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Politik

Blaue Eimer als Protest

Alle Autofahrer sind gleich, aber manche sind gleicher als andere. Dass das trotz seiner kommunistischen Vergangenheit besonders für Russland gilt, lernt man in Moskau schnell.

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Denn wer wichtig genug ist, schraubt sich ein Blaulicht aufs Dach. Und rast vorbei am Moskauer Dauerstau. Vor allem zur Rush Hour. Auf dem Neuen Arbat wälzt sich die Blechlawine dann im Schneckentempo über die zehn Spuren. Die Ausfallstraße führt direkt vom Kreml weg. Ganz Moskau steht im Stau.

Wenn der Klavierunterricht ruft...

Ganz Moskau? Nein, denn auf dem schmalen Mittelstreifen jagen schwarze Limousinen mit Blaulicht im Minutentakt stadtauswärts. Ein Polizist mit hoher Schirmmütze und gelber Reflektorweste hält jedes Mal kurz den Verkehr an – das Ergebnis: noch mehr Stau, nur damit Putins Elite nicht zu lange die schicken Ledersitze ihrer S-Klasse platt sitzen muss. Immerhin rufen die Staatsgeschäfte – oder der Klavierunterricht des Nachwuchses, wie böse Zungen behaupten. Im Internet tauchen immer wieder Videos auf, in denen zu sehen ist, wie Politiker ihre Kinder mit Blaulicht zur Schule oder Uni fahren.

Vor meinem Haus wird die Straße jeden Morgen vierzig Minuten lang komplett gesperrt. Kurz darauf rasen Präsident Medwedew oder Regierungschef Putin vorbei auf dem Weg zur Arbeit. Die anderen Autofahrer haben auf der Hauptausfallstraße das Nachsehen.

Recht auf freie Fahrt

Mindestens 1123 Russen haben das Recht auf ein persönliches Blaulicht und damit auf freie Fahrt im dauerverstopften Moskau. Die Liste derer mit eingebauter Vorfahrt liest sich wie eine Vorlesung in russischem Staatsaufbau. 50 für den Kreml, 40 für den Apparat des Regierungschefs, dazu Minister, Polizeigeneräle, Staatsanwaltschaft, Parlamentsvorsitzende und natürlich der übermächtige Inlandsgeheimdienst FSB.

Vor drei Jahren hat der damalige Präsident Wladimir Putin einmal versucht, dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten und die Zahl der Blaulichtberechtigten auf knapp 1000 halbiert. Im Föderationsrat ließen die Senatoren das Gesetz erst im zweiten Anlauf passieren. "Wie sollen wir denn dann morgens zur Arbeit kommen?“, war ihre größte Sorge.

Proteste mit Plastikeimern

Doch einen überfüllten Metrowaggon hat wohl noch keiner von ihnen jemals von innen gesehen. Und auch der Stau ist nur eine kleine Reminiszenz an das Leben der gewöhnlichen 12 Millionen Moskowiter. Doch denen reicht es zunehmend.

Die Vereinigung der Autofahrer protestiert. Ihre Mitglieder sollen jedem Auto mit Vorfahrtsprivileg wütend hinterher hupen. Außerdem basteln sie sich ihre eigenen Blaulichter. Ein kleines blaues Plastikeimerchen soll – per Saugnapf auf dem Wagendach befestigt – zum Symbol des Protests gegen die Privilegien der Elite und deren Staatsverständnis werden. Hohe Polizeibeamte mussten einräumen, dass diese kreative Art des Protests gegen keine Straßenverkehrsregel verstößt. Trotzdem haben die eh schon unbeliebten Verkehrspolizisten Anweisung, gegen die Eimerchen hart durchzugreifen. Doch mit Knöllchen wegen „Mitführung von unerlaubter Ladung“ machen sich die Polizisten nur selbst lächerlich. Und die Elite kümmert es eh wenig. Sie rast weiter am Dauerstau vorbei.

Autor: Erik Albrecht
Redaktion: Frank Wörner