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Kultur

Blick in die deutsche Vergangenheit

Filme über die Zeit des Nationalsozialismus sind populär, im Fernsehen wie im Kino. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht ein neuer Film zu sehen ist, der sich mit der Zeit zwischen 1933 und 1945 auseinandersetzt.

Jetzt ist es also die zweite und dritte Generation, die die Welt des Films betritt. Es leben nicht mehr allzu viele, die den Nationalsozialismus ganz bewusst miterlebt haben. Die Zeitzeugen, die in den Jahren zwischen 1933 und 1945 erwachsen waren, sterben aus. Doch da sind noch die Kinder - und die Enkel. Ihre Erlebnisse werden von den Filmregisseuren mittlerweile häufiger aufgegriffen. Erzählt werden jetzt die Geschichten der Nachkommen der Täter - und die der Kinder der jüdischen Opfer.

Filme über die Nachkommen

In "Lore" von Regisseurin Cate Shortland geht es um ein 15-jähriges Mädchen, das sich im zerstörten Nachkriegsdeutschland vom Weltbild ihrer Mutter zu lösen versucht. Die war Anhängerin der NS-Ideologie. Der Film der australischen Regisseurin wurde von einem internationalen Team produziert, die Hauptrolle übernahm die deutsche Nachwuchsschauspielerin Saskia Rosendahl. In "Der deutsche Freund" beschäftigt sich die deutsch-argentinische Regisseurin Jeanine Meerapfel mit der schwierigen Beziehung zwischen der Tochter jüdischer Emigranten und dem Sohn geflohener Nazis in Argentinien.

Nationalsozialismus und Holocaust im Kino und im Fernsehen, und kein Ende? Die Frage kann mit einem eindeutigen Ja beantwortet werden. Und das hat seinen Grund. Es gibt eben noch viele Geschichten, die zu erzählen sind. "Zwar stirbt die unmittelbar betroffene Generation jetzt aus, aber nicht die Kinder und die Kindeskinder", so die Filmwissenschaftlerin Sonja M. Schultz, die lange über das Thema geforscht hat, im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Diese Filme beschäftigen sich immer wieder mit Fragen wie 'Was war eigentlich mit dem Großvater?'"

Neue Fragen, neue Ästhetik

Außerdem wächst eine neue Generation von Filmemachern heran, die mit anders gearteten Fragen und mit unterschiedlichen ästhetischen Stilmitteln an das Thema herangeht. Schultz hat verschiedene Wellen in der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus ausgemacht. Unmittelbar nach dem Krieg seien es die Betroffenen gewesen, jüdische oder auch kommunistische Filmschaffende, die die Geschehnisse auf die Leinwand gebracht haben. Ein Jahrzehnt später habe es dann die Tendenz zum Militärkino gegeben. Damals hätten die Filmemacher versucht, die einfachen Soldaten zu entlasten, nach dem Motto "Die Wehrmacht war unschuldig". Erst in den 60er und 70er Jahren, mit dem "Neuen Deutschen Film", sei eine persönlichere und auch das Medium reflektierende Sichtweise eingezogen.

Bruno Ganz als Hitler in Der Untergang (Foto: AP Photo/Constantin Film)

Plakatives Spektakel oder Geschichtsaufklärung? Bruno Ganz als Hitler in "Der Untergang"

Die US-Fernsehserie "Holocaust" (1978) und später Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste" (1993) hätten zu einer größeren Emotionalisierung in den Filmen geführt. Auch die auf der Leinwand gezeigten Härten und Grausamkeiten seien mit Spielbergs Epos auf eine neue Stufe gehoben worden, erklärt Schultz. Melodramatische Formen seien nun plötzlich auch im Kino und Fernsehen in Deutschland möglich gewesen. Zuvor habe sich das hier, im Land der Täter, bei diesem Thema niemand getraut. Sogar ein komödiantischer Umgang mit Hitler wurde irgendwann möglich ("Mein Führer" von Dani Levy, 2007).

Weniger Interesse am Nationalsozialismus

Gerhard Lüdeker, der an der Universität Bremen forscht, nennt einen weiteren Grund für die immer kommerzielleren und spektakuläreren NS-Filme der jüngeren Vergangenheit. An der Hochschule habe er die Erfahrung gemacht, dass Studenten immer weniger Interesse an dem Thema Nationalsozialismus zeigten. "Die Reaktionen darauf fallen zum Teil sogar allergisch aus", berichtet der Medienwissenschaftler. Die Filme müssten deshalb heute ein effektvolles Spektakel bieten, um die Leute überhaupt noch vor den Fernseher oder ins Kino zu locken - "Hitler als zitternder Tattergreis zum Beispiel oder auch als komische Figur". Bei der Wahl der Mittel könne man auch nicht mehr hinter dem stilbildenden Hollywood-Kino zurückstehen. Filme wie "Inglourious Basterds" (2009, unser Bild oben) von Quentin Tarantino oder "Operation Walküre - Das Stauffenberg-Attentat" (2008) mit Tom Cruise waren besonders spektakuläre Beispiele für Hollywood-Kino, das aber in Deutschland gedreht wurde. "Der Untergang" mit Bruno Ganz als Adolf Hitler wurde zu einem deutschen Kino-Welterfolg.

