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Deutschland

Blumenhalle und Kubus

Das Jüdische Museum in Berlin hat seit 2001 mehr als sieben Millionen Besucher gezählt. Da die Ausstellungsräume mit den wissenschaftlichen Diensten aus allen Nähten platzen, bekommt das Museum mehr Platz.

Lindenstraße, Berlin-Kreuzberg: Hier, in einer ehemaligen Blumenhalle, entstehen die neuen Räumlichkeiten für das Jüdische Museum Berlin. Der Eingangsbereich liegt genau gegenüber dem zinkverkleideten zickzack-förmigen Museumsbau, und er hat es in sich: Ein riesiges asymmetrisches Loch wurde in die Außenwand geschlagen und mit einem schräg gestellten, gespaltenen Holzwürfel gefüllt. Die Arbeiten laufen auf Hochtouren, überall sind Handwerker unterwegs, denn im November soll die Einweihung stattfinden. Die schlichte, fast 7000 Quadratmeter große Stahlbetonhalle wurde von US-Architekt Daniel Libeskind umgestaltet.

Schräge Konstruktion

Daniel Libeskind (Foto: dpa)

Daniel Libeskind

Der in Polen geborene und in New York lebende Architekt gilt als schillernde Figur der internationalen Architekturszene. Libeskinds Bauten faszinieren und polarisieren zugleich. Unberührt bleibt niemand, wie bei seinem 1999 fertig gestellten Jüdischen Museum Berlin. Die Erweiterung ist teilweise wieder schräg: "Es ging nicht darum, ein neues Gebäude zu entwerfen, sondern die Blumenhalle zu transformieren. Entstanden ist ein neuer wichtiger kultureller Ort für das Jüdische Museum", erklärt Libeskind. Dafür hat er eine Haus-in-Haus-Lösung gefunden: drei gekippte Kuben für Akademie, Archiv und Bibliothek, die in die Blumenhalle integriert wurden.

Keine Kopie

Die gegeneinander geneigten dunklen Kuben, die mit Holzbrettern ummantelt sind, haben Ähnlichkeit mit Holzkisten, wie Bülent Durmus, stellvertretender Direktor des Jüdischen Museums, erläutert: "Holzkisten als symbolische Marke für die eingehenden Archivmaterialien aus der ganzen Welt. Diese sind uns nach Libeskinds Idee von überall zugeworfen worden." Doch ansonsten fehlen die für Libeskind so typischen Verwinkelungen, labyrinthischen Räume und asymmetrischen Fensterfronten. Spitzwinklig zulaufende Wände und gekippte Böden, auf denen man das Gefühl hat umzustürzen: Fehlanzeige. Die Akademie ist alles andere als eine Kopie des Jüdischen Museums auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Akademie für Forschung und Bildung

Die aus den 1960er Jahren stammende Blumenhalle wird nicht zur Schau- und Museumsfläche ausgebaut, sondern zur Akademie. Elf Millionen Euro kostet der Umbau, 60 Prozent trägt der Bund, der Rest wird privat finanziert. 750.000 Besucher kommen jedes Jahr in das Jüdische Museum. 7000 Führungen, 350 Schülerworkshops, Lehrerfortbildungen und Austausch mit Fachleuten aus Museen und Wissenschaft - der Erfolg ist groß, aber der Platz für die Bildungsangebote wird immer knapper. Deshalb erhalten Bibliothek, Archiv und pädagogischer Dienst neue Depots und Arbeitsstätten für Wissenschaftler und historisch Interessierte. Es entstehen Räume für Workshops, die jährlich bis zu 100.000 Besucher nutzen können, so Libeskind: "Ich wollte einen neuen Raum schaffen und dabei dem Thema Wachstum meine Referenz erweisen: Denn eine Pflanze wächst ja in gewisser Hinsicht wie der menschliche Geist eines Studenten oder Wissenschaftlers. Deswegen haben wir in die Mitte des Gebäudes einen Garten angelegt."

Jüdisches Museum Berlin (Foto: AP)

Das Jüdische Museum Berlin aus der Vogelperspektive

Garten der Diaspora

Hier, wo einst Schnittblumen aus den Niederlanden und Kenia verkauft wurden, soll schon bald der Garten der Diaspora erblühen. Auf einer Fläche von 900 Quadratmetern sollen Pflanzen aus Ländern wachsen, die Juden in der Diaspora eine neue Heimat gegeben haben. Der Besucher wird aber auch solche Pflanzen finden, die wichtig für die jüdische Kultur sind, wie Bitterkraut, Andorn, Kerbel oder Gewächse, die antisemitische Namen wie "Judentaler" und "Wandernder Jude" tragen. Die Idee eines biblischen Gartens hatte Libeskind aufgeben müssen: Dattelpalmen und Olivenbäume, wie sie in der Bibel erwähnt werden, hätten sich klimatisch nicht behaupten können oder inhaltlich nicht zur Ausrichtung des Museums gepasst. Da Libeskind sich um nachhaltiges Bauen und einen sparsamen Energiehaushalt bemüht, sind alle Räume aus Holz. Selbst im Winter wird die Blumenhalle nicht beheizt, nur die Kuben verfügen über Heizungen.

Kritische Stimmen

Im Grunde ist die Blumenhalle für die Erfordernisse eines Museums völlig ungeeignet: zu groß und architektonisch viel zu grobschlächtig, sagen Kritiker. Ein Drittel der ehemaligen Blumenhalle wird vorerst weder ausgebaut noch gebraucht und bleibt als Rohbau bestehen. Denkbar ist es, den hinteren Teil der Halle für Tagungen, Theateraufführungen und Konzerte zu vermieten. Einen Supermarkt jedoch könne er sich nicht vorstellen, darauf beharrt Bülent Durmus und erklärt weiter: Dass die typische Libeskind Architektur fehlt, dass der US-Architekt auf seine dekonstruktivistische Formensprache verzichten musste, hatte vor allem einen Grund - zu wenig Geld.

Noch offen ist der Name für den Platz vor der Akademie, so Direktor Durmus: "Der Name, der vom Bezirk favorisiert wird, entspricht nicht unseren Ideen. Wir hätten gerne etwas, was schillernder ist. Wir stellen uns einen Bezug zu unserem Thema hier vor."