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Reise

Blutige Befreiung: Berlin am Ende des Zweiten Weltkriegs

Nach einem brutalen Endkampf um Berlin kapitulierte am 8. Mai 1945 die militärische Führung Nazi-Deutschlands. Zum Jahrestag hat sich DW-Reporter Jefferson Chase auf die Spuren der einstigen Niederlage begeben.

Copyright: DW / Maksim Nelioubin

Das Soldatendenkmal im Treptower Park

April 2015. Ich fahre durch Bruchmühle. Ein gepflegter, kleiner Ort rund 30 Kilometer östlich von Berlin mit ein paar alten Villen, guten Stellen zum Angeln, einem Sportplatz und einem Billigsupermarkt. Schwer vorstellbar, dass dieses friedliche Nest jemals eine Rolle in der Geschichte gespielt haben soll.

Hat es aber, vor exakt 70 Jahren. In der zweiten Aprilhälfte 1945 machten russische Truppen unter Marschall Georgi Schukow in Bruchmühle und Umgebung Halt, um sich vor ihrem großen Angriff auf Berlin - der letzten europäischen Schlacht des Zweiten Weltkrieges - noch einmal zu sammeln. In einem dreigeschossigen Haus in der Buchholzer Straße 8 verbrachte außerdem der spätere Vorsitzende der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Walter Ulbricht, die erste Maiwoche und bereitete die Gründung der DDR vor.

Heute erinnert daran lediglich eine kleine Tafel an der Hauswand. Im Grunde ist keine der sogenannten Stätten der Befreiung Deutschlands von der NS-Herrschaft, wie die deutsche Niederlage nachträglich bezeichnet wird, wirklich spektakulär. Doch ich bin nicht nur ein Amerikaner, der schon lange in Berlin lebt. Ich bin vor allem ein Geschichtsfan. Und den Untergang des Dritten Reiches, dieses Ereignis von Weltgeschichte, finde ich so spannend, dass ich mich sofort auf den Weg mache.

Straßen des Todes

Der russische Marschall Schukow und seine Truppen brauchten mehr als zwei Wochen, um von Bruchmühle ins Zentrum Berlins zu gelangen, wo sie den Reichstag stürmten. Es war der finale Akt eines Krieges, der für Deutschland seit mindestens zwei Jahren nicht mehr zu gewinnen war. In den beiden Schlusswochen starben mehr als 170.000 Menschen. In meinem Auto lege ich die Strecke in ungefähr einer halben Stunde zurück.

Der Reichstag ist bekanntermaßen restauriert und von Architekt Norman Foster neu bekuppelt worden. Die Moltkebrücke - damals Kulisse für erbitterte Kämpfe im untergehenden Nazi-Berlin - ist nur noch eine Straße, die über die Spree führt.

Copyright: Frederike Müller (DW)

Das Sowjetische Ehrenmal in Berlin-Tiergarten

Ich parke vor dem Sowjetischen Ehrenmal unweit des Reichstags und des Brandenburger Tores. Eine Handvoll Touristen fotografiert den halbrunden, pseudoklassischen Bau mit der Statue eines triumphierenden Soldaten der Roten Armee oben drauf. Die beiden Panzer, die rechts und links das Ehrenmal schützen, wirken - wenn man ehrlich ist - ein bisschen lächerlich.

Dass sich das Ehrenmal in Westberlin befand, war den russischen und ostdeutschen Kommunisten ein Dorn im Auge. Also errichteten sie 1949 ein viel monumentaleres Denkmal im Treptower Park im Osten Berlins. Hier wollte man allen zeigen, wo Hammer und Sichel hängen. Stolze 100.000 Quadratmeter misst die Anlage, 40.000 Kubikmeter Granit wurden verbaut, und die Statue eines Soldaten, der ein zerbrochenes Hakenkreuz mit dem Fuß zertritt, ragt 30 Meter in die Höhe. Ein imponierender, aber gerade in seiner Un- und Übermenschlichkeit surrealer Anblick. Das Monument verkörpert den Wunschbild der UdSSR und ihrer Vasallen. Mit der Realität des Krieges, finde ich, hat es herzlich wenig zu tun.

