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Asien

Blauer Himmel über Dezhou

Kein anderes Land der Welt pustet so viele Treibhausgase in die Luft wie China. Doch langsam setzt ein Umdenken ein. Zum Beispiel in Dezhou. Die Stadt im Nordosten will zum Solarzentrum Chinas aufsteigen.

Utopia Garden in Dezhou (Foto: Ruth Kirchner / DW)

Utopia Garden in Dezhou - Chinas "Stadt der Zukunft"?

Eine Fabrikhalle am Stadtrand von Dezhou. An großen Maschinen werden Metallplatten gestanzt und zu Röhren verschweißt. Sie landen auf einem Fließband, das sie langsam zur nächsten Halle transportiert, dort werden sie zu Wassertanks verarbeitet. In Hunderttausenden von Fabriken in China geht es ähnlich laut und staubig zu, dennoch ist die Firma Himin in Dezhou etwas Besonderes. Hier entsteht die grüne Zukunft Chinas.

In der Halle werden Solarwasserbereiter hergestellt, die bereits Millionen von Haushalten im Reich der Mitte mit heißem Wasser versorgen. Die Technologie ist relativ einfach: In doppelwandigen schwarzen Glasröhren auf dem Dach wird die Sonnenenergie eingefangen und damit das Wasser in den Tanks erwärmt. Ein einfaches Gerät kostet weniger als 200 Euro – und ist damit auch für viele Familien auf dem Land noch relativ erschwinglich. Eine Million Anlagen stellt Himin jedes Jahr her und ist damit weltweiter Marktführer, sagt Gründer und Firmenchef Huang Ming. "Unsere Solarwasserbereiter haben bereits 20 oder 30 Millionen Tonnen Kohle eingespart, das ist ein großer Beitrag zum Klimaschutz."

Huang Ming, Gründer und Präsident der Firma Himin (Foto:Ruth Kirchner / DW)

Huang Ming, Gründer und Präsident der Firma Himin

Ein Unternehmer mit Visionen

Der ehemalige Erdölingenieur Huang Ming sieht sich als Vorkämpfer für eine grüne Zukunft. "Chinas Solartal" steht in Leuchtschrift an der Zufahrt zu seinen Fabriken. Über der Firmenzentrale spannt sich ein gigantischer Halbmond von Solarplatten, die Strom für das mehrstöckige Gebäude liefern. Energieeffizienz wird groß geschrieben. Um Strom zu sparen, halten die Aufzüge nur in jedem zweiten Stockwerk. Mit dem Slogan "Blauer Himmel, weiße Wolken für die nächste Generation" wirbt die Firma seit 15 Jahren für ihre Produkte. Solarenergie zu verbreiten, sei sein großer Traum, sagt Huang. "Und das wird auch in Zukunft so bleiben."

Mitten in Dezhou ist der Traum bereits im Bau. Hier entsteht "Utopia Garden", die Stadt der Zukunft. 1600 umweltfreundliche Eigentumswohnungen in bis zu 30stöckigen Hochhäusern. Über den Dächern werden sich gewaltige Sonnensegel aus Solarzellen spannen. Im nächsten Jahr sollen die ersten der Luxus-Wohnungen bezugsfertig sein. Ausgeklügelte Umwelttechnologie steckt in jedem Detail. Die Klimaanlagen etwa, sonst gewaltige Energiefresser in China, laufen mit Sonnenstrom.

Dächer mit Solarwasserbereitern (Foto:Ruth Kirchner / DW)

Auf fast allen Dächern von Dezhou sind Solarwasserbereiter installiert

Solaranlagen auf fast allen Dächern

Dabei ist Dezhou mit seinen fünf Millionen Einwohnern eigentlich eine ganz normale chinesische Stadt. Am Stadtrand rauchen Fabrikschlote; Stahl, Chemie und Textil sind wichtige Industriezweige. Aber seit Huang Ming mit seinen Solarwasserbereitern zum Weltmarktführer aufstieg, setzt die Stadt zunehmend auf nachhaltige Entwicklung.

So gut wie alle Häuser im Zentrum sind mit Solarwasserbereitern ausgestattet. In den Vororten sind es bereits die Hälfte. Solarampeln und 5000 solarbetriebene Straßenlaternen säumen die Strassen. "Damit haben wir den Kohleverbrauch um fast 500 Tonnen pro Jahr gesenkt", freut sich Zhang Yunfa von der Stadtverwaltung. Die Emissionen habe man jährlich um fast 1240 Tonnen reduziert.

Taxis in Dezhou fahren mit Erdgas, auch die Hälfte der Stadtbusse wurde umgestellt. Im kommenden Jahr wird die Kommune einen internationalen Solarkongress ausrichten. Bei der Bewerbung konnte sich die Stadt sogar gegen das grüne Freiburg im Breisgau durchsetzen.

Lob von Greenpeace

Solarbetriebene Straßenlampen. (Foto: Ruth Kirchner / DW)

Ein alltägliches Bild in Dezhou: solarbetriebene Straßenlampen

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace lobt Dezhous Anstrengungen als vorbildlich. "Hier versucht man, die wirtschaftliche Entwicklung umzustellen – auf eine nachhaltige Basis", sagt Greenpeace-Aktivist Zheng Mingqing. "Davon können andere Städte in China viel lernen."

Bislang haben sich 40 Firmen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien in der Stadt angesiedelt. Doch es sollen noch viel mehr werden. Dezhou wirbt schon jetzt damit, Chinas Solar-Stadt zu sein und konkurriert um diesen Titel mit einer Handvoll anderer Städte, die sich in eine ähnliche Richtung entwickeln wollen. Wirtschaftswachstum und Umweltschutz sind keine Widersprüche, sagt Zhang Yunfa von der Stadtverwaltung. "Wir haben gute Voraussetzungen eine Stadt zu werden, in der auch nachts die Lichter nie ausgehen." Denn genau das, die blinkenden Leuchtstreifen an den Gebäuden, gelten in China immer noch als Indiz für den Fortschritt.

Insel im Meer von Kohle

Die Firmenzentrale von Himin in Dezhou (Foto:Ruth Kirchner / DW)

Die Firmenzentrale von Himin in Dezhou Nordostchina

Unternehmer Huang Ming will noch mehr. Er träumt davon, dass Dezhou eines Tages zum größten Solarzentrum der Welt aufsteigt. Rund um seinen Firmensitz lässt er ein Kongresszentrum bauen, Modellsiedlungen, einen Vergnügungspark und ein Solarkraftwerk. Damit, sagt er, könne man Millionen von Besuchern – und potentiellen Kunden - anlocken. Dass die Solarindustrie im Kohleland China derzeit noch eine marginale Rolle spielt, ficht seinen Optimismus nicht an. Noch sei das Solartal Dezhou eine Insel in einem Meer von Kohle. Aber: "Diese Insel wird größer und größer werden; und der Einfluss dieser Insel wird gewaltig sein, nicht nur in China, sondern in der ganzen Welt."

Autorin: Ruth Kirchner
Redaktion: Daniel Scheschkewitz / Esther Broders