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Bloß nicht Argentinien

Jan D. Walter11. Juli 2014

Nach der Halbfinalklatsche zählt für viele Brasilianer im Finale nur noch eins: Dass Argentinien nicht Weltmeister wird. Die zwei Länder verbindet eine lange Rivalität, die über den Fußball hinausgeht.

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Fußball WM 2014 Halbfinale Niederlande Argentinien Fans (Foto: REUTERS/Darren Staples)
Bild: Reuters

Brasiliens verletzter Superstar Neymar hält im Finale am Sonntag (13.07.2014) zu Argentinien - besser gesagt zu seinen Teamkollegen vom FC Barcelona, Lionel Messi und Javier Mascherano. Das sagte er bei einer Pressekonferenz vor dem WM-Finale. So beliebt Neymar auch ist, nicht alle seiner Landsleute werden ihm darin folgen.

Zwar sind bei einigen Brasilianern nach dem 1:7 im Halbfinale ihre Sympathien für Deutschland verflogen, aber die meisten suchen die Fehler eher bei sich selbst. Und tatsächlich stehen viele Brasilianer auf der Seite des DFB-Teams. Allein schon deshalb, weil nach dem zerplatzten Traum vom Titel im eigenen Land, immer noch ein Alptraum droht: dass Argentinien sich im nationalen Fußballheiligtum, dem Marcanã-Stadion, den Titel holt.

Regionale Rivalitäten sind weltweit keine Seltenheit, auch nicht im Fußball. Und so ist es auch mit den beiden größten Ländern Lateinamerikas: Historische Konflikte im kollektiven Gedächtnis verbinden sich mit kulturellen Abgründen: die Art und Weise, wie man Mate-Tee konsumiert oder Rindfleisch grillt. Dann sind es wieder Gemeinsamkeiten, bei denen man sich gegenseitig Ideenklau vorwirft wie die Milchsüßspeise "Doce de Leite", die in Argentinien "Dulce de Leche" heißt.

Pränataler Konflikt

Historisch beginnt die Rivalität zwischen Brasilien und Argentinien im Prinzip, bevor es die Länder überhaupt gab: Als Spanier und Portugiesen um die Vorherrschaft in der "Neuen Welt" stritten. Der Schiedsrichter war damals der Papst, der Amerika 1494 der Länge nach zwischen den beiden Mächten aufteilte. Ein klarer Sieg für Spanien, denn die Landmasse auf der spanischen Westseite war ungleich größer, wie sich später herausstellte. Doch die Portugiesen siedelten sich trotzdem auch auf der Seite der Spanier an und machten einigen Boden gut - zum Ärger des Vizekönigreichs Rio de la Plata mit der Hauptstadt Buenos Aires.

Der bisherige Höhepunkt des politischen Konflikts ereignete sich kurz nach der Unabhängigkeit der beiden Länder Anfang des 19. Jahrhunderts. Im Disput um ein Stück Land am Nordufer des Rio de la Plata trennten sich die Länder erstmals unentschieden: Das Territorium, halb so groß wie Deutschland, konnte sich keines von beiden einverleiben. Das Land wurde unabhängig und benannte sich nach dem Fluss, an dessen Ostufer es liegt: Uruguay.

Noch im 19. Jahrhundert näherte man sich langsam an, kämpfte sogar Seite an Seite in der "Trippel-Allianz" mit Uruguay gegen das expansive Paraguay, und verwies es im bis heute blutigsten Krieg Südamerikas in seine alten Grenzen.

Wahre Freundschaft oder nur Lippenbekenntnisse?

Heute sind alle vier Staaten und Venezuela durch die Mitgliedschaft im Bündnis Mercosur wirtschaftlich und politisch einander verpflichtet. Vollmundig beschwören sie ihre Allianz gegen die kapitalistischen USA, für den sozialen Umbruch und die lateinamerikanische Gemeinschaft.

Doch die offiziell guten Beziehungen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Argentinien und Brasilien selten einig sind. Denn trotz des formellen Wirtschaftsbündnisses behindern erhebliche Handelshindernisse den Warenverkehr. Brasilien treibt mehr Handel mit der EU, China und den USA als mit dem Nachbarn. Und Argentiniens aktuelle Kreditkrise zeigt, dass die Freundschaft vor allem auf Lippenbekenntnissen beruht: Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff bestärkt Argentiniens Cristina Fernández de Kirchner zwar darin, Forderungen von US-Hedgefonds nicht nach deren Wünschen zu bezahlen. Finanzielle Hilfe zur Lösung der Liquiditätskrise bietet sie Argentinien aber nicht an, obwohl sie dazu in der Lage wäre.

WM Halbfinale Deutschland Brasilien Fans (Foto: Michael Steele/Getty Images)
Beim Finale Seite an Seite für den Pokal: Brasilianer und DeutscheBild: Getty Images

"Argentinien gegen Deutschland! Ich gehe schlafen..."

Doch trotz dieser lang gehegten Rivalität gibt es da doch noch etwas, was die beiden Länder miteinander verbindet: Beide sind Südamerikaner. Und so gibt es neben Neymar auch andere Brasilianer, die dem Nachbarn und ewigen Konkurrenten Argentinien die Daumen drücken.

Und die, die sich noch nicht sicher sind, lösen die Frage auf ihre ganz eigene Art: "Deutschland und Argentinien im Finale! Ich bin für niemanden. Ich gehe schlafen…", schrieb eine brasilianische Twitternutzerin noch am Abend des zweiten Halbfinals.