Das Ende vom Untergang

Copyright: Andreas Rentz/Getty Images

Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche mahnt bis heute vor den Folgen des Krieges

Betrachtet man Berlins Architektur, so hat zynischerweise der Alltag des NS-Terror-Regimes bis heute mehr Spuren hinterlassen, als sein späterer Untergang. Mit Ausnahme der abgebrochenen Spitze der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche am Berliner Zoo sind die Kriegsverwüstungen kaum noch sichtbar. In den berühmten Luftaufnahmen nach der deutschen Kapitulation vom 8. Mai 1945 sah Berlin wie eine Marslandschaft aus. Mehr als die Hälfte aller Gebäude war zerstört oder schwer beschädigt. Inzwischen wechseln sich am heutigen Spreebogen neue Regierungsgebäude und Parks ab.

Ich fahre weiter nach Osten; zu dem Ort, wo der Horror ein Ende nahm. Am 8. Mai 1945 unterzeichneten führende Vertreter der deutschen Wehrmacht die bedingungslose Kapitulation in einem Offizierskasino in der Zwieseler Straße 4 im Außenbezirk Berlin-Karlshorst. Der Zweite Weltkrieg war nun vorbei. Der gediegene, holzgetäfelte Saal, wo Hitlers Wahnsinn offiziell begraben wurde, ist erhalten. In den anderen Etagen ist eine Ausstellung, die über das Ausmaß der deutschen Verbrechen während des Krieges informiert. Sie benennt auch die hohen Opferzahlen, die die osteuropäischen Völker im Krieg gegen Hitler verzeichneten. Ich frage mich, ob sich die Touristen aus den USA oder Großbritannien darüber im Klaren sind, dass es russische und polnische Einheiten waren, die die Nazi-Hauptstadt endgültig unterwarfen.

Weichenstellung für die Nachkriegszeit

Nach dem Krieg wurde das Haus in Karlshorst von der sowjetischen Militärverwaltung Berlin genutzt. Das westliche Pendant dazu ist das Alliiertenmuseum im Bezirk Dahlem, dessen Fokus allerdings auf der Nachkriegszeit in Berlin liegt. So fahre ich lieber gleich über die Ringautobahn zum Cecilienhof nach Potsdam. In dem ehemaligen Schloss des wilhelminischen Kronprinzen trafen sich von Mitte Juli bis Anfang August 1945 die Staatsoberhäupter der USA, der UdSSR und Großbritanniens und regelten die Zukunft Deutschlands (sprich: die zukünftige Teilung). Das Ereignis zog einen Strich unter den Zweiten Weltkrieg und markierte gleichzeitig gewissermaßen den Anfang des Kalten Krieges.

Copyright: DPA

Im Innenhof von Schloss Cecilienhof

Ich mag den Ort. Der Cecilienhof liegt in der Nähe eines idyllischen Sees und hat nichts Gigantomanisches oder Martialisches. Im Gegenteil: Im Cottage-Stil mit viel Fachwerk gebaut, stammt das Schloss ganz klar aus der Zeit vor den beiden Weltkriegen und wirkt beinahe naiv. Menschlich eben.

Der Cecilienhof wurde im Krieg nicht beschädigt, und während ich durch die Anlage gehe, frage ich mich, ob Stalin, Truman und Churchill auch diese Ruhe genossen, als sie im Sommer 1945 das Ende des schlimmsten Krieges in der Geschichte und den Beginn einer neuen Weltordnung besiegelten. Zwischen perfekt getrimmtem Rasen und Blumenbeeten scheint es mir unmöglich, mich gedanklich in das Inferno zurück zu versetzen, das Berlin vor 70 Jahren befreite und fast wegfegte. Die Tour, die ich heute gefahren bin, erzählt eine Geschichte unermesslichen Leides. Und dennoch eine mit Happy End.

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