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Blixa Bargeld: "Hör mit Schmerzen!"

Als Kopf der "Einstürzenden Neubauten" und Mitbegründer der renommierten Indie-Rockband "Nick Cave & The Bad Seeds" gilt Blixa Bargeld bis heute als Ikone des deutschen Underground.

"Das Leben ist nicht bunt. Geballt gehen wir zugrund‘. Sag nein! Nein, nein, nein! Negativ nein!" Nihilistisch, kompromisslos und morbid war das musikalische Credo Blixa Bargelds, Sänger und Kopf der legendären Postpunk- und Indie-Rockband "Einstürzende Neubauten".

Damals, im West-Berlin der 1980er Jahre und dem subkulturellen Milieu der Künstler-Combo "Geniale Dilletanten", suchte der junge Künstler und Hausbesetzer mit einer Handvoll Freunden nach neuen experimentellen Ausdrucksformen in der Musik. Und er entdeckte sie: Mit Metallschrott, Bohrmaschinen, Ketten, Vorschlaghammern, Mülltonnen und Waschmaschinen. "Hör mit Schmerzen!"

Bruch mit Konventionen

Die Industrial-Band Einstürzende Neubauten; Foto: picture-alliance/dpa

Radikaler Bruch mit musikalischen Konventionen: die 1980 gegründete Band "Einstürzende Neubauten"

Die Musik der 1980 gegründeten Band "Einstürzende Neubauten" schaffte den radikalen Bruch mit sämtlichen konventionellen und leicht konsumierbaren Genres. Das war "Anti-Pop", "Indie" im wahrsten Sinne – "independent" (Englisch: unabhängig) waren die Musiker von den großen Plattenlabels und deren kommerziellen Interessen.

Für viele unangepasste Newcomer der Westberliner Underground-Rockszene waren die Neubauten schon im Anfangsstadium eine Quelle der Inspiration und Vorbild zugleich – mit brachialen, ohrenbetäubenden Performances und Bargelds apokalyptisch-sarkastisch anmutenden Wortspielen.

Gewagte Klänge

Doch damit nicht genug: Mit gewagten Klangmixturen legten die Neubauten den Grundstein für ein komplett anderes Musikverständnis, das nicht nur deutsche, sondern auch unzählige internationale Indie-Rock-Bands wie Depeche Mode, Nine Inch Nails oder Marilyn Manson beeinflusste.

Sänger der Band Einstürzende Neubauten, Blixa Bargeld während eines Konzertes auf der Bühne des ehemaligen Palastes der Republik; Foto: Soeren Stache/dpa

Mit Presslufthammern und Stahlschlagzeug: Die Einstürzenden Neubauten machten Kunst aus Krach.

Die Geräuschästhetik der Neubauten korrespondierte mit der experimentellen Avantgarde und der Industrial-Musik der 1970er Jahre. Immer ging es Blixa Bargeld und der Indie-Szene um die ästhetische Abgrenzung vom musikalischen Mainstream.

Das Unvorhergesehene zulassen

Der Sänger und Musiker Blixa Bargeld; Foto: Soeren Stache/dpa -Report

Wandlung von brachial zu filigran: Bargeld komponiert Musik zu diversen Theater- und Filmproduktionen.

Die Neubauten lärmten auf Baustellen, spielten unter Autobahnbrücken – ihre Auftrittsorte waren oft so bizarr und eigenwillig gewählt wie ihre Instrumente und das musikalische Konzept selbst: Nicht mehr die Kontrolle haben, sondern das Unvorhergesehene zulassen.

Vieles ging bei ihren exzessiven Bühnenshows in die Brüche. "Zerstörung war für uns nie Zerstörung im Sinne eines Gewaltaktes. Sie diente uns immer dazu, Platz zu schaffen", berichtet der heute 54-jährige Blixa Bargeld rückblickend. "Auch wenn viele Sachen auf der Bühne kaputtgingen und ich über die Jahre diverse Narben und Knochenbrüche davontrug."

Internationales Renommee

Der internationale Durchbruch gelang Bargeld und den Einstürzenden Neubauten im Jahr 1985 mit dem Album "Halber Mensch". Auch als Gitarrist der Indie-Rockband Nick Cave & The Bad Seeds erlangte der Ausnahmemusiker internationales Renommee.

Das Archivbild vom 29.11.2002 zeigt die Schauspieler Ben Becker (r) und Blixa Bargeld auf der Bühne des Deutschen Nationaltheaters in Weimar bei der Probe für eine Szene aus Bertolt Brechts Baal. Das Stück, in dem Ben Becker die Hauptrolle, Blixa Bargeld den Eckart und Ex-Fußballer Jimmy Hartwig den Großkaufmann Mech spielen, erlebte am Samstagabend (14.12.2002) in Weimar seine Premiere. Regisseur und Schauspieler Thomas Thieme inszeniert das Skandalstück über das unsittliche Leben Baals als 20-Jähriger. dpa/lth (zu Korr.-Bericht dpa 0094)

Blixa Bargeld und Schauspieler Ben Becker 2002

In den nachfolgenden Jahren wurde schließlich auch der etablierte Kulturbetrieb auf das "Enfant Terrible" der deutschen Avantgarde-Rockszene aufmerksam: Blixa Bargeld erhielt von Regisseur Peter Zadek den Auftrag, das Bühnenstück "Andi" im Hamburger Schauspielhaus mit seiner Band musikalisch zu begleiten. Wegen des infernalischen Lärms ließ die Theaterleitung vor den Aufführungen vorsorglich Ohrenstöpsel im Publikum verteilen. 1991 schrieben die Einstürzenden Neubauten für Heiner Müller die Musik für eine Aufführung der "Hamletmaschine". Es folgten Auftragskompositionen für weitere Bühnenstücke.

Stille wird sexy

Die 1990er Jahre brachten eine Zäsur in Blixa Bargelds musikalischem Schaffen: Die rasenden Bühnenshows mit Presslufthammern und Stahlschlagzeug gehörten zunehmend der Vergangenheit an. Melodisch-harmonischere Stücke bestimmten vermehrt das Repertoire der Neubauten. Im Jahr 2000 entdeckten sie mit ihrem Album "Silence Is Sexy" sogar die Stille – eine Wandlung von brachial zu filigran.

Die Legende lebt

Auf seinem aktuellen Album "Still Smiling" schlägt der Altmeister des Indie-Rock die leisen Töne an: "Kleine Kammermusik" nennt er das mit seinem Freund Teho Teardo produzierte Werk. Blixa Bargeld singt auf Italienisch, ganz im Stile des Liedermachers Paolo Conte.

"Andere sind reich, ich bin legendär!", hat der Vollblutmusiker einmal gesagt. Auch wenn es um Blixa Bargeld ruhiger geworden ist, der Mythos Einstürzende Neubauten setzt sich fort: Ein musikalisches Erbe, das die junge Avantgarde- und Indie-Rock-Szene im In- und Ausland fasziniert und inspiriert.

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