Bode Miller: ″Staatsdoping ist eine Schande″ | Sport | DW | 08.02.2018
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Olympische Winterspiele 2018

Bode Miller: "Staatsdoping ist eine Schande"

Bode Miller geht bei Olympia 2018 als TV-Experte an den Start. Während der Vorbereitung auf seine neue Aufgabe übt der erfolgreichste US-Skirennläufer aller Zeiten auch Kritik am Doping in Russland.

US-Skirennfahrer Bode Miller beim Rennen auf der Piste (Foto: picture-alliance/dpa/J.-C. Bott)

Immer spektakulär: Bode Miller - hier bei der Abfahrt vor vier Jahren in Lenzerheide

Die "Olimpionica", die schwarze Piste oberhalb von Andalo im Skigebiet Paganella, ist bestens präpariert für den Auftritt von Bode Miller. Der US-Amerikaner geht mit Blick auf die spektakulären Brenta-Dolomiten im Kampf gegen die Uhr an den Start. Es ist kein Weltcuprennen, vielmehr geht es um "Spaß", auch um Werbung für die norditalienische Region Trentino. Seine Gegner sind ambitionierte Nachwuchs- und Hobbyfahrer, die dem früheren Weltstar Paroli bieten wollen. Miller kennt den Steilhang ganz genau, hier hatte sich das US-Skiteam oftmals auf Wettbewerbe vorbereitet. "Ich wäre überrascht, wenn ich diesen Riesenslalom nicht gewinnen würde", äußert er sich siegessicher.

"Come on, Body", feuern ihn die Zuschauer beim Start an. Mit geschmeidiger Wucht schlängelt sich die Nummer 1 durch die Stangen auf der steilen "Piste der Champions". Nach 21,05 Sekunden rast er über die Ziellinie, nicht mehr ganz so halsbrecherisch und spektakulär wie zu Profizeiten. Dennoch, seine Zeit sollte doch wohl für den Sieg reichen. 

Outdoor und Lifestyle im Trentino

Lange Zeit hatte Miller auf seine sechste Olympiateilnahme gehofft, erst im letzten Herbst verkündete er seinen Rücktritt. Er fühle sich "glücklich" und vermisse den Rennsport nicht mehr, erklärt der 40-Jährige jetzt. Die Bilanz des Ski-Allrounders mit 33 Weltcupsiegen, vier WM-Titeln und sechs Olympia-Medaillen ist außergewöhnlich. Zweimal holte er den Gesamtweltcup. Miller ist zudem der einzige Skirennläufer, der in jeder der fünf alpinen Disziplinen mindestens fünf Siege errang.

Der ehemalige US-amerikanische Skirennläufer Bode Miller steht am Ende der Piste (Foto: DW/S. Stroncik)

2017 beendete Miller offiziell seine erfolgreiche Karriere  

Bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang (9. bis 25. Februar) wird der Ski-Rentner dennoch nicht fehlen. Die TV-Sender NBC und Eurosport setzen auf seine Expertenmeinung. Die ist auch im Trentino gefragt. Zahlreiche Fans sowie Journalisten überwachen jeden Schritt des Ski-Stars, der seit Jahren "gute Kontakte" zur Gemeinde Andalo pflegt. "Ich liebe viele Skigebiete in Europa, aber Paganella im Trentino ist für mich besonders schön", versichert Miller. Der Schnee sei großartig - mit einer ganz besonderen Qualität. Und das Training hier habe dem US-Team immer große Fortschritte gebracht.

Miller sieht im Trentino, das sich von den Dolomiten bis zum Nordzipfel des Gardasees erstreckt, viele Kultureinflüsse Österreichs. Das Essen und die Gastfreundschaft seien aber anders und vermittelten ihm ein besonderes Gefühl. "Es gibt hier keine Dienstleistungsindustrie, sondern man fühlt sich wie zu Hause." Immer wieder komme er gerne zurück. Die Region sei ideal für Familien und er schätze sie für Outdoor-Erlebnisse und Lifestyle, so Miller.   

