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Bangladesch

Blogger aus Bangladesch sucht Asyl

Arnab Goswami wollte sich den Mund nicht verbieten lassen. Deshalb waren der Blogger und seine Familie in Bangladesch nicht mehr sicher. Sie flohen, wohnen heute in Aachen. Ob sie bleiben können, wissen sie noch nicht.

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Eine kritische Stimme aus Bangladesch in Aachen

Die Wohnung ist noch weitgehend leer und kahl. Kaum Möbel, keine Bilder an den Wänden. Nur ein paar Koffer an der Wand, auf dem Boden eine große Matratze, ein Kinderwagen, ein paar Spielsachen. Und ein Laptop. Das ist seit ein paar Monaten das neue Zuhause von Arnab Goswami, seiner Frau Juthi und ihrem 16 Monate alten Sohn Adrij. Ein Zimmer, Küche, Bad. In Aachen, weit weg von Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs. Dort konnten und wollten sie nicht länger bleiben. Zu groß war die Angst, dass ihnen etwas zustoßen könnte. So wie anderen kritischen Stimmen in dem südasiatischen Land. Mehrfach wurden in den vergangenen Jahren Blogger bedroht, attackiert oder sogar getötet. Darunter auch Bekannte von Arnab.

Arnab Goswamis Frau Juthi und Sohn Adrij beim Vorbereiten des Essens (DW/A. Islam)

Im Oktober 2016 kam Arnab in Deutschland an - seine Frau und seinen Sohn sah er erst Ende des Jahres wieder

Auch er ist Blogger. Seit 2008 schreibt der 29-Jährige, der eigentlich in der Finanzbranche arbeitet. Anfangs sind es Kurzgeschichten und Gedichte, die er auf seiner Seite somewhereinblog.net veröffentlicht. Zunächst schreibt er unter zwei Pseudonymen, Dhrubo Tara und Aranya Shouvik, mittlerweile unter seinem echten Namen. Auch die Themen haben sich verändert. Längst beschäftigen sich seine Texte mit politischen und gesellschaftlichen Fragen. "Es geht um Kinderehen, Minderheitenrechte oder religiösen Fundamentalismus." Arnabs Texte sind beliebt bei den Usern, einige werden auf den größten Blogger-Seiten des Landes veröffentlicht. Das fällt auf, auch bei den Behörden. "Ich wurde zwar nie zu Gesprächen einbestellt, aber sowohl bei Facebook als auch bei Twitter habe ich unter meinen Followern Regierungsangestellte. Und bei mehreren Gelegenheiten wurde ich gewarnt. Ich solle überdenken, was ich schreibe."

Drohungen via Facebook

Seit 2013 erhält er verstärkt Drohungen, vor allem von Seiten radikaler Islamisten. Diese gewinnen in Bangladesch mehr und mehr an Einfluss. Besonders atheistische Blogger wie Arnab geraten ins Visier. Zunächst nimmt er die Botschaften nicht allzu ernst. Er glaubt nicht daran, dass ihm oder seiner Frau Juthi etwas passieren könnte.

Beerdigung des bengalischem Bloggers Avijit Roy (picture-alliance/AA/Zakir Hossain Chowdhury)

Abschied von Avijit Roy Anfang März 2015 in Dhaka - ein Jahr vor seinem Tod war der Blogger für den Online-Award der Deutschen Welle „The Bobs – Best of Online Activism“ nominiert

Doch dann wird im Februar 2015 der bekannte Blogger Avijit Roy ermordet. Er wird auf offener Straße erschlagen, seine Frau überlebt mit mehreren Messerstichen.

Kurz danach bemerkt Arnab einen steilen Anstieg von Zugriffen auf seine Seite. Er befürchtet, dass die Drohungen mit seiner wachsenden Popularität zusammenhängen. Als Vorsichtsmaßnahme nimmt er seinen Blog offline. Dann bekommt er eine Nachricht bei Facebook: "Du dachtest vielleicht, dass wir dich vergessen würden, nur weil du deine Website aus dem Netz genommen hast. Aber du bleibst uns im Gedächtnis. Deine Zeit wird kommen." 

Drohungen via Facebook

Arnab bekommt Angst. Er wendet sich an die Polizei. "Aber die sagten mir nur, sie könnten mir nicht helfen, ich solle das Land verlassen." Trotzdem bleibt er erst einmal in Dhaka. Doch die Situation spitzt sich zu. Bis zum Sommer 2015 werden drei weitere säkulare Blogger ermordet, darunter Niloy Neel, den Arnab persönlich kannte.

