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Wissen & Umwelt

Blau-grüner Klimaschutz

Mehr als die Hälfte der Menschen lebt in Städten. Sie tragen zum hohen Energieverbrauch und zum Klimawandel bei. Andererseits leiden sie unter den Folgen. Das Bundesamt für Naturschutz will mit Natur gegensteuern.

"Wird das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen sein?", fragt Birgit Jessel in einer Presserunde vor der Weltklimakonferenz. Sie hege Zweifel, legt die die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) nach. "Welche Maßnahmen werden erforderlich sein, dies zu erreichen?"

Prompt gibt sie selbst die Antwort darauf: "Wir müssen die Treibhausgas-Emissionen verringern." Und darüber hinaus müsse man - da ist sich die Professorin für Landschaftspflege sicher - "die Anpassungsstrategien an die Folgen des Klimawandels weiter entwickeln."

Zentrale Rolle der Städte

Besonders die Städte sind gefordert, heißt es im BfN, denn im urbanen Raum sind die Auswirkungen besonders spürbar. Viele europäische Großstädte und Ballungsgebiete liegen an großen Flüssen. Nach Schätzungen der europäischen Umweltagentur (EEA) sind rund 20 Prozent von Hochwasser gefährdet. Und von 20 Megacities liegen 13 am Meer. Auch ihnen sagen Klimaforscher Überschwemmungen voraus.

Prof. Beate Jessel, Präsidentin Bundesamtes für Naturschutz (Foto: DW/Karin Jäger).

Beate Jessel: "Naturbasierter Klimaschutz ist günstiger als technischer."

Obwohl Städte nur zwei Prozent der globalen Landfläche einnehmen, zieht es immer mehr Menschen dorthin. In Europa lebt rund drei viertel der Bevölkerung in mittelgroßen und großen Städten. Sie produzieren 70 Prozent aller CO2-Emissionen, dazu Unmengen Abfall, verbrauchen viel Energie.

Aufgrund der dichten Bebauung und hohen Flächenversiegelung heizen sie sich schneller auf und kühlen langsamer ab als ländliche Räume.

Zudem gibt es einen geringeren Luftaustausch, spürbar in zunehmend tropisch heißen Sommernächten. Die größere Trockenheit, die höhere Belastung mit Luftschadstoffen und Aerosolen, all das wirkt sich kreislaufbelastend und gesundheitsgefährdend bei älteren Menschen und Risikogruppen aus. Das Schadensrisiko durch Starkregen und Hochwasser wird steigen.

Da der Regen nicht mehr gleichmäßig fällt und Straßenbäume durch die längeren Trockenperioden zu vertrocknen drohen, können die toten Wurzeln große Mengen Wasser nicht mehr aufnehmen. Auch der Asphalt beeinträchtigt das Wurzelwachstum der Bäume. Sie sind anfällig für Schädlinge. Daneben sind Bodenverdichtung und Belastung durch Streusalz im Winter sind Stressfaktoren. Das Natrium im Salz verhindert die Nährstoffaufnahme.

Naturbasierte Ansätze

"Doch Natur kann in der Stadt auch effektive und kostengünstige Beiträge zum Klimaschutz und zur Anpassung an den Klimawandel leisten", sagt BfN-Präsidentin Jessel. Stadtbäume spenden Schatten, Fassaden‐ und Dachbegrünungen wirken isolierend und tragen so zur Energieeinsparung bei. Untersuchungen an der 850 Quadratmeter großen begrünten Fassade des Magistrats in Wien ergaben eine Reduzierung des Wärmeverlustes im Winter um 50 Prozent.

Die sommerliche Kühlleistung ersetzte 45 Klimakühlgeräte - mit je 3000 Watt und acht Stunden Betriebsdauer. Außerdem können sich in diesen ökologischen Nischen Vögel und Insekten einnisten. Gründächer wirken auch als Wasserspeicher. Die Städte Hannover und Hamburg fördern längst Dach- und Fassadenbegrünungen finanziell.

Das BfN hat die Anpassungsleistungen städtischer Grünräume näher untersucht. Offene Grünflächen und ‐Schneisen werden eigens dafür angelegt, damit sie Kaltluft aus dem Umland ins Stadtzentrum leiten sowie Luftschadstoffe und Feinstaub filtern.

"Blauer Klimaschutz"

Aber nicht nur grüne, sondern auch sogenannte "blaue" Strukturen - etwa Flüsse, Bäche oder Teiche - verbessern das Stadtklima. Die Verdunstung ihres Wassers erhöht die Luftfeuchtigkeit und sorgt gleichzeitig für Kühlung. Darüber hinaus können sie helfen, das Überschwemmungsrisiko in Städten zu senken.

Birgit Jessel lobt besonders den "grün-blauen Regenkorridor" der Stadt Kamen bei Dortmund. Weil bei Starkregen ein Mischwasserkanal überzulaufen drohte und die Umgebung überflutete, wird Regenwasser vom Abwassersystem abgekoppelt und in einen angelegten Bach entlang privater Grundstücke eingeleitet. Auch Regenwasser, das auf den Dächern oder befestigten Terrassen anfällt, kann so aufgefangen und später von den Anwohnern im Garten genutzt werden.

Lösungen auf dem Land

Beate Jessel vertritt die Auffassung, dass stabile und intakte Ökosysteme essentiell für den Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel sind. "Maßnahmen, die der Erhaltung und der nachhaltigen Nutzung der Natur dienen, können in erheblichem Umfang und relativ kostengünstig eingesetzt werden."

Bildergalerie Deutsche Wälder

Renaturierte Elbe bei Lenzen: Wasser kann frei fließen, Auenwälder entstehen

Sie spricht die Renaturierung von Flüssen und Auen an. Lange Zeit wurden Gewässer begradigt, zu Kanälen vertieft und ausgebaut, um darauf Schifffahrt ohne Umwege zu ermöglichen. Die Auen wurden trockengelegt, um sie als Wirtschaftsflächen zu nutzen. Zunehmende Hochwassergefahr hat zum Umdenken geführt.

Auch die Renaturierung von Mooren, die Erhaltung von artenreichem Dauergrünland als wichtige CO2-Speicher oder der Schutz von Bannwäldern als Anpassungsmaßnahme gegen klimawandelbedingt verstärkt auftretende Lawinen in Gebirgen sind naturbasierte Ansätze. Diese sind häufig auch kostengünstiger als aufwendige technische Lösungen.

Natur contra Beton

Die Stadt New York hat zwei Konzepte zum Umgang mit Starkregenereignissen erstellt. Dabei stellte sich heraus, dass die Umsetzung des "grünen Infrastrukturplans", mit Flussrenaturierungen und Dachbegrünungen, Berechnungen zufolge 1,5 Milliarden US-Dollar weniger kostet als der Plan mit herkömmlichen Tunnellösungen und Abflusskanälen.

"Stadtnatur" hat darüber hinaus weitere positive Effekte: "Städtisches Grün macht widerstandsfähiger gegen den Klimawandel, bietet einen beruhigenden Kontrast zur lauten und hektischen Stadt. Luftreinhaltung und Lärmminderung, Nutzung zur Naherholung und Sport fördern die psychische und körperliche Gesundheit", sagt Beate Jessel.

Auf die Sekunde genau nach 17 Minuten beendet die BfN-Chefin ihr Plädoyer. Jetzt gilt es zu handeln.

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