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Wissen & Umwelt

Blinde sehen mit Echolot

Anhand von Klicklauten und dem daraus entstehenden Echo können sich blinde Menschen bestens orientieren. Sie hören, wie weit Hindernisse entfernt sind. Eine Technik, der sich auch Delfine und Fledermäuse bedienen.

Mit einem Klicklaut orientiert er sich über kürzere Distanzen, und wenn es um größere Entfernungen geht, schnipst Eskandar Abadi mit den Fingern. Diese Laute und Geräusche prallen dann gegen ein Objekt – es entsteht ein Echo, und das schallt zurück. Der heute 53-Jährige ist von Geburt an blind, die Echo-Ortung hilft dem gebürtigen Iraner bei der Orientierung. "Ich kann tatsächlich anhand des Echos erkennen, ob es sich um eine Wand handelt oder zum Beispiel um einen Baum. Denn das Echo ist immer wieder anders."

Mühelos schätzt Eskandar Abadi auch Entfernungen ein: Bis zur Wand sind es etwa drei bis dreieinhalb Meter und bis zum Fenster rund vier. Und da drüben, da ist eine Tür. Der studierte Germanist und Politikwissenschaftler arbeitet seit 2002 in der Persischen Redaktion der Deutschen Welle. Hier bewegt er sich problemlos – die Echo-Ortung hilft dabei.

Echo aktiviert bei Blinden visuelle Gehirnareale 

Eskandar Abadi (Foto: DW)

Eskandar Abadi

Um herauszufinden, was genau bei der Echo-Ortung im Gehirn abläuft, haben Wissenschaftler die Gehirnaktivitäten gemessen. Dazu wurden kleine Mikrofone in den Ohren der Probanden platziert. Damit wurden sowohl die Klicklaute aufgezeichnet als auch das entsprechende Echo. "Im Kernspin haben wir den Studienteilnehmern die Aufnahmen vorgespielt und währenddessen ihre Gehirnaktivitäten gemessen", erläutert Lore Thaler. Die deutsche Wissenschaftlerin war an der kanadischen Universität West Ontario an einer Studie beteiligt, die sich mit der Echo-Ortung bei Blinden beschäftigt hat. 

Die Wissenschaftler haben die Gehirnaktivität mit und ohne Echo miteinander verglichen. "Dabei konnte Aktivität in den visuellen, aber nicht in den auditiven Gehirnarealen gemessen werden", sagt Lore Thaler. "Sobald die Blinden die Echos hörten, meldete sich die Sehrinde im Gehirn – der Teil also, der bei Sehenden die Eindrücke des Auges verarbeitet und nicht – wie man annehmen könnte – der Teil des Gehirns, der für Laute zuständig ist." Die Fähigkeit, sich mithilfe von Echolot zu bewegen, könnten auch Sehende erwerben. Denn die Voraussetzungen dazu habe so gut wie jeder, erläutert Lore Thaler, die an einer weiteren Studie zur Echo-Ortung arbeitet, dieses Mal an der Universität im britischen Durham.

Darstellung des menschlichen Gehirns (Foto: James Steidl, Fotolia.com)

Echo-Ortung aktiviert die Sehareale im Gehirn.

Oberflächen und Strukturen hören

Mit dem Echolot können Menschen mit entsprechender Erfahrung aber nicht nur Entfernungen einschätzen, sondern auch Oberflächen und Strukturen erkennen. Eine Wiese wirft ein anderes Echo zurück als eine Betonwand, eine Pflanze ein anderes als ein Holzpfeiler. Auch Rundungen, Ecken und Kanten klingen unterschiedlich. So können Blinde sich ein recht präzises Bild von ihrer Umgebung machen.

Lore Thaler hat sich mit den wissenschaftlichen Untersuchungen auf ein für sie zunächst fremdes Terrain begeben. Für die Studie hat sie viele wissenschaftliche Tests durchgeführt, aber sie hat sich auch Eindrücke vom Alltag eines Blinden verschafft. "Dieses hohe Maß an Selbständigkeit und Orientierungsfähigkeit, das ich beobachten konnte, wenn wir zum Beispiel in der Stadt herumgelaufen sind, ist schon sehr außergewöhnlich."

Wie die Delfine und die Fledermäuse

Delfine (Foto: 2010 Universum Film GmbH)

Auch Delfine orientieren sich mit Echolot

Eskandar Abadi beschreibt sich selbst als Trommler, Sänger und Violinist, als Komponist und Entertainer. Der Journalist, der im iranischen Isfahan aufgewachsen ist, kann sich auch ohne Augenlicht in unserer Welt bewegen. Das hat er schon als Kind gelernt und dabei auch einige Blessuren davongetragen. "Als Kind bin ich immer Fahrrad gefahren, und ich habe auch an einem Fahrradwettbewerb teilgenommen. Dabei bin ich dann gegen einen Pfosten geradelt", erzählt er. "Die Narbe sieht man noch immer, hier auf meiner Stirn. Aber meine Mutter war eine gute Pädagogin. Schon am nächsten Tag hat sie mich wieder nach draußen geschickt – zum Fahrradfahren."

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