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Wirtschaft

Blutige Kohle aus Kolumbien

Massaker, gezielte Morde, Vertreibungen: Rohstoffkonzerne sollen in Kolumbien jahrelang an Verbrechen beteiligt gewesen sein. Auch deutsche Versorger werden mit ihrer Kohle beliefert.

Es war zwei Uhr nachts an jenem 19. Februar 2002 als ungefähr 30 maskierte Paramilitärs im Dorf auftauchten, erinnert sich Marina Barbosa. "Sie stoppten an unserem Haus und klopften an die Tür, aber ich wollte sie nicht hereinlassen. 'Beeil' dich oder wir werfen eine Granate rein!' haben die Männer gerufen. Dann haben sie die Tür eingetreten. 'Ihr unterstützt die Guerilla!' schrien sie."

Marina und ihre beiden Kinder Rafael Arturo und Maira Marleny wurden gezwungen, sich auf den Boden zu legen, während die Männer das Haus durchsuchten und die Einrichtung zerstörten. Alles, was irgendwie von Wert war, nahmen sie mit. "Nachdem sie das Haus durchsucht hatten, beschuldigten die Paramilitärs meinen Mann, Mitglied der Gewerkschaft zu sein. Aber das stimmte nicht. Er arbeitete bei Drummond, das schon: er fuhr LkWs. Schließlich zerrten sie ihn nach draußen und erschossen ihn, vor unserem Haus, vor den Augen unserer Kinder. Er hatte neun Kugeln im Leib."

Zahlreiche Opfer

Marina Barbosa ist nur eines von zahlreichen Opfern von Menschenrechtsverletzungen durch Paramilitärs in der Kohleregion Cesar im Nordosten Kolumbiens. In der Ende Juni (30.6.2014) veröffentlichten Studie "Dark Side of Coal" erhebt die niederländische NGO Pax for Peace schwere Vorwürfe gegen die Minenbetreiber Prodeco, eine Tochter des Schweizer Glencore-Konzerns, sowie das US-amerikanische Familienunternehmen Drummond. Die Unternehmen sollen jahrelang mit Paramilitärs zusammengearbeitet haben. Auch deutsche Energieunternehmen wie E.ON, RWE, EnBW oder Vattenfall sind als Abnehmer kolumbianischer Kohle - wenn auch indirekt - involviert.

Kolumbianischer Paramilitär (Foto: Carlos Villalon/Liaison/Getty Images)

Kolumbianischer Paramilitär

"Niemand wollte in den 1990er Jahren in Cesar Kohle fördern - außer Drummond und Prodeco. Sie hatten aber das Problem, dass es Angriffe und Entführungen durch die Guerilla gab. Die Gegend war Kriegsgebiet", erklärt die Autorin der Studie, Marianne Moor. "Also haben die Unternehmen mit Paramilitärs zusammengearbeitet und eigene Sicherheitsdienste geschaffen." Diese seien in der Nähe der Minen und entlang der Eisenbahnlinien stationiert worden. "Sie haben mit 40 Männern begonnen, am Ende waren es 600."

Unterstützung paramilitärischer Gruppen

Allein im Verwaltungsbezirk Cesar gab es der Studie zufolge zwischen 1996 und 2006 nach konservativen Schätzungen rund 2.600 gezielte Morde, 500 Opfer von Massakern und mindestens 240 Verschwundene. Zudem wurden mehr als 59.000 Menschen aus der Region von Paramilitärs vertrieben. "Das Land haben sich die Minenbesitzer angeeignet", sagt Moor. "Nach wenigen Jahren war die Guerilla aus dem Gebiet verschwunden. In der Logik der Minenbetreiber war die Gegend sicherer geworden."

Die Unternehmen hätten nicht nur von Menschenrechtsverletzungen gewusst und nichts dagegen unternommen, sondern auch paramilitärische Gruppen wie die Autodefensas Unidas de Colombia (AUC) oder die Frente Juan Andrés Álvarez (JAA Front) maßgeblich finanziell und logistisch unterstützt.

Marianne Moor PAX Niederlande (Foto: PAX)

Marianne Moor von PAX

"Aus zahlreichen Aussagen geht hervor, dass insbesondere Drummond, aber auch Prodeco in verschiedener Weise mit den Paramilitärs aktiv kooperiert haben. Wir haben neun unterschiedliche Quellen im Fall Drummond und vier im Fall Glencore/Prodeco, die besagen, dass die Unternehmen die Paramilitärs mit bedeutenden Summen finanziert haben, zunächst durch Barzahlungen, später liefen die Geldüberweisungen über Zulieferer, und nach 2002 über Anwälte", erklärt Moor.