"Jetzt kommt die Wahrheit heraus"

Das Rennen auf der "Olimpionica" hat mittlerweile an Fahrt aufgenommen. Weit über 100 Läufer jagen Bode Millers Zeit. Der macht sich derweil wegen des anhaltenden Nordkorea-Konflikts Gedanken über die Situation bei Olympia. "Der Konflikt besorgt mich eher nicht. Und ich denke, dass niemand ihn so genau versteht, auch nicht die genauen Beziehungen zwischen Nord- und Südkorea." Die Winterspiele böten aber eine große Chance: "Kulturelle Lücken können überbrückt werden." Pyeongchang sei zudem ein spektakulärer Ort für Winterspiele. Ein unsicheres Gefühl weist er von sich: "Das Olympiagelände ist der sicherste Ort auf dem Planeten!"

Der ehemalige US-amerikanische Skirennläufer Bode Miller steht auf der Piste (Foto: DW/S. Stroncik)

Nach Paganella kehrt Bode Miller immer wieder gerne zurück

Relativiert hat Miller seine Meinung zum Thema Doping. Vor gut zehn Jahren forderte er noch die Freigabe von Doping im alpinen Skirennsport. Durch die Einnahme von EPO etwa könne die Sicherheit der Rennläufer erhöht werden, da sie gegen Ende eines Laufs weniger erschöpft wären und somit weniger gefährliche Unfälle geschähen. "Ich wollte damals über die reale Situation diskutieren. Ich wusste, was vorgeht und wurde in den Medien dafür regelrecht niedergemacht", sagt Miller heute. "Doping gibt es seit den Anfängen des Sports. Ich wollte nur eine ehrliche Diskussion, jetzt kommt die Wahrheit heraus."  

Das nachgewiesene russische Staatsdoping nennt Miller eine "Schande."  Auch wenn der Internationale Sportgerichtshof CAS die Sperre für einige Sportler aus Russland zurückgenommen hat, lobt Miller die Arbeit des Internationalen Olympischen Komitees, das er zuvor noch für einen "zahnlosen Tiger" gehalten hatte. "Endlich hat das IOC den Mut für Sanktionen bewiesen, denn systematisches Doping muss bestraft werden!" Die Teilnahme russischer Starter unter neutraler Flagge hält er allerdings für sinnvoll. "Du kannst niemanden bestrafen, der nicht involviert ist", sagt Miller.  

"Dreßen hat Stärken wie ich"

Deutschen Skifahrern räumt Miller durchaus Medaillenchancen in Pyeongchang ein. Ausdrücklich erwähnt er Abfahrer Thomas Dreßen. "Ich hatte ihn schon vor seinem Sieg auf der Streif in Kitzbühel als aufgehenden Stern gesehen." Dreßen sei ein außergewöhnlicher Fahrer mit guter Kontrolle und Mut zu hohen Geschwindigkeiten. "Er hat ähnliche Stärken wie ich", urteilt Miller über den 24-jährigen Deutschen. "Wenn in Südkorea alles passt, kann Thomas gewinnen."

Der ehemalige US-amerikanische Skirennläufer Bode Miller auf der Piste (Foto: DW/S. Stroncik)

Miller fühlt sich im Trentino heimisch, auch auf der Piste

Mitgefühl äußert Miller für das deutsche Slalom-Ass Felix Neureuther, der wegen einer Knieverletzung Olympia absagen musste. "Das ist so schade, denn Felix ist eines der Gesichter des Weltcups. Seine Persönlichkeit und sein Stil sind bewundernswert. Ich bin mir aber sicher, wir werden ihn wiedersehen." Und wie sieht Millers Zukunft nach Olympia aus, könnte er sich einen Job als Trainer vorstellen? "Das bezweifele ich, denn die Rolle des Trainers ist wie die eines Athleten. Du bist dauernd unterwegs, man kann kein richtiges Familienleben haben. Ich habe vier Kinder. Für mich ist die Familie das Wichtigste."

An der urigen Dosson-Hütte im Skigebiet Paganella haben sich mittlerweile Schaulustige zur Siegerehrung des Rennens eingefunden. Sie erleben eine Überraschung. Den obersten Podestplatz muss der US-Amerikaner einem Nachwuchsfahrer überlassen. David aus Tschechien, mit 15 Jahren fast noch ein Kind, war über eine Sekunde schneller. Vielleicht haben die Zuschauer im Trentino ja einen neuen Bode Miller gesehen.

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