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Wissen & Umwelt

Blutegel: Ekelhaft-gesunde Vampire

Es braucht Überwindung, um sich freiwillig von Blutegeln aussaugen zu lassen. Doch die Tiere erleben eine Renaissance als Heilmittel bei unterschiedlichen Beschwerden. Sie helfen mit Biss und fast ohne Nebenwirkungen.

Die Viecher in der Praxis sind mir sofort aufgefallen - ekelig, wie die Egel an der Wand des mit Wasser gefüllten Glases klebten. Doch meine alte Hündin lahmte sehr, und so machte Ulrike Mönnich einen folgenschweren Vorschlag: "Ich setze Smilla einen Blutegel an die Hüfte." Mit gewohnt stoischer Ruhe ließ es sich der Retriever gefallen, dass die Tierheilpraktikerin den circa sechs Zentimeter langen Ringelwurm an der Hüfte platzierte und der sich nach einiger Zeit dort festbiss. Dann saugte der dunkelolivgrüne Wurm fast eine Stunde lang und wurde zunehmend feister und länger, ehe er sich vom Hundekörper fallen ließ.

Blutegel sondern gerinnungshemmendes Hirudin ab, um anschließend das bis zu Fünffache ihres Körpergewichts an Blut aufsaugen zu können. "Anderthalb Jahre könnte der Egel von der Mahlzeit leben", sagte Ulrike Mönnich. Sie wickelte das Tier aber in Papier ein. Es sollte im Gefrierfach landen. Smilla bekam einen Verband angelegt, denn an der Bissstelle des Wirtes wird die Blutgerinnung für Stunden gestoppt. "Es wird nachbluten. Bis zu 24 Stunden nach dem Biss dauert es, bis sich die Wunde geschlossen hat", erklärte Mönnich ihr Tun.

Egel im Glas und Heilpraktikerin Mönnich mit Hund (Foto: DW/K. Jäger)

Vorne im Glas warten die Blutegel auf ihren Einsatz, Hündin Smilla liegt schon zum "Egeln" bereit

Wie durch ein Wunder konnte mein Haustier schon einen Tag nach der Saugattacke sichtbar besser laufen.

Selbstversuch mit Ekelerregung

Ermutigt vom Heilerfolg des Hundes, aber auch aus Neugier beschließe auch ich mich "egeln" zu lassen. Seit Jahren kämpfe ich gegen schlimme Schmerzen an Rücken, Hüften, Knien. Wenn es nach den Orthopäden ginge, hätte ich längst zwei künstliche Hüftgelenke und Knieprothesen. Mittlerweile sind der Leidensdruck und die Furcht vor OPs größer als die Abscheu vor einem ausgehungerten Ringelwurm.

Heilpraktikerin Julia Wiehlpütz hat extra für mich "medizinische Blutegel" aus der Apotheke bestellt. Denn der Hirudo medicinalis - so sein wissenschaftlicher Name - wird als Heilmittel geführt und extra zur medizinischen Behandlung gezüchtet. Ich habe, wie die Heilpraktikerin mir geraten hatte, an diesem Tag nicht geduscht und weder Creme noch Parfum aufgetragen. "Das mögen die Egel nicht. Da beißen sie nicht an", nennt sie als Grund. Ich versuche locker zu bleiben und habe nur einen Wunsch: Möglichst weit weg vom Kopf sollte das Viech anbeißen. Hingucken will ich keinesfalls. Das Gewebe ums Knie scheint geeignet. Seit einer Innenband-OP ist es chronisch geschwollen. In der Kniekehle hat sich eine mit Flüssigkeit gefüllte Baker-Zyste gebildet.

Erst zieren sich die Egel, als Julia Wiehlpütz sie auf mein linkes Knie legt: "Die sind zickig, höchst sensibel. Sie spüren, wenn der Patient aufgeregt ist." Es dauert Minuten bis ich den unangenehmen Biss spüre, dann ein Kribbeln als wäre ich in Brennnesseln gefallen.

Blutegel am Hals (Foto: Karla Moser)

Reine Überwindungssache: Blutegel am Hals

Wirkt wie eine ganze Hausapotheke

Bis zu 300 spitze Zähne, zehn Augen, zwei Mäuler, zwei Saugnäpfe, sein Bluthunger, Magenblindsäcke zur Nahrungsspeicherung: Diese Zwitter, die erst männlich und nach der Paarung mit weiblichen Blutegel und deren Blutgenuss zu Weibchen mutieren, können bis zu 30 Jahre alt werden - sie sind mir eher unheimlich als dass sie mich faszinieren. Nach wenigen Minuten sabbert der Wurm auch noch.

