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Europa

Bodenständig und weltoffen - Abdullah Gül im Porträt

Abdullah Gül ist im dritten Anlauf zum neuen Staatschef gewählt worden. Gül polarisiert: Befürworter sehen in ihm einen echten Volkspräsidenten, Kritiker fürchten, er wolle die Türkei schleichend islamisieren.

Abdullah Gül, Quelle: dpa

Neuer Präsident? Abdullah Gül

Für die türkische Opposition ist Abdullah Gül als Präsidentschaftskandidat eine Zumutung: Die konservative-islamische Regierungspartei AKP hat die Parlamentswahl gewonnen, sie stellt den Ministerpräsidenten – und nun soll auch noch ein AKP-Mann Staatspräsident werden.

Volksnah und gebildet

Die Bevölkerung hingegen steht hinter ihm – laut Umfragen wünschen sich zwei Drittel der Bürger Gül als Präsident. Mangelnde Volksnähe kann man ihm auch wirklich nicht vorwerfen. Schon rein äußerlich repräsentiert der rundliche 56-Jährige Sohn eines zentralanatolischen Handwerkers den türkischen Normalverbraucher, vom buschigen Schnauzbart bis zum Schlips; sein Geburtstag, der 29. Oktober, ist der Nationalfeiertag. Güls Frömmigkeit, seine artigen Besuche bei den Eltern in Kayseri, seine drei Kinder oder die kopftuchtragende Ehefrau – in alledem finden sich viele Türken wieder.

Abdullah Gül mit Delegation in Brüssel, Quelle: AP

In Brüssel wird Gül als moderater EU-Befürworter geschätzt

Seine Bodenständigkeit verbindet der bisherige Außenminister mit Weltoffenheit und Bildung. Der ehemalige Wirtschaftsprofessor hat zwei Jahre in Großbritannien studiert und spricht im Gegensatz zu Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan fließend Englisch. Als Außenminister hat sich der einstige EU-Kritiker erfolgreich um Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union bemüht. "Wir wollen dem skeptischen Westen beweisen, dass ein moslemisches Land demokratisch und transparent regiert werden kann", sagt Gül selbst. In Brüssel wie in Ankara gilt er als gemäßigter Konservativer, als angenehm-humorvoller Gesprächspartner und als ausgleichende Persönlichkeit.

Erdogans Ersatzmann

Dieses Image hat ihm den Weg zur Präsidentschaftskandidatur geebnet. Ministerpräsident Erdogan wäre wohl selbst gerne Präsident geworden – doch er galt als nicht durchsetzbar. Also nominierte die AKP stattdessen Gül. Die beiden Politiker sind langjährige Weggefährten. Beide haben ihre Wurzeln in der inzwischen verbotenen islamischen Wohlfahrtspartei (RP) – Gül war für die RP zunächst Abgeordneter und dann Regierungssprecher.

Gemeinsam gründeten sie 2001 die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP), die sich selbst als demokratisch und konservativ definiert. Erdogan übernahm den Parteivorsitz, Gül wurde Stellvertreter. Im Führungsduo gab stets Erdogan den Ton an. Nach dem ersten AKP-Wahlerfolg 2002 war Gül zwar kurze Zeit Ministerpräsident, da Erdogan aufgrund eines Gerichtsurteils nicht gewählt werden durfte. Als das Politikverbot aufgehoben wurde, räumte Gül aber umgehend seinen Platz für Erdogan – und wurde Außenminister.

Streit um das Kopftuch

Als Minister bot er nur wenig Angriffsfläche, dafür ist der Privatmann Gül der Opposition ein Dorn im Auge. Güls Ehefrau Hayrünnisa klagte im Februar 2003 vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof gegen das Kopftuch-Verbot an staatlichen Universitäten, das für die türkische Opposition Ausdruck der strikten Trennung von Religion und Staat ist.

Hayrünnisa und Abdullah Gül, Quelle: dpa

Eine First Lady mit Kopftuch? Für Kemalisten undenkbar

Eine First Lady mit Kopftuch? Manche sehen das als Symbol für eine drohende islamische Gegenrevolution. Abdullah Gül hingegen winkt ab. Schließlich stehe nicht seine Frau zur Wahl. Außerdem gewähre die türkische Verfassung die grundlegenden Menschenrechte - "einschließlich des Rechts, sich zu kleiden, wie man mag."

Opposition warnt vor Islamisierung

Kritiker fürchten trotzdem, dass der stets freundlich lächelnde Politiker das Land schleichend islamisieren wolle, indem er Schlüsselpositionen an Islamisten vergibt. Als Präsident wäre er Oberbefehlshaber der Armee, die sich als Hüterin der Verfassung versteht. Für manche eine schreckliche Vorstellung. Güls Ansichten, meint Onur Oymen von der oppositionellen CHP, seien "gegen die grundlegenden Prinzipien unserer Republik, beginnend mit der Trennung von Religion und Staat."

Gül bekräftigt hingegen, er strebe keine Islamisierung an. "Die Verfassung wird meine Richtschnur sein. Die Türkei ist ein demokratischer, säkularer und sozialer Rechtsstaat. Ich möchte diese Prinzipien schützen und stärken." Als ehemaliger Außenminister wolle er auch das internationale Ansehen seines Landes stärken. "Die Türkei wird sich mehr an den Fragen der Welt beteiligen", kündigt er an.

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