Juthi hat große Angst um ihren Mann. Die beiden sind gerade Eltern geworden, Söhnchen Adrij ist drei Monate alt. Im April 2016 schließlich wird Arnab das Risiko zu groß. Er schmiedet einen Plan, will sich nach Nepal absetzen. Es soll so aussehen, als käme er nicht wieder. Tatsächlich allerdings möchte er zwei Wochen später wieder heimlich zurück nach Bangladesch und zu seiner Familie. 

Fackelmarsch in Dhaka für den getöteten Blogger Niloy Neel (Getty Images/AFP/Uz Zaman)

Säkulare Aktivisten in Bangladesch gehen nach dem Mord an Niloy Neel in Dhaka auf die Straßen

Arnab glaubt, dass Juthi ohne ihn sicher ist in Dhaka. Aber er täuscht sich. Die Drohungen reißen nicht ab, im Gegenteil. "Als ich noch in Bangladesch war, richteten sie sich nur gegen mich, nicht gegen sie. Aber jetzt bekam ich Mails und Facebook-Nachrichten: Darin stand, dass meiner Familie etwas zustoßen könnte, weil ich Bangladesch verlassen hätte. Das war neu." Die Familie ist das Wichtigste für ihn, sagt Arnab. Er kehrt zurück.

Zielscheibe für Islamisten

Hilfesuchend wendet er sich an die deutsche Botschaft in Dhaka, die ihm Ende September 2016 schließlich ein Visum ausstellt. Am 9. Oktober kommt er in Deutschland an. Drei Monate später dürfen auch seine Frau und das Baby nachkommen. Die Familie ist wieder vereint. Arnab hat Glück: Die Schriftstellervereinigung PEN America, die auf Bildung spezialisierte NGO Center for Inquiry und Amnesty International unterstützen ihn finanziell.

"Meine Heimat zu verlassen war keine leichte Entscheidung. Jeder hängt doch an seinem Land", sagt er heute.

Trauer um Blogger Niloy Neel in Dhaka (Getty Images/AFP/Uz Zaman)

Den im August 2015 ermordeten Blogger Niloy Neel kannte Arnab Goswami persönlich

"Aber der Einfluss von Militanten und Extremisten in Bangladesch ist so sehr gewachsen, dass normale Bürger nicht mehr länger sicher sind, ihre Meinung frei zu äußern. Durch unsere Texte wurden wir zu Zielscheiben." Es habe einen Punkt gegeben, da sei er einfach gezwungen gewesen, Bangladesch den Rücken zu kehren. 

Vergessen – zumindest für einen Augenblick

Arnab Goswami sitzt auf der Matratze im Wohnzimmer. Er zeigt seinen Blog und seine Facebook-Seite. Beide wurden wenige Tage zuvor gehackt. Er weiß nicht, wer dahintersteckt, vermutet aber, dass es professionelle Hacker gewesen sein könnten. Als sein Sohn ins Zimmer gekrabbelt kommt, strahlt Arnab. Er knuddelt mit ihm, bringt ihn zum Lachen. Und als der kleine Junge ein paar tapsige Schritte auf eigenen Beinchen zurücklegt, applaudiert der Vater begeistert. In solchen Momenten scheinen alle Sorgen vergessen zu sein. Doch als Juthi den Kleinen zu sich in die Küche holt, wird er schnell wieder ernst.

Arnab Goswami und sein 16 Monate alter Sohn Adrij (DW/A. Islam)

Adrij lernt laufen - und sein Vater kann für den Moment alles andere vergessen

Es mache ihn traurig, dass er aufgrund seiner Texte in Gefahr sei, sagt er leise. "Meine Familie hat eine harte Zeit hinter sich. Vielleicht bin ich hier in Deutschland sicher, aber meine Zukunft ist trotzdem ungewiss. Ich leide unter dieser Situation, sie tut mir weh." Arnab und Juthi vermissen auch ihre Eltern sehr, die noch immer in Bangladesch leben. Bereuen tut er trotzdem nichts. Aufgrund der Angst und der unsicheren Situation in Bangladesch mit dem Schreiben aufzuhören, das sei für ihn nie in Frage gekommen. Auch wenn ihm klar war, dass er sensible Themen behandle und sich dadurch auch einem Risiko aussetze.

Düsteres Szenario für Bangladesch

"Natürlich ist es sehr beunruhigend, dass liberale Blogger für ihre Veröffentlichungen umgebracht werden. Aber sollen wir deshalb aufhören, unsere Meinung auszudrücken?" Die Frage beantwortet er für sich mit einem klaren Nein. "Es muss jemanden geben, der über solche Themen schreibt. Andernfalls steht unser Land vor einer dunklen Zukunft", warnt er. In seiner Stimme klingt Trotz mit. Er und andere Blogger sollten sogar noch mehr gegen religiösen Fundamentalismus anschreiben, sagt er. "Wir wollen, dass unser Land sich nach vorn bewegt, nicht rückwärts. Also müssen wir weitermachen." Sonst drohe in Bangladesch im schlimmsten Fall sogar die Einführung der Scharia-Rechte, fürchtet er.

