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Kultur

"Bloody Monday" für die US-Presse

Jedes Jahr sinken die Auflagen der US-Zeitungen. Doch noch nie waren die Zahlen so dramatisch wie die jetzt verkündeten. Verliert die vierte Gewalt nach ihren Kunden auch ihre Kontrollfunktion?

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Schwere Zeiten für die US-Presse

Als "Bloody Monday" bezeichnete "Editor & Publisher", das älteste Fachblatt der Zeitungsindustrie, die Veröffentlichung der Auflagenzahlen des Verbandes der Zeitungsverleger der USA am Montag (9.5.2005). Es war der tiefste Einbruch seit zehn Jahren. Vor allem junge Leser scheinen sich durch andere Medien zu informieren und geben kaum noch Geld für die klassische Zeitung aus.

Der Trend hält nun schon seit beinahe zwei Jahrzehnten an: Jahr für Jahr gehen den US-Zeitungsverlagen Abonnementen verloren. Die Auflage der 814 überprüften Tageszeitungen sank im Durchschnitt allein im letzten Jahr um 1,9 Prozent. Bei den 643 Sonntagsausgaben sogar um 2,5 Prozent. Einzelne Blätter wie die "Baltimore Sun" mussten sogar einen Rückgang ihrer wöchentlichen Bezieher von über 10 Prozent hinnehmen. Und die "Los Angeles Times" verliert über 100.000 zahlende Leser pro Tag. Auch die "Chicago Tribune" verlor kräftig an Kunden: 6,9 Prozent werktags und 4,7 sonntags.

Für die Meinungsvielfalt in den USA könnte dies schwerwiegende Konsequenzen haben, denn die überregionalen Tageszeitungen üben eine wichtige Kontrollfunktion im öffentlichen Leben der USA aus.

Fehlen Einnahmen, fehlt auch Qualität

"Die Zeitungen können das nicht mehr ignorieren", sagt Thomas Kunkel, Dekan an der Journalistenschule der Universität von Maryland. Er sieht darin einen gefährlichen Trend, der die Zeitungen in den Ruin führen könnte. Die Werbekunden wollen schließlich so viele Leser wie möglich erreichen. Fehlen die Leser, gehen auch die Werbekunden.

Ein Teufelskreis, denn weniger Leser und sinkende Werbe-Einnahmen haben schwerwiegende Auswirkungen auf die journalistische Gestaltung der Blätter. In den USA arbeiten Print-Journalisten traditionell stark investigativ. Doch bei sinkenden Etats schrumpfen auch die journalistischen Kapazitäten - und die Qualität. "Wenn das Geschäftsinteresse die journalistischen Möglichkeiten einschränkt, weil eine 25-prozentige Profit-Marge auf jeden Fall erreicht werden muss, dann gibt es nicht viele andere Möglichkeiten, um Einsparungen zu erzielen", sagt Thomas Kunkel.

Der große Konkurrent: Internet

Ein Grund für die sinkende Abonnementenzahl ist das Internet. Ein Medium, das vor allem die jungen US-Bürger immer stärker nutzen, um sich zu informieren. Leider sei es den Zeitungen bisher nicht gelungen, Wege zu finden, wie sie mit ihrem Internet-Auftritt Geld verdienen können, sagt John Morton, Medienberater für den Hearst-Konzern, einen der größten US-Verlagsgruppen. "Die Leute erwarten, dass die Nutzung dieses Mediums kostenlos ist. So gesehen haben die Zeitungen mit ihren Webseiten selber für den Rückgang ihrer Abonnementenzahlen beigetragen."

Einige der US-Qualitätszeitungen - wie die "Washington Post" - versuchen dem Trend zu begegnen, indem sie kostenlose Anzeigenblätter mit Nachrichtenteil an potenzielle Leser auf der Straße verteilen lassen.

Eine Erfolgsmeldung macht Hoffnung: Die "New York Times" hat ohne kostenpflichtigen Internetauftritt als einzige US-Zeitung ein Auflagenplus geschafft - wenn auch nur von 0,25 Prozent. Mit neuem Layout und der Expansion in die Provinz konnten neue Kunden gewonnen werden.

Bedrohte Meinungsvielfalt?

Der Erfolg einer einzelnen Zeitung ist wahrlich nicht genug, wenn die gesamte Branche bedroht ist. Das dachte auch die "Newspaper Association of America". Sie will in den kommenden drei Jahren mehrere Millionen Dollar für eine große Werbekampagne ausgeben. Sie soll das Image der Zeitung verändern und einen neuen Trend zur Zeitung bewirken.

Doch während die Presse noch ihre Umsatz-Wunden leckt, steht bereits ein weiterer Kampf mit einem mächtigen Feind an: der Konzentration im Medienbereich. Sie bedroht vor allem die Meinungsvielfalt auf dem US-Pressemarkt. Die Zahl der unabhängigen Tageszeitungen schrumpfte in den letzten Jahren kontinuierlich und seit der Internet-Anbieter AOL vor vier Jahren den Medienkonzern Time Warner schluckte, wurden landesweit über 500 Journalisten entlassen.

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