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Kultur

Blick in die Abgründe des Kapitalismus

Deutschland in den Nullerjahren. Geld regiert die Welt. Konzernchefs werden wie Popstars gehandelt. Der Autor Rainald Goetz beschreibt Aufstieg und Fall des Egomanen "Johann Holtrop": böse und komisch.

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Autor Rainald Goetz

Nicht einmal eine Seite benötigt Rainald Goetz bis zum finalen Wutausbruch. Der "Glitzerkapitalismus der Nuller Jahre" sei "so falsch, so lächerlich, so blind gedacht, so infantil größenwahnsinnig, wie, wie, wie…" Und da verließen ihn die Worte.

Derjenige, der Wittgensteins berühmter Forderung, wovon man nicht sprechen könne, darüber müsse man schweigen, folgt, ist immerhin einer der bekanntesten deutschen Gegenwartsautoren. Einer, der in der Öffentlichkeit polarisiert, seit er sich beim Ingeborg Bachmann-Wettbewerb vor laufenden Kameras die Stirn mit einer Rasierklinge aufschnitt. Einer, der im Ruf steht, den Zeitgeist immer wieder zu Papier gebracht zu haben.

Das lange Warten auf den Roman

Deshalb hatten seine Fans lange auf den neuen Roman gewartet. Seit mehreren Jahren, so hieß es, arbeite Goetz an einem großen Wurf über die Berliner Republik. Stattdessen veröffentlichte er zuletzt vor allem tagebuchähnliche Bruchstücke. Sie hatten den typischen Goetz-Sound, der sich durch sämtliche Werke zieht, vom Psychiatrie-Aussteiger-und-Kultur-Einsteiger-Roman "Irre" aus dem Jahr 1983 über die 90er-Jahre Chronologie "Jahrzehnt der schönen Frauen" bis hin zu dem Blog-Buch "Abfall für Alle" oder dem jüngsten Band "Loslabern". Aber der angekündigte Roman blieb vorerst ungeschrieben.

Hier ist er. Um es vorwegzunehmen: "Johann Holtrop" ist hervorragend. Bitterböse, zynisch, schreiend komisch. Einen "Abriss der Gesellschaft" nennt Goetz sein Buch, denn "Johann Holtrop" ist Überblick und Demontage zugleich. "Wütend schritt ich voran" lautet das Motto und dass der "Glitzerkapitalismus" Goetz in unbändige Wut versetzt, ist schon nach zwanzig Zeilen zu spüren. Kein Wunder, dass die Leser den Protagonisten anfangs auf der Höhe seiner Macht kennenlernen und seinen langanhaltenden, tiefen Fall über 343 Seiten begleiten.

Macht und Gier

Johann Holtrop ist die Hauptfigur dieser Studie über Macht und Gier, über kometenhaften Aufstieg und tiefen Fall. Er, der "Spinner und Charismatiker", ist der fiktive Chef der ebenso fiktiven Assperg AG und die wiederum eine "hocheffiziente Präzisionsmaschine, die Führung auswirft". Ein Mann, der hektisch um die Welt jettet, um mit geliehenem Geld immer neue Firmen zu kaufen und damit Umsatz, Gewinn und den eigenen Ruhm zu steigern. Sein Motto lautet: "Wir haben kein Geld? Dann besorgen wir uns eines. Das war Unternehmertum."

Angelehnt ist die Figur Holtrops an Thomas Middelhoff, den zeitweiligen CEO des deutschen Medienkonzerns Bertelsmann. Auch weitere real existierende Wirtschafts- und Medienvertreter werden in dem Buch nur notdürftig kaschiert. Trotzdem will Goetz eigentlich keinen Schlüsselroman schreiben. Ihm geht es nicht um Personen, sondern um Mentalitäten und Strukturen. Das Scheitern Holtrops hat vor allem eine Ursache: Es ist das aufgeblasene Ego eines Machtmenschen, der alle in seinem Umfeld als subalterne Idioten verachtet. Holtrop ist kein Analytiker, er ist ein Blender, der in guten Zeiten durch Charisma glänzt, in schlechten aber nicht verbergen kann, dass er von den betriebswirtschaftlichen Grundlagen seines Jobs keine Ahnung hat. Im Gegensatz zum Autor Goetz hält es Holtrop eben nicht mit Wittgenstein: "Dass er nichts zu sagen hatte, hinderte ihn nicht daran, zu reden."

Selbstgefällig, dröhnend

Und mit diesen Eigenschaften passt die Romanfigur gut in die Zeit um die Jahrtausendwende. "Allen gefiel das, überall kam der neue Egostil gut an, bei der Bild-Zeitung genauso wie bei der Taz." Das zeitgemäße Auftreten war "unsympathisch, angeberhaft, grobianisch. Und vor allem: mega-autoritär. (…) Der Basta-Kanzler-Stil regierte, selbstgefällig dröhnend, die Politik, die Wirtschaft, die Chefs." Die besten Passagen des Buchs handeln von den Hahnenkämpfen, die unweigerlich entstehen, wenn solche Alphatiere aufeinandertreffen, etwa die Szene, in der Finanzvorstand Ahlers Holtrop in dessen Büro einen wichtigen Plan präsentiert, Holtrop aber nur Augen hat für dessen Kleidung, vor allem seine "weich gerundeten Gesundheitsschuhe, die als Beleidigung von Holtrops Teppich" da standen, "ein Laschheitsexzess von abstoßender Scheußlichkeit".

Ein skrupelloser Manager, der krachend scheitert - das könnte auch zu einer moralinsauren Nieten-in-Nadelstreifen-Schmonzette werden, wäre da nicht die Sprache, eben jener atemlose Goetz-Sound, der eine regnerische Autofahrt so beschreibt: "So fetzte Holtrop also durch dieses kranke Mitteldeutschland dahin, ostwärts, hoch, tief, runter, rüber, weiter. Und der ganze Osten schnaubte, schniefte Rotz und Wasser, brodelte. Kurz darauf saß Holtrop am Schreibtisch und donnerte die ersten offiziellen Mails dieses Bürotags in die Welt hinaus."

Holtrop fällt, rappelt sich wieder auf, um noch tiefer zu fallen. "Er hatte sich bereichert, er hatte gelogen, er hatte seine Ehre verloren. Es gab auch keine Exitstrategie mehr." Damit fällt Holtrop noch tiefer als sein Alter-Ego der 80er Jahre, Sherman McCoy. Den Wirtschaftsroman der Nullerjahre hat Goetz geschrieben. Hoffentlich schreibt er auch noch den Politik-Roman.

Informationen zum Buch:

Rainald Goetz, Johann Holtrop, Suhrkamp, 343 Seiten

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