Über eine einzelne Catering-Firma sollen allein 900.000 US-Dollar geflossen sein. "Darüber hinaus gab es einen Informationsaustausch zwischen Unternehmen und Armee und Paramilitärs." Trotz der Auflösung der AUC im Jahr 2006 halte paramilitärische Gewalt in der Region weiter an.

Unternehmen profitieren

Und die Unternehmen profitieren bis heute. "Die Morde und Morddrohungen haben die Gewerkschaften und die Zivilgesellschaft nachhaltig geschwächt. Darüber hinaus haben die Paramilitärs Zehntausende aus den Konzessionsgebieten von Drummond und Prodeco vertrieben."

Mehr als drei Jahre lang hat Pax Interviews mit Opfern von Menschenrechtsverletzungen sowie ehemaligen Paramilitärs, Beschäftigten der Bergbauunternehmen und ihren Zulieferern geführt. Darüber hinaus wurden Zeugenaussagen aus Gerichtsverfahren ausgewertet. Die Recherche sei schwierig gewesen. "Viele unserer Gesprächspartner sind eingeschüchtert worden", sagt Moor. "Lange Jahre haben die Ex-Paramilitärs über die Verstrickung in Verletzungen der Menschenrechte geschwiegen, nun sprechen sie, verstummen aber aus Angst um sich und ihre Familien erneut."

Vorwürfe zurückgewiesen

Sowohl Drummond als auch Glencore bestreiten entschieden die eidesstattlichen Erklärungen von Ex-Paramilitärs, Ex-Mitarbeitern und ehemaligen Vertragspartnern über die mutmaßliche Kooperation mit paramilitärischen Gruppen. Man habe versucht, Drummond frühzeitig in die Untersuchungen einzubeziehen, erzählt Moor. Doch statt einer Antwort drohte das Unternehmen mit rechtlichen Schritten. Glencore zeigte sich dialogbereiter, die Ergebnisse aber seien enttäuschend. Auf Nachfrage verweisen beide Unternehmen auf die offenen Briefe, in denen sie zu den Vorwürfen von Pax Stellung genommen haben. Diese sind auch im Anhang der Studie zu finden.

Auch deutsche Energieversorger wie E.ON, RWE, EnBW oder Vattenfall beziehen kolumbianische Kohle und stehen damit ebenfalls in der Verantwortung. Nach mehr als drei Jahren Dialog sei die Kommunikation mit den deutschen Unternehmen aber weiter schwierig, zeigt sich Moor ernüchtert. "Man kann nicht wirklich von einem Dialog sprechen. Die Untersuchungen werden bestenfalls kommentiert. Das wird schon daran deutlich, dass wir nur mit Pressesprechern der Unternehmen Kontakt hatten. Wenn es wirkliche Sorge geben würde, hätten die Geschäftsführer das Gespräch mit uns gesucht. Die Unternehmen schieben die Verantwortung auf die kolumbianische Regierung ab."

Deutsche Energieversorger

In Deutschland scheint einzig EnBW an einer ernsthaften Aufklärung interessiert - ein Eindruck, den auch Moor bestätigt. Man unterhalte zwar keine direkte Geschäftsbeziehung zu Drummond, so das Unternehmen, nehme die Vorwürfe aber sehr ernst. "Im März 2014 hat die EnBW ein Expertenteam nach Kolumbien geschickt, um sich über die Verhältnisse und Umstände aus erster Hand zu informieren. Als erstes Ergebnis haben wir einen Vor-Ort-Repräsentanten benannt, der für Gespräche mit Vertretern aller Stakeholder in Kolumbien zur Verfügung steht", heißt es.

Während von Vattenfall keine Stellungnahme zu erhalten ist, pocht E.ON gegenüber der DW auf Vertraulichkeit und verweist ansonsten auf die Initiative Bettercoal, die an Lieferanten ethische, soziale und umweltbezogene Standards stellt. RWE wiederum teilt auf Nachfrage mit, in dem Zeitraum der Studie (1996-2006) keine direkte Beziehung zu Drummond und Prodeco gehabt zu haben. Aber davon war auch nie die Rede.

"Es war von Anfang an schwierig", sagt Moor. "Es hat nie einen richtigen Dialog gegeben, deshalb haben wir uns überhaupt erst entschieden, mit der Studie an die Öffentlichkeit zu gehen."

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