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Asien

Blind und voller Tatendrang in Nepal

In Nepal haben Blinde wenig Entwicklungschancen. Viele leben in Armut. Ausbildung und Berufsaussichten gibt es kaum. DW-Reporterin Isha Bhatia traf Khom Raj Sharma, der als Blinder eine Schule gegründet hat.

Porträt Khom Raj Sharma, blinder Unternehmer aus Nepal (Foto: DW)

Khom Raj Sharma - Selbstbewusstsein und Optimismus sind seine Stärken

In der Tribhuvan-Universität, der größten Hochschule Nepals, versammeln sich jedes Jahr hunderte Aktivisten, um über neue Projekte für Behinderte zu sprechen. Der blinde Khom Raj Sharma nimmt seit Jahren an der Konferenz teil.

Versammlung auf der Bühne der Tribhuvan-Universität in Nepal (Foto: DW)

Jahreskonferenz für Behinderte in der Tribhuvan-Universität in Nepal

Sharma hat in der Stadt Pokhara im Zentrum Nepals das Fortbildungszentrum "Inclusion Empowerment Centre" gegründet. Dort erteilt er blinden Schülern Computer- und Englischunterricht. Selbstbewusst berichtet der 27-Jährige, dass er die Konferenz nutzt, um mit Firmen Kontakt aufzunehmen, die seinen Schülern eine Ausbildung oder vielleicht sogar eine Stelle anbieten könnten: "Da unsere Gesellschaft Blinden gegenüber nicht sonderlich positiv eingestellt ist, ist es schwer, einen Job zu finden. Alle denken, dass man mit einer Sehbehinderung nichts tun kann. Deswegen müssen meine Schüler erst mal beweisen, wie fähig sie sind. Dafür organisieren wir viele Seminare. Und machen ihnen klar, was für ein Potenzial blinde Menschen haben."

Seminare schaffen Selbstbewusstsein

Wenn Sharma über seine Arbeit berichtet, leuchtet sein Gesicht. Seine Begeisterung und sein Optimismus sind ansteckend. Zwar ist es in Nepal als Blinder immer noch schwierig, für Behörden oder andere staatliche Einrichtungen zu arbeiten. Doch Sharmas Ziel ist, seine Schüler mit ihren neu erworbenen Englischkenntnissen zum Beispiel als Dolmetscher oder Reiseführer unterzubringen.

Vier junge blinde Frauen sitzen auf einer Bank unter dem Schul-Schild (Foto: DW)

Die Schüler des "Inclusion Empowerment Centre" in Pokhara hoffen auf bessere Berufschancen

Im benachbarten Indien arbeiten Sehbehinderte zum Beispiel in Banken. Ein Traum und unvorstellbar in Nepal, seufzt Sharma. Er selbst hat im südindischen Bundesstaat Kerala einen Kurs besucht und sich inspirieren lassen. Elf Monate lang beschäftigte er sich, zusammen mit Blinden aus 14 Ländern, intensiv mit Projektmanagement, Planung und Fundraising : "Ich habe viel gelernt. Das war für mich eine ganz wichtige Chance. Durch die Seminare bin ich selbstbewusster geworden. Es war einfach wundervoll, mit den anderen Teilnehmern Erfahrungen auszutauschen."

Im August 2010 hat Khom Raj Sharma sein Zentrum in Pokhara, der drittgrößten Stadt des Landes mit etwa 190.000 Einwohnern, gegründet. Die kleinen Unterrichtsräume sind karg eingerichtet, aber mit den neuesten Computern ausgestattet. Möbel und Computer wurden gespendet. Sharma unterrichtet seine 35 Schüler kostenlos. Er weiß, dass ihre Familien arm sind und für blinde Angehörige ohnehin kein Geld ausgeben würden.

"Blindheit gilt als Fluch in Nepal"

Fotomontage Portraits Khom Raj Sharma und seine Frau Sushma (Foto: DW)

Khom Raj Sharma und Ehefrau Sushma meistern ihr schwieriges Schicksal gemeinsam

Khom Raj Sharma hat erst mit elf Jahren sein Augenlicht verloren. Als Kind konnte er noch mit einem Auge klar sehen. Als die Eltern das Problem entdeckten, brachten sie ihn zunächst zum nahegelegenen Tempel. Ihm wurde gesagt, dass er in seinem letzten Leben etwas Schlimmes getan habe. Deswegen müsste er – nach dem Gesetz des Karma - jetzt seine Strafe annehmen. "Blind sein gilt in Nepal als Fluch", erinnert sich Sharma an die schlimmste Zeit seines Lebens. Er hatte Angst.

Als man ihn endlich zum Arzt brachte, war es zu spät. Trotzdem wirft Sharma seinen Eltern nicht den Verlust seines Augenlichts vor: "So war die Gesellschaft. Und in der Nähe meines Hauses gab es eben kein Krankenhaus. Meine Eltern hatten auch kein Geld. Sie hätten sowieso nichts machen können. Ich habe nichts gegen sie."

"Vision" - glückliche Zukunft

Mutter Sushma mit dem kleinen schlafenden Sohn im Arm (Foto: DW)

"Vision" heißt der kleine Sohn; er kann sehen - wenn er nicht gerade schläft

Sharmas Eltern sind Analphabeten. Sie waren Bauern, doch seit kurzem leben sie mit ihm und seiner Frau in der Stadt. Seine Frau Sushma hat Sharma in einer nepalesischen Blindenschule kennengelernt – eine Sehbehinderte aus einer niedrigeren gesellschaftlichen Klasse. Erneut waren Probleme mit seinen Eltern vorprogrammiert, berichtet er: "In Nepal beherrscht das Kastensystem noch immer alles. Man darf nicht jemanden aus einer anderen Kaste heiraten. Ich gehöre zu der sogenannten Oberschicht, meine Frau aber zu einer ethnischen Minderheit. Es war schwer, meine Eltern zu überzeugen."

Seit vier Jahren sind Sharma und Sushma glücklich verheiratet. Die 25-Jährige unterrichtet in einer staatlichen Schule in einem Dorf. Ihren dreijährigen Sohn haben sie "Vision" genannt – das englische Wort für Blick. Denn er kann sehen.


Sharmas größter Wunsch ist etwas ganz Normales: "Ich wünsche mir, dass mein Sohn eine gute Ausbildung erhält", sagt er bescheiden, "und dass er eine glückliche Zukunft vor sich hat".

Autorin: Isha Bhatia

Redaktion: Ana Lehmann