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Deutschland

Bloggen am Rande der Wahrnehmung

Die deutschen Internet-Schreiber kommen auf ihrer bundesweiten Konferenz zu einem ernüchternden Fazit: Ihnen fehlt im internationalen Vergleich die gesellschaftliche Anerkennung und eine breite Basis der Aktiven.

Teilnehmer der Bloggerkonferenz (Foto: DPA)

Nicht ohne meinen Laptop: Teilnehmer der Bloggerkonferenz

Der Saal ist dunkel im vollbesetzten Berliner Friedrichstadt-Palast, nur die Bildschirme von Laptops und Mobiltelefonen erhellen die Ränge. Junge Menschen, lässig gekleidet, sitzen in den steil ansteigenden Reihen des Revuetheaters. Beinahe jeder zweite hat einen Notebook auf seinen Beinen aufgeklappt. Die Besucher verfolgen die Podiumsdiskussion unten auf der Bühne aufmerksam. Sie stellen Fragen, applaudieren - und kommentieren die Diskussion live im Internet.

Denn wer als Blogger etwas auf sich hält, der berichtet immer aktuell über sich und das Zeitgeschehen, also auch über die dritte bundesweite Konferenz der Blogger, die Re:Publica, zu der sich die deutsche Szene in Berlin nun getroffen hat. Vor drei Jahren startete der Kongress noch als kleines Nischentreffen, in diesem Frühling haben sich mehr als 1000 Teilnehmer zu der dreitägigen Konferenz mit zahlreichen Workshops zusammengefunden. Doch die Euphorie über die rege Beteiligung an dem Treffen ist getrübt von Selbstkritik.

"Deutsche Blogger orientieren sich stark an etablierten Medien"

Teilnehmer der Bloggerkonferenz (Foto: DPA)

Szene-Treffen: Aus ganz Deutschland zur Konferenz angereist

Den Befund über die schwache deutsche Blogosphäre liefert der unter Bloggern angesehene US-Medienwissenschaftler John Kelly. Er hat die Bewegungen, Vernetzung, Themen und Rezeption der Internet-Schreiber in einer aufwändigen Studie erfasst und auf einem weltweiten Kartensystem abgebildet. Das Ergebnis projiziert er auf eine große Leinwand im Saal.

Unterschiedlich große Farbkleckse in den verschiedenen Ländern und Weltregionen stehen für die unterschiedlich starke Aktivität der Blogger. In Asien und Nordamerika sind die Punkte besonders groß, Europa und gerade Deutschland stehen deutlich zurück. Kelly begründet dies so: "Die Blogger in Deutschland orientieren sich stark an den etablierten Medien und kommentieren stärker anstatt selbst Inhalte zu produzieren."

Nur sechs Prozent

Bücher zu Sicherheit im Netz (Foto: DPA)

Ein Thema der Konferenz: Sicherheit im Netz

Die Erkenntnisse des US-Wissenschaftlers bestätigt der deutsche Journalist Stefan Niggemeier, der mit seinem Blog über die Medienwelt nicht nur in der Szene bekannt ist. "Ich glaube, dass die Relevanz der deutschen Blogosphäre immer noch nicht so groß ist. Relativ wenige Leute lesen Blogs, und es werden auch wenige Blogs von Entscheidern in Deutschland wahrgenommen."

Gerade einmal sechs Prozent aller Internetnutzer in Deutschland beteiligen sich Niggemeier zufolge mit eigenen Beiträgen, greifen regelmäßig auf Blogs zu oder informieren sich auf diesen. "Das ist ein bisschen auch eine Mentalitätsfrage. Die US-Amerikaner lernen von klein auf, dass auch radikale politische Positionen in eine Diskussion gehören. Diese Debattenkultur ist hier nicht so stark ausgeprägt."

Zu wenig Zeit für Recherche und Reflektion

Markus Beckedahl ist einer der Veranstalter der Konferenz und betreibt selbst den politischen Blog "www.netzpolitik.org". Er bemängelt ein generelles Desinteresse an Politik im Internet. Sozialen Netzwerke wie studiVZ und Facebook würden überwiegend zur Unterhaltung genutzt. "Viele in Deutschland trauen sich außerdem nicht, sich öffentlich mit Namen zu äußern. Sie haben Angst, dann keinen Job mehr zu bekommen, wenn ein potentieller Arbeitgeber es lesen sollte", sagt Beckedahl.

Zwischen den Rängen im Saal und im Foyer des Friedrichstadt-Palasts diskutieren die Blogger auch von Angesicht zu Angesicht, weshalb gerade im technisch hochentwickelten Deutschland die Szene noch unterentwickelt ist. Ein Kredo lautet: Konkurrenz gegen die etablierten Medien aufzubauen, das fällt vielen schwer, weil sie nicht hauptberuflich vom Bloggen leben können. Zur intensive Recherche oder Reflektion fehlt den meisten schlicht die Zeit.

Autor: Zacharias Zacharakis

Redaktion: Kay-Alexander Scholz

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