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Politik

Blutige Warnung

Bei einem Anschlag auf die internationalen Afghanistan-Schutztruppe (ISAF) bei Kabul sind am Samstag (7.6.) vier deutsche Soldaten getötet worden. Günther Knabe kommentiert.

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Wie eine blutige Warnung wirkt der Anschlag auf die Bundeswehrsoldaten. Es ist das erste Mal, dass Soldaten des internationalen Kontingents nicht durch Unfälle oder Minen umgekommen oder verletzt wurden, sondern durch einen gezielten Anschlag. Das Attentat erinnert daran, dass der Einsatz der International Security Assistance Forces (ISAF) ein großes und keineswegs restlos kalkulierbares Risiko für alle Beteiligten ist und vom Anfang bis zum Ende mit Gefahr für Leib und Leben verbunden.

Daraus haben weder die verantwortlichen Politiker noch die Führung der Bundeswehr je ein Hehl gemacht. Bundesverteidigungsminister Peter Struck hat wiederholt auf diese Gefahren hingewiesen. Die Soldaten des deutschen ISAF-Kontingents waren und sind auf ihren Einsatz am Hindukusch in jeder Weise gut vorbereitet. Viele von ihnen haben bereits Erfahrungen bei anderen vergleichbaren Auslandseinsätzen - zum Beispiel in Bosnien und im Kosovo - gemacht. Ihre Zeit dort nannten manche von ihnen "einen Urlaub" im Vergleich zur Stationierung in Kabul.

Der deutschen Öffentlichkeit aber scheinen Gefahren und Risiken des ISAF-Mandants bis heute nie so recht bewusst gewesen zu sein. Die Aufmerksamkeit auch der Medien war ohnehin viel stärker auf den Irak-Krieg und seine Folgen gerichtet als auf Afghanistan, obwohl dort der Krieg gegen die Reste der Taliban und El-Kaida-Terrorristen noch nicht zu Ende ist und außerhalb Kabuls nahezu täglich mit Waffengewalt um die Macht in den einzelnen Provinzen und Regionen gekämpft wird.

Die tödliche Autobombe, die in Kabul gezündet wurde, muss eine schreckliche Warnung sein, die Gefahren nicht zu vergessen, denen die ausländischen Friedenshelfer dort und das afghanische Volk noch lange ausgesetzt sein werden auf dem Weg in eine stabile und sichere Zivilgesellschaft. Viele Kräfte stellen sich diesem Ziel - auch mit Gewalt - entgegen.

Welche davon möglicherweise hinter dem tödlichen Autobomben-Anschlag steckt, kann bisher nur Spekulation sein. Vielleicht wird es auch nie mit Sicherheit herauszufinden sein. Der Attentäter selbst ist bei seinem Mordanschlag umgekommen. Es ist bis jetzt auch nicht auszuschließen, dass er ein fanatischer Einzeltäter war. Dagegen spricht allerdings, dass dieses Attentat einiger Vorbereitungen und auch Informationen bedurfte, für die mehrere Menschen oder eine Organisation erforderlich gewesen sein dürften.

Und solche finsteren Helfer gibt es genug in Afghanistan. Schließlich sind die Taliban und ihre El-Kaida-Kampfgenossen noch nicht endgültig besiegt oder aus Afghanistan vertrieben. Erst am letzten Mittwoch (4.6.) kam es, in der Gegend von Kandahar, der früheren Hochburg der Taliban im südlichen Afghanistan, zu heftigen Kämpfen gegen die fanatischen so genannten Koranschüler. Ihr immer noch umher geisternder Anführer, Mullah Mohammad Omar, rief danach zu Rache auf.

Zum Kampf gegen die Übergangsregierung von Hamid Karsai und gegen alle nicht-muslimischen Ausländer in Afghanistan ruft auch immer wieder Guldbuddin Hekmatyar auf, der untergetauchte Chef der fundamentalistischen Hesbe Islami.

Feinde der Übergangsregierung Karsai sind auch viele der anderen früheren Chefs von Mudschahedin-Bewegungen, die heute als warlords (Kriegsfürsten) Macht über ganze Provinzen und Regionen haben. Sie wollen diese Macht nicht teilen und auch nicht auf ihre enormen Einkünfte aus Zollgebühren und Handel mit Rauschgift und Waffen verzichten. Ihnen ist die Kabuler Regierung unter Karsai nur ein lästiger Störfaktor. Und dieser Übergangspräsident wird nur von den ISAF-Truppen in Kabul geschützt und vom amerikanischen Militär in Afghanistan gestützt.

Grund genug könnte das für manchen warlord sein, die ISAF-Führung durch Attentate und andere Terror-Akte so zu verunsichern, dass sie den Einsatz in Afghanistan in Frage stellen. Bedrohlich muss diesen Kalaschnikow-Barbaren die ISAF erst recht erscheinen, seit öffentlich überlegt wird, deren Einsatz über Kabul hinaus auszudehnen. Genau dieser Plan soll in der nächsten Woche von einer Gruppe deutscher Fachleute in Gebieten außerhalb der afghanischen Hauptstadt auf seine Durchführbarkeit geprüft werden.

Wie groß sie das Risiko dann auch einschätzen werden, den politisch Verantwortlichen kann man nur den Mut wünschen, es einzugehen. Denn die Alternative zu einer schrittweisen Ausweitung der Stationierung der ISAF-Truppen in die Provinzen hinein ist die wachsende Gefahr, dass aus den Provinzen heraus Raketen auf Kabul geschossen und Terror-Anschläge dirigiert werden.

Es steht zu befürchten, dass dann die Wellen der Gewalt und der brutalen Kämpfe um die Macht in die Hauptstadt hinein rollen und diese Insel einer durch die ISAF geschaffenen begrenzten Sicherheit in erneutem mörderischen Chaos versinken würde. Die Gefahren einer Stationierung von ISAF-Soldaten im ganzen Land werden bislang im Westen eher überschätzt.

Wenn die internationale Gemeinschaft mit Truppen und Ausrüstung in ganz Afghanistan sichtbar macht, dass sie es ernst meint mit der Entwaffnung der ganzen Bevölkerung auch außerhalb Kabuls und mit der Befriedung des ganzen Landes, dann werden die Provinz-Kriegsherren und Ex-Mudschahedin-Führer, von denen viele mittlerweile nichts anderes als Bandenchefs sind, recht schnell klein beigeben. Denn wenn es etwas gibt, was diese skrupellosen, machthungrigen Figuren respektieren, dann ist es Macht.

Die große Mehrheit der afghanischen Bevölkerung würde ISAF-Friedenshelfer ganz gewiss willkommen heißen, so, wie jetzt schon in Kabul. Auch das würde die Macht der Kriegsfürsten erschüttern. Wenn aber das ISAF-Mandat weiter auf Kabul beschränkt bleibt, dann bleibt Afghanistan auf dem Weg zu stabilem Frieden stecken und das Ziel einer Zivilgesellschaft wird nie erreicht. Eine blutige Warnung auch davor war der Anschlag auf die Bundeswehrsoldaten.