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Politik

Blair, der tragische Gastgeber

Die Monate vor dem G8-Gipfel in Gleneagles waren gespickt mit großen Ankündigungen - doch Tony Blairs Bemühungen um Afrika und Klimaschutz endeten im Terrorchaos. Rolf Wenkel kommentiert.

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Jeder Gastgeber eines G8-Gipfels hat das Recht, seine ganz persönlichen Anliegen ganz nach oben auf die Agenda der Beratungen der acht wichtigsten Industrienationen der Welt zu setzen. Der britische Premierminister Tony Blair hat diese Gelegenheit genutzt, die beiden größten Probleme der Menschheit anzugehen. Der Kampf gegen Armut, Hunger und Krankheit in Afrika und der Kampf gegen die drohende globale Klimakatastrophe - beides sollte im schottischen Gleneagles einen neuen Schub bekommen. Doch die feigen Terroranschläge von London haben auf all diese Bemühungen einen dunklen Schatten gelegt.

Kein Sieg des Terrors

Die Mörder von London haben allerdings nicht erreicht, dass die Gipfelteilnehmer ihren Gedankenaustausch abgebrochen haben - das wäre einem Sieg der Terrors über die zivilisierte Welt gleich gekommen. Sie haben auch nicht erreicht, dass die acht Staats- und Regierungschefs ihre Beschlüsse über den Haufen warfen, die ihre Unterhändler in einem einjährigen Abstimmungsprozess zwischen den Gipfeln ausgehandelt haben. So gibt es wirkliche, wenn auch manchmal kleine Schritte nach vorn. Die Mittel für die Entwicklungshilfe sollen um 50 Milliarden Dollar erhöht werden. Das beende zwar nicht die Armut, sagt Tony Blair, aber das sei ein hoffnungsvoller Anfang.

Die im Jahr 1999 auf dem G8-Gipfel in Köln von Bundeskanzler Gerhard Schröder ins Leben gerufene Entschuldungsinitiative für die ärmsten Länder der Welt findet in Gleneagles ihren vorläufigen Höhepunkt. 18 der ärmsten Staaten dieser Welt profitieren vom Schuldenerlass, davon 14 allein in Afrika südlich der Sahara. Auch in Sachen Klimawandel hat es - wenn auch bescheidene - Fortschritte gegeben. US-Präsident George Bush ist - trotz aller diplomatischen Formulierungen im Abschlussdokument - gegenüber der Weltgemeinschaft völlig isoliert, weil er nach wie vor das Kyoto-Protokoll ignoriert. Doch viele seiner eigenen Bundesstaaten und Städte sowie große Teile der amerikanischen Industrie haben sich längst den Zielen einer Verringerung der Treibhausemissionen verschrieben. Die Amerikaner sind mit im Boot - auch ohne ihren störrischen Präsidenten.

Fehlgeleitete Aufmerksamkeit

Wie gesagt, das sind Fortschritte, auch wenn sich Entwicklungs- und Umweltschutzorganisationen mehr gewünscht hätten. Das tragische ist nur, dass die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf den Terror und das Chaos gerichtet sind - und nicht auf den Kampf gegen Armut und die drohende Klimakatastrophe. Doch genau diesen Kampf hat der islamistische Terror am meisten zu fürchten. Denn Fortschritte im Kampf gegen Armut, Hunger und Krankheit in der Welt und für eine gerechtere Weltordnung sind die wahrscheinlich einzigen wirklich wirksamen Waffen, dem Terror auf lange Sicht den Boden zu entziehen. Das ist das Perfide an den Anschlägen von London: Gerade als sich die Reichen dieser Erde endlich zu einer Kraftanstrengung in Sachen Armutsbekämpfung aufraffen wollten, schlägt der Terror zu - weil es an seine Wurzeln geht.

Und Tony Blair? Er hat sich einen Gipfel gewünscht, von dem ein klares Signal ausgeht, der so etwas wie eine neue Aufbruchstimmung in Sachen Klima und Entwicklung erzeugt. Doch statt der kleinen, hoffnungsvollen Fortschritte, die in Gleneagles erzielt wurden, werden die blutigen Bilder aus London im kollektiven Gedächtnis haften bleiben. So wird aus dem britischen Premier eine tragische Figur, die als Gastgeber eines Terror-Gipfels in die Geschichtsbücher eingehen wird.

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  • Datum 08.07.2005
  • Autorin/Autor Rolf Wenkel
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  • Permalink http://p.dw.com/p/6tc9
  • Datum 08.07.2005
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