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Kultur

Blamage!

Der jahrelange Kampf von Bürgerinitiativen und Künstlern hat nichts genutzt. Dresden ruiniert für eine Brücke seinen Ruf. Und den der Kulturnation Deutschland gleich mit, meint Ramón García-Ziemsen.

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Was haben Dresden und Oman gemeinsam? Beide sind von der Liste der Welterbestätten gestrichen worden. Eine Leistung, die für die Dresdner gar nicht so leicht zu erbringen war, schließlich war dafür folgendes nötig: Eine Mischung aus deutschem Klein- und Übermut, einer guten Portion provinzieller Arroganz, abgerundet von einem Schuss kultureller Ignoranz.

Symbol des Wiederaufbaus

Ramón García-Ziemsen (Foto: DW)

Ramón García-Ziemsen

Dresden, das war zuerst nach 1945 und dann nach dem Mauerfall 1989 auch ein Beispiel für den Wiederaufbau, die Restaurierung einer früher einmal weltberühmten historischen Innenstadt. Da ist die Frauenkirche, die mit Hilfe von Spenden aus aller Welt wiederaufgebaut wurde, dann die während der DDR-Zeit restaurierte Semperoper – Orte, die Teil des historischen Gedächtnisses der Deutschen sind. All das eingebettet in eine ungewöhnlich schöne Naturlandschaft – ein Stadt-Land-Ensemble, das völlig zu Recht vor fünf Jahren zum Weltkulturerbe erklärt worden ist.

"Was schert uns die UNESCO?"

Aber die Dresdner, vor allem die Dresdner Kommunalpolitiker, wollten lieber eine Brücke – frei nach dem Motto: Wofür brauchen wir diesen Titel, die Touristen kommen doch trotzdem. Und: Die UNESCO ist ja eigentlich auch kein richtig demokratisches Gremium. Und: Vielleicht machen sie ja nicht wirklich Ernst, schließlich ist die Brücke längst im Bau. Aber die UNESCO hat Ernst gemacht und damit nicht nur Dresden beschämt. Weltweit sind fast 900 Stätten auf der Welterbeliste zu finden, viele davon in Ländern, die kaum Mittel haben, diese besonderen Orte zu erhalten und trotzdem dafür kämpfen. Länder, in denen teilweise Hunger herrscht, in denen aber trotzdem alles dafür getan wird, kulturelle Erinnerung zu bewahren. Uns, als einer der reichsten Kulturnationen der Welt, war ein vierspuriges Verkehrsprojekt aus Beton und Stahl wichtiger. Typisch, könnte man sagen - der Verkehr, die Autos, ja, auch das ist Deutschland.

Blick in das Elbtal in Dresden (Foto: dpa)

Es musste keine Brücke sein…

Das Verrückte in Dresden ist, dass es durchaus Alternativen gegeben hätte. Eine Brücke musste es gar nicht sein, ein Tunnel wäre der Kompromiss gewesen. Ein Tunnel, der nur unwesentlich teurer gewesen wäre. Übrigens: Selbst jetzt wäre ein Baustopp der Brücke noch drin. Aber das wollten die Dresdner Kommunalpolitiker nicht. Und nun ist das Geschrei riesengroß. In ersten Reaktionen sprechen Politiker von einem "schwarzen Tag für das Kulturland Sachsen und Deutschland als Kulturnation". Schließlich, und das darf nicht vergessen werden, gehört Deutschland zu den Unterzeichnern der Welterbekonvention, mit der sich die Vertragsstaaten verpflichten, für den Schutz und Erhalt ihrer Welterbestätten zu sorgen. Aber da ist außer dem immensen Imageschaden noch etwas: Das Bundesbauministerium kündigte bereits an, dass weitere Dresdner Projekte nicht mehr aus dem Welterbestätten-Bundesprogramm gefördert werden.

Verlorener Kampf

Der deutsche Medizin-Nobelpreisträger Gunter Blobel, der einen Großteil seines Preisgeldes vor zehn Jahren für die Dresdner Frauenkirche gespendet hat, meinte im Vorfeld der Entscheidung: "Es lohnt sich an eine Rettung der Schönheit zu glauben und weiter dafür zu kämpfen."

Dieser Kampf ist nun wohl endgültig verloren. Denn jetzt, wo der Titel weg ist, könnte Schlimmeres kommen: Ein Bauboom ohne Sinn und Verstand, ausschließlich kurzfristigen ökonomischen Kriterien gehorchend.

Dresden bekommt eine Brücke und verliert einen Titel.
Ein Verlust, der die Stadt teuer zu stehen kommen wird.


Autor: Ramón Garcia-Ziemsen
Redaktion: Anna Kuhn-Osius