Tom Wilkinson als General Friedrich Fromm und Tom Cruise als Claus Schenk Graf von Stauffenberg in einer Szene von Operation Walküre (Foto: dpa)

Produziert in Babelsberg: Tom Wilkinson als General Friedrich Fromm und Tom Cruise als Stauffenberg

Insbesondere in den vergangenen zehn Jahren hat sich die Gewichtung der Film-Geschichten über den Nationalsozialismus verschoben, vor allem auch im Fernsehen. Der deutsche TV-Redakteur Guido Knopp wurde mit seinen dokumentarischen Arbeiten über die Zeit stilbildend. Knopp führte ein leicht verständliches, oft aber auch oberflächlich-plakatives Geschichtsfernsehen ein, das sich meist an den Figuren der Führungselite der NS-Zeit orientiert.

Die Opferperspektive

Im Bereich Fiktion war es vor allem der Filmproduzent Nico Hoffmann, der mit seiner Firma Teamworx in den letzten Jahren Fernsehgeschichte geschrieben hat. Die Teamworx-Filme, häufig auch als "Event-Fernsehen" beschrieben und in zwei Teilen ausgestrahlt, zeichnen sich durch eine sehr schematische Dramaturgie, eine konventionelle Erzählweise und vordergründige Emotionalisierung aus. Auch thematisch verschob sich die Perspektive. Deutsche wurden jetzt auch als Opfer gesehen, als Vertriebene ("Die Flucht"), vom Bombenkrieg heimgesuchte und unter der eigenen politischen Führung leidende Menschen ("Dresden").

Schauspieler Ulrich Tukur als Erwin Rommel (Foto: Michele Danze)

Filme über die NS-Führungselite sind populär: Ulrich Tukur als Feldmarschall Erwin Rommel

Zwar kann man nach Ansicht der Wissenschaftler die Zeit des Nationalsozialismus heute nicht mehr verklären, wie das in früheren Jahrzehnten oft geschehen ist. Dafür seien die Bilder der Nazi-Greuel zu bekannt und im Gedächtnis der Menschen verankert. Es habe sich allerdings eine andere Art der Verdrängung eingeschlichen. Lüdeker: "Es geht immer auch um die Beruhigung der Gegenwart. Die Idee dahinter ist: Wir haben es geschafft, dieses schlimme Kapitel zu überwinden. Wir haben die Nazis überwunden. Wir sind den Russen entkommen und wir haben das neue Deutschland gegründet. Das haben wir alles geschafft - und damit ist das dann auch erst mal erledigt." Die Vergangenheit, so Lüdeker, sei in den Augen der Zuschauer vorbei. Man könne abgeschlossene Geschichten dann "beliebig mit Sinn versehen und ausdeuten". Bei Gegenwartsthemen sei das schwierig bis unmöglich.

Führungselite statt normale Menschen

Sonja M. Schultz weist auch darauf hin, dass sich viele NS-Filme (wie zuletzt "Rommel") immer noch und vornehmlich um die Führungseliten des Nationalsozialismus drehten, nicht um "ganz normale" Menschen. Eigentlich müsste das doch viel spannender sein, weil es den Zuschauer viel mehr berührt und weil man sich dann fragen müsste: "Wie hätte ich in so einer Situation gehandelt?" Die Machenschaften der politischen Elite im Fernsehen anzuschauen, sei dagegen bequemer. Filme über die einfachen Leute würden deswegen viel seltener und mit weniger Aufwand produziert. "Solche Filme tun mehr weh", meint Shultz. Man müsste dann immer einen Bezug zum Heute herstellen und zum eigenen Verhalten.

Sonja M. Schultz hat vor kurzem das Buch "Der Nationalsozialismus im Film" (Verlag Bertz+Fischer) vorgelegt, Gerhard Lüdeker den Band "Kollektive Erinnerung und nationale Identität" (Verlag edition text + kritik"). Die KINO-Sendung der Deutschen Welle berichtet in diesem Monat auch noch über den Film "Der Wolkenatlas" und deutsche Filme beim Festival in São Pa ulo.

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