Arnab Goswamis Frau Juthi in der Küche (DW/A. Islam)

Während ihrer Schwangerschaft hatte Juthi große Angst um ihren Mann, der mehr und mehr Drohungen bekam

Arnabs Frau Juthi steht demonstrativ hinter ihrem Mann. "Ich unterstütze, was er schreibt. Manchmal bespricht er ein Thema mit mir, bevor er darüber in seinem Blog berichtet. Nichts im Leben ist perfekt. Keine Religion, und auch keine Gesellschaft. Probleme gibt es immer. Es ist wichtig, darüber zu schreiben."  Seit sie in Deutschland ist, kümmert die 27jährige Juthi sich vor allem um ihren Sohn und den Haushalt. Dabei ist sie studierte Betriebswirtin, hat einen Master-Titel. Sollte sie länger in Deutschland bleiben, dann möchte sie sich einen Job suchen, sobald ihr Sohn alt genug für den Kindergarten ist. Noch aber ist nicht klar, wie es nächstes Jahr für die Familie weitergeht.

Aachen – und dann?

Arnab Goswami hat einen Termin bei seinem Anwalt. Volker Simon hat sich auf Migrationsrecht spezialisiert und unterstützt die Familie seit Februar. Alle drei haben mittlerweile eine Aufenthaltserlaubnis bis Ende 2017, die für Juthi und Adrij wurde erst vor wenigen Wochen erteilt. Jetzt möchte Simon einen Asylantrag stellen. Er ist optimistisch, dass die Chancen gut stehen – auch wenn Anträge aus dem südasiatischen Land beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nicht mit Priorität behandelt werden, weil in Bangladesch kein Krieg herrscht.

Blogger Arnab Goswami und seine Familie (DW/A. Islam)

Darf die Familie in Deutschland bleiben?

Insgesamt 2657 Asylanträge wurden im Jahr 2016 von Flüchtlingen aus Bangladesch in Deutschland gestellt, gibt das BAMF auf DW-Nachfrage an. Die Gesamtschutzquote für Flüchtlinge aus Bangladesch - also der Anteil an Asylanerkennungen, Abschiebeverboten und Gewährung von Flüchtlingsschutz - lag innerhalb dieses Zeitraums bei  gerade einmal 10,9 Prozent.

Druck mit Hilfe der Botschaft

Bei Arnab Goswami aber würden besondere Umstände vorliegen. "Ich sehe gute Chancen auf Erfolg beim Asylverfahren", sagt Volker Simon. "Die Deutsche Botschaft in Dhaka hat darauf hingewiesen, dass er als Religionskritiker, Freidenker und Blogger erheblich gefährdet ist in seinem Heimatland und dass bereits einige seiner Kollegen ermordet wurden." Zusätzlichen Nachdruck verleiht auch der Fall eines anderen Bloggers. Ein Fall mit tragischem Ausgang. "Dieser Kollege hatte bei der schwedischen Botschaft ein Visum beantragt und wurde während des Visumsverfahrens auf offener Straße erschossen." Nicht zuletzt deshalb sei es der Botschaft damals ein Anliegen gewesen, Arnab schnell außer Landes zu bringen.

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (picture-alliance/dpa/D. Karmann)

Das letzte Wort hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge - Arnab hofft, dass er mit seinem Antrag Erfolg hat

Die kommenden Monate sind entscheidend für die junge Familie. Im Sommer will Anwalt Simon den Asylantrag stellen, dann heißt es erst einmal Warten. "Die Bearbeitungsdauer beim BAMF kann man schwer einschätzen. Es wird sicherlich einige Monate dauern, bis er seinen Anhörungstermin bekommt und hoffentlich dann auch schnell die Entscheidung." Im besten Fall bekommt Arnab dann eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre und einen Flüchtlingspass. "Dann hätte er erst einmal eine gesicherte Perspektive in Deutschland."  Auch für Juthi und Sohn Adrij sähe es dann gut aus. "Sie können Familienasyl bekommen beziehungsweise Schutz als Angehörige eines anerkannten Flüchtlings. Und das unabhängig davon, ob sie eigene Verfolgungsgründe nachweisen können oder nicht. "

Adrij krabbelt auf dem Bett und patscht mit seinen Händen auf dem Laptop herum. Vielleicht imitiert er seinen Vater bei der Arbeit an seinem Blog. Dass die Arbeit am Computer für seine Familie in Bangladesch gefährlich war, davon ahnt er noch nichts. Für ihn ist der Laptop im Moment nur eins: ein Spielzeug.

 

Arafatul Islam hat maßgeblich zu diesem Artikel beigetragen.

 

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