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Musik

"Blue & Lonesome": Auf dem Album covern die Rolling Stones Blues-Songs

Nach mehr als zehn Jahren eine neue Scheibe von den Stones! Sie klingt, als hätte man alte Aufnahmen von Songs der größten Bluesmusiker aus den 1960ern restauriert. Dürfen die Stones sowas nachspielen? Sie müssen.

"Hate to see you go" - sinngemäß: Ich will nicht, dass du gehst. Dieser Songtitel von der neuen Rolling Stones-Platte "Blue & Lonesome" scheint auch das Motto der alten Herren aus London zu sein. Die Stones sind wieder - nein, immer noch - da. Ohne neuartigen Schnickschnack. Die Songs könnten auch aus den Anfängen der Band sein, damals in den frühen 1960er Jahren: astreiner Chicago-Blues mit kleinem Schlagzeug, virtuos gespielter Blues-Harp und kratzigen Gitarren, hübsch getrennt auf dem rechten und dem linken Stereokanal. Mick Jagger rotzt in altbekannter Manier Texte wie "Komm zurück, Baby, Baby, bitte geh nicht…" ins Mikrofon und klingt fast wie früher. Dabei ist der Mann inzwischen 73 Jahre alt.

Erstes Studioalbum seit 2005

Wen hören wir denn da, bitte? Eine Band, die sich nach ihrer Jugend zurücksehnt? Die Stones selbst nennen es eher so: "Die Leidenschaft für Bluesmusik war immer das Herz und die Seele der Rolling Stones." Was sie sicherlich in den letzten fünf Jahrzehnten das eine oder andere Mal vergessen haben. Warum auch nicht, es ist ganz natürlich, dass sich eine Band mit einer so langen Geschichte in vielen Musikrichtungen austobt. Doch der rote Faden aus Blues und Rock'n'Roll war nie ganz verschwunden. Und jetzt fahren sie nochmal ordentlich auf. Songs von Blues-Urgesteinen wie Howling Wolf, Jimmy Reed oder Willie Dixon sind zu hören, als Gastmusiker darf Eric Clapton in die Saiten hauen.

Verantwortlich für den rudimentären Sound des Albums war Produzent Don Was, der die Stones seit mehr als 20 Jahren im Studio begleitet. Die Aufnahmen zu "Blue & Lonesome" waren in nur drei Tagen im Kasten. Alle hätten die Songs direkt und live eingespielt und die Stücke seien nicht nachbearbeitet worden, erzählt Was dem französischen "Figaro". "Man hört Charlie Watts' Schlagzeug durch das Mikrofon von Mick Jagger. Die Platte klingt sehr trocken und authentisch, sie hat die Essenz von dem eingefangen, was die Stones sind." Nämlich eine Bluesband. Eric Clapton ist eher zufällig dazu gekommen. Er hat gerade im Studio nebenan produziert und spielte dann spontan bei zwei Songs mit.

Insgesamt zwölf Stücke sind auf "Blue & Lonesome zu hören" - die Auswahl kam ganz spontan und unwillkürlich. "Wir haben in unserem Leben genug neue Songs geschrieben", sagt Mick Jagger im Interview. "Also meinte ich: 'Lasst uns doch mal einen Blues spielen'". Das taten sie - und es klang so gut, dass sie nicht mehr damit aufhören wollten. Mick schlug einen Song nach dem anderen vor - und so entstand diese erstaunliche Sammlung auf dem neuen Stones-Album.

Alter hindert keinen echten Rock'n'Roller

Viele betagte Rockmusiker drehen nochmal auf, vielleicht auch, weil sie einfach nichts anderes tun wollen. So touren sie durch die Weltgeschichte und bespielen die größten Festivals. Denn eine berühmte Band zieht Leute, auch wenn die Falten tief, die Augenringe groß und die Mähnen grau und schütter geworden sind. Während Musik-Ikonen wie Lemmy Kilmister, David Bowie oder Leonard Cohen die Bühne verlassen haben, machen die anderen Senioren weiter, als wollten sie Alter, Krankheit und Tod den großen Mittelfinger zeigen. AC/DC, die Scorpions und Udo Lindenberg auf Dauertour. Metallica, Sting und die Stones mit neuem Album. Selbst der alte Elektroniker Jean-Michel Jarre hat sich soeben nochmal selbst aus dem Hut gezaubert. Und dann wurde noch die totgeglaubte Rockband Aerosmith wiederbelebt und beglückt die Welt 2017 mit der "Aero-Vederci Baby!"-Tour.

Die Stones als Blues-Coverband

Die Stones-Geschichte schreibt, dass der Blues der Anfang war, der Grund, warum sich Mick Jagger und Keith Richards dazu entschlossen, eine Band zu gründen. Blues und Rock'n'Roll waren die Grundsteine für die Karriere der jungen Band aus dem Londoner Stadtteil Richmond. Die Stones katapultierten die Musik der Schwarzen mitten hinein ins weiße Publikum. Wild, trotzig, ursprünglich. Keith Richards und Brian Jones schrieben den Blues mit ihren kompromisslosen Gitarrenriffs fort, während Charlie Watts cool und wie ein Uhrwerk dazu trommelte. Mick Jagger zeigte von Anfang an den Macho mit der Scheißegal-Haltung. Ohne Jagger gäbe es ihn vielleicht heute gar nicht: den unangepassten Rock'nRoller, der laut und wütend, narzisstisch und selbstbewusst sein Innenleben in die Welt hinausspeit.

Mehr als 50 Jahre später setzen die Stones den Helden ihrer Jugend ein musikalisches Denkmal, indem sie deren Songs covern. Und das vielleicht gar nicht mal so gut. Aber weh tut es auch nicht, was sie dort fabriziert haben. Nach mehr als 50 Jahren, 24 Studioalben, 23 Liveplatten, insgesamt 93 Singles und unzähligen Best-Ofs kann man getrost sagen: Die Stones haben genug abgeliefert. Jetzt können sie machen, was sie wollen.

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