das Gegenteil ist der Fall, behauptet jedenfalls eine Erhebung der Ungarischen Industrie- und Handelskammer (MKIK): Gewinnbringende Arbeit wird hierzulande gesucht. Und so schwerfällig sich die Ungarn beim Umzug von einer in die andere Stadt zeigen, so unbeweglich dürften sie auch sein, wenn es um die Mobilität im künftigen EU-Markt geht.

Nach EU-Angaben waren in den jüngsten Jahren im Durchschnitt sieben Millionen ausländische Arbeitnehmer legal innerhalb der EU beschäftigt, von denen zirka vier Millionen Personen von außerhalb der Union kamen. Diese Gastarbeiter sind hauptsächlich in Deutschland und Österreich anzutreffen, wo sie weitaus mehr Lohn erhalten als in ihren Heimatländern.

Laut MKIK lagen die Durchschnittsgehälter in der Region Mittelosteuropa 1998 bei zehn bis 14 Prozent des europäischen Standards. Die Portugiesen verdienten immer noch das Dreifache. Beim Zugrundelegen der Kaufkraftparitäten sah das Bild schon besser aus, weil die Gesamtrelation auf 1:3 schmolz.

Diese Differenz dürfte insbesondere Arbeiter reizen, ihr Glück weiter westwärts zu versuchen. Obendrein gibt es auch im Osten sagenhafte Unterschiede, wenn polnische Arbeiter etwa das Sechsfache ihrer ungarischen Kollegen mit nach Hause bringen.

Diese Zahlen lassen EU-Experten zu Recht einen Arbeitskräftestrom in die reicheren Länder vermuten. Die hiesige Kammer behauptet nun genau das Gegenteil: Ihre Erfahrungen zeigen nämlich, dass die guten Aussichten der ungarischen Wirtschaft und die Migrationsdaten der jüngeren Vergangenheit den Beweis erbringen, dass bleibt, wer kann.

Die Nachfahren der Hunnen, die einst Wien bedrängten und Rom ausraubten, bewegen sich nicht einmal innerhalb der Grenzen des eigenen Landes. Dabei bestehen zwischen den einzelnen Regionen beträchtliche Lohnunterschiede. Ein Hauptgrund für diese Bodenständigkeit liegt im Missverhältnis von Einkünften und Wohnungsmieten. Aus einem gewöhnlichen Gehalt lässt sich nichts mieten, geschweige denn kaufen.

Die Kammer fand jedoch heraus, dass auch die hohen Löhne des Auslands keine Zauberkraft besitzen. Von 100 Arbeitnehmern haben ganze sechs, also sechs Prozent, daran gedacht, vielleicht ins Ausland arbeiten zu gehen. Und diese Zahl ist seit Jahren stabil. Diese mobile Schicht der Ungarn denkt ebenfalls nicht daran, sich auswärts niederzulassen, sondern will nur für kürzere oder längere Zeit anderswo Arbeit übernehmen.

Wohin würde die Reise dieser Leute gehen? Etwa 30 Prozent der Befragten gaben Deutschland als Zielort an, 20 Prozent Österreich. Für eine längere Zeit könnten sich 20 Prozent Deutschland als Wahlheimat und 14 Prozent Österreich vorstellen. Neben den höheren Gehältern erhoffen sich diese Ungarn eine glänzende Karriere und wollen sich mit Wissen auftanken, setzen somit Geld und fachliche Entwicklung gleich.

Die Erhebung bezog sich selbstverständlich nur auf Leute, die legal Arbeit übernehmen würden. Der Skandal um die österreichische Spedition brachte ans Tageslicht, dass sich auch 50 ungarische Lkw-Fahrer schwarz im Nachbarland betätigt hatten. Die Zahl illegaler Jobs in der EU wird recht großzügig auf drei bis 15 Millionen geschätzt; niemand kann recht sagen, wie hoch der Anteil der Osteuropäer und speziell der Ungarn liegt. Auf jeden Fall sind es die Illegalen, vor denen Westeuropa wirklich Angst hat. (fp)

  • Datum 19.02.2002
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