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Welt

Blogger hungert für ein freies Ägypten

Der ägyptische Blogger Maikel Nabil Sanad wurde vom Militärgericht zu drei Jahren Haft verurteilt. Aus Protest hungert er nun schon seit fast 50 Tagen und ist dem Tode nahe.

Maikel Nabil Sanad Der ägyptische Blogger ist bereit für Freiheit zu sterben (Foto: DW/Viktoria Kleber)

Maikel Nabil Sanad ist bereit, für Freiheit zu sterben

Das letzte Mal als Nabil Sanad seinen Sohn Maikel gesehen hat, war am Samstag vor einer Woche. Maikel hatte Geburtstag, 26 Jahre alt, doch zum Feiern war keinem zu Mute. Mit seinem Sohn Mark, Maikels Bruder, und einem Kuchen ging der Vater ins Al-Marg Gefängnis. Seit Ende März ist der ägyptische Blogger Maikel Nabils Sanad dort inhaftiert. "Es ist traurig seinen Geburtstag im Gefängnis zu verbringen", schreibt Maikel in seinem Blog. "Was mich noch trauriger stimmt ist, dass mein Heimatland ohne Vision, Ethik und Menschlichkeit regiert wird."

Fast 50 Tage ist Maikel bereits ohne Nahrung. Rund 15 Kilo hat er inzwischen abgenommen. Seit letzten Mittwoch trinkt Maikel nun auch nicht mehr, aus Protest, dass sein Berufungsverfahren am vergangenen Dienstag um eine Woche vertagt wurde. Maikels Vater sagt, sein gesundheitlicher Zustand sei lebensbedrohlich, die Nieren hätten bereits versagt, andere Organe leiden. Maikel kann nicht mehr aufstehen, kaum noch sprechen. Er ist dem Tode nahe.

Drei Jahre Haft für Kritik am Militär

Seit über einem halben Jahr sitzt Maikel schon im Gefängnis. Das Militärgericht hat ihn für einen Blogeintrag zu drei Jahren Haft verurteilt. Darin wirft er der Armee vor, während der Revolution nicht auf der Seite des Volkes gestanden zu haben und greift damit ein Fundament der Post-Mubarak Ordnung an. Nach Ansicht des Militärrats stand die Armee zu allen Zeiten auf der Seite der Bevölkerung. "Beleidigung der Armee" lautete das Urteil, außerdem wird ihm die "Verbreitung von Falschinformation" vorgeworfen. Denn im gleichen Eintrag kreidet Maikel dem Militär an, ägyptische Aktivistinnen mit Jungfräulichkeitstests gepeinigt zu haben. Eine Tatsache, die das Militär aber erst Wochen nach dem Urteil einräumte. Maikel fühlt sich ungerecht behandelt, im August trat er dann in den Hungerstreik. "Es gab schon viele Opfer in anderen Ländern, bis auch dort die Menschenrechte anerkannt wurden.", schreibt er in seinem Blog. "Freiheit hat seinen Preis und wir sollten ihn bezahlen."

Solidaritätsadresse für Maikel Nabil Sanad in Kairo am 4.10.2011 (Foto: DW/Viktoria Kleber)

Solidaritätsadresse für Maikel Nabil Sanad in Kairo am 4.10.2011

Für die Freiheit Ägyptens ist Maikel bereit zu sterben. Mit seinem Hungerstreik will er vor allem auf die Willkür der Militärjustiz aufmerksam machen. Denn seit Februar sind nach Angaben der Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" bereits rund 12.000 Zivilisten vor ein Militärtribunal gestellt worden, mehr Menschen als in den gesamten 30 Jahren des Mubarak-Regimes. Hier wird kurzer Prozess gemacht: Als Richter, Ankläger und Zeugen sind nur Offiziere geladen, einen eigenen Verteidiger gibt es nicht. Lediglich knapp 800 der Angeklagten wurden freigesprochen, die meisten davon Polizisten oder Personen, die dem Militärregime die Treue halten.

Nur wenig Unterstützung für Maikel in Ägypten

Auch andere Aktivisten und Blogger in Ägypten kämpfen für ihre persönliche Freiheit und die ihres Landes. Seit der Militärrat das Sagen hat, sind einige von ihnen verhört und festgenommen worden. Mit dem Urteil gegen Maikel Nabil Sanad will der Militärrat auch ein Zeichen setzen: Kritik am Militär ist tabu. Doch die meisten Blogger lassen sich nicht einschüchtern, auch nicht Ali Rigel. "Wir haben massive Gewalt von Mubarak und seinem Regime ausgehalten, wenn wir jetzt Angst hätten, würde das keinen Sinn machen." Ali Rigel will so lange weiterringen, bis Ägypten ein demokratischer Staat ist.

Maikel Nabil Sanad vor seinem Hungerstreik (Foto: DW/Viktoria Kleber)

Maikel Nabil Sanad vor seinem Hungerstreik

Die Blogger bloggen weiter und Maikel hungert weiter. Für den Militärrat ist Maikel ein leichtes Opfer. Andere Blogger wurden schnell wieder freigelassen, sie konnten die Massen mobilisieren. Maikel hat jedoch nur einen kleinen Unterstützerkreis in Ägypten. Mit seinen politischen Äußerungen war er immer schon ein Außenseiter, machte sich in der ägyptischen Gesellschaft unbeliebt.

Maikel ist Atheist, in einem Land, in dem Religion das tägliche Leben der Mehrheit der Bevölkerung bestimmt, eckt er an. Und Maikel ist pro-israelisch, achtet die Meinungsfreiheit und demokratischen Werte des Staates, drückt israelischen Opfern von Terror-Anschlägen sein Bedauern aus. Auch den Wehrdienst hat er offiziell verweigert. Worte und Taten, für die ihn die breite Masse der Ägypter hasst und die deshalb nicht gegen die Inhaftierung Maikels auf die Straße gehen. Sie lassen dem Militärrat freie Hand. Dass dieser nun auch noch den Berufungs-Prozess vertagt hat, kommt einem Todesurteil gleich.

Angst vor baldigem Tod

Denn ob Maikel die Prozesswiederaufnahme noch erlebt, ist ungewiss. Nabil Sanad, Maikels Vater, ist verzweifelt. Er hat die Hoffnung schon aufgegeben, muß er doch befürchten, dass er seinen Sohn an seinem Geburtstag zum letzten Mal gesehen hat. "Ich warte jeden Moment auf einen Anruf von jemanden, der mir sagt: Maikel ist tot, komm und hole seinen Leichnam."

Autorin: Viktoria Kleber
Redaktion: Daniel Scheschkewitz

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