Der Parasit, der sich ausschließlich von Blut ernährt, sondert ein durchsichtiges Speichelsekret ab: Bis zu 40 Inhaltsstoffe sollen darin vorhanden sein, darunter Hirudin, Histamin, Eglin, Calin und Hyaluronidase - Substanzen, die blutgerinnungshemmend, antibiotisch, gefäßerweiternd, durchblutungsfördernd, entkrampfend, entzündungshemmend, abschwellend und schmerzstillend wirken, erfahre ich später von Karla Moser, Vorsitzende der Internationalen Gesellschaft für Blutegeltherapie. Die Heilpraktikerin behandelt seit 35 Jahren Patienten mit Blutegeln. Über ihre Erfahrungen hat sie ein Buch geschrieben.

Karla Moser, Heilpraktikerin und Blutegel-Expertin (Foto: Karla Moser)

Schwört auf Blutegel: Heilpraktikerin Karla Moser

In einer Studie mit 32 Patienten fanden Moser und das Fraunhofer-Institut heraus, dass die Blutegel-Behandlung die Blutviskosität senkt. Die verbesserten Fließeigenschaften des Blutes konnten sogar drei Monate nach der Behandlung noch nachgewiesen werden. "Der Blutegel wirkt lokal, dort wo wir ihn ansetzen, auf den ganzen Körper entgiftend und das Immunsystem stärkend", beschreibt Karla Moser das Heilspektrum des Egels.

In der plastischen Chirurgie werden Blutegel nach Transplantationen eingesetzt, weil sie die Wundheilung und die Durchblutung verbessern. Die Körperimplantate wachsen schneller an.

So alt wie die Menschheit

Die gesamte Wirkung ist längst nicht erforscht, obwohl Blutegel in Jahrtausenden alten Sanskritaufzeichnungen erwähnt werden. Blutegeltherapien gab es in China, Indien und seit der Antike auch in Europa. In Urwaldgebieten wird so manch Urlauber von unliebsamen Blutegeln überrascht, die sich durch Rauch vertreiben lassen. Salz und Sonne lassen sie austrocknen.

Der medizinische Boom führte nahezu zur Ausrottung der glitschigen Therapietiere, die ursprünglich in Süßwasser-Tümpeln und Teichen lebten. Aufgrund der abnehmenden Wasserqualität sind frei lebende Exemplare kaum noch zu finden. Um zu vermeiden, dass sie Krankheiten ihres Wirtes übertragen, werden sie zu rein medizinischen Zwecken gezüchtet und nur einmal verwendet.

Das Ende des Blutsaugers, das Ende der Beschwerden?

Anderthalb Stunden hat sich der Schmarotzer voll gesaugt. Dann fällt er ab. Julia Wiehlpütz hat für die Nachblutung Kompressen und Verband bereitgelegt. Ich soll mir nicht mehr allzu viel vornehmen für den Tag. Wie auch mit der unaufhörlich blutenden Wunde?

Blutegel (Foto: Karla Moser)

Zuviel des Guten? Blutegel helfen gegen Knie-Arthrose

Das gesaugte Blut wird im Körper des Egels mithilfe von speziellen Darmbakterien konserviert, der Blutegel muss viele Monate keine Nahrung mehr aufnehmen. Rund um die Bissstelle hat sich ein kreisroter Ausschlag gebildet. Er juckt stark.

Nach einer Woche sind die Nebenwirkungen verschwunden. Die Schwellungen ums Knie haben sich zurückgebildet. Der brennende Entzündungsschmerz ist abgeklungen.

Die Narbe aber wird noch Monate sichtbar sein. Aber das Wichtigste: Die Schmerzen haben deutlich nachgelassen. Auch an den insgesamt weiteren körperlichen Baustellen, die ich inzwischen noch habe egeln lasse.

In der Natur möchte ich trotzdem keinen Blutegel anziehen. Gesammelt werden dürfen sie in Deutschland, der Schweiz und anderen Ländern Europas ohnehin nicht, da die in Freiheit lebende Spezies dort selten zu finden ist und unter Naturschutz steht.

Andererseits bin ich den kleinen Heilern dankbar dafür, dass sie sich für mich aufopfern. Julia Wiehlpütz sperrt sie immer in ein mit Wasser gefülltes Einmachglas, bevor sie im Kühlfach entsorgt werden. Karla Moser verhilft ihnen in Spiritus eingelegt zum Tod. Früher hielten die Egelzüchter betagte Tiere im "Rentnerbecken". "Das ist aber die reinste stinkende Kloake", sagt Heilpraktikerin Moser aus eigener Erfahrung. "Die Tiere haben viel Gift in sich aufgenommen, dürfen nicht mehr gefüttert werden, das Wasser muss ständig erneuert werden. Der Aufwand dafür ist zu teuer."