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Brasilien

"Blackbox" Nordkorea fasziniert Brasilien

Brasilianer suchen im Netz häufig nach Informationen über Nordkorea. Die Faszination fußt unter anderem auf dem tief in der Gesellschaft verwurzelten Feindbild USA. Brasilianische Wissenschaftler suchen nach Antworten.

Traditionell buhlen in den brasilianischen Nachrichten verschiedene Korruptionsskandale, Gewalttaten in den Städten und Fußballergebnisse um die Aufmerksamkeit des Publikums. Derzeit stößt ein Thema vom anderen Ende der Welt auf besonderes Interesse: Nordkorea.

Seit das kommunistische Regime die Welt mit immer neuen Atomwaffentests in Aufruhr versetzt, gehören die Brasilianer zu denen, die sehr häufig auf Google nach Informationen über das kleine kommunistische Land suchen.

Das große Interesse hat dem Leben von Thiago Mattos Moreira eine etwas unerwartete Wendung gegeben. Der Experte für internationale Beziehungen absolvierte sein Abschlussjahr im Studienfach Internationale Beziehungen an der Hanyang Universität in Südkoreas Hauptstadt Seoul. Nun ist Mattos, der an der Universität von Rio de Janeiro lehrt und forscht, als Redner gefragt. "Die Leute wollen wissen, wie das Leben der Menschen in Nordkorea tatsächlich aussieht, ob das Land tatsächlich einen dritten Weltkrieg herbeiführen kann, oder sie interessieren sich einfach für die dortige Kultur."

Brasiliens Stabilität in Gefahr

Natürlich fragen sich die Brasilianer auch, wie ein so kleines Land dazu kommt, die größte Militärmacht der Welt, die USA, herauszufordern. Und zwar in einem "klassischen Konflikt", wie Paulo Watanabe, Professor für Internationale Sicherheit an der Staatlichen Universität São Paulo, es nennt, also: Ein Land droht direkt einem anderen. Eine Art von Konflikt, die es seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr gegeben habe, der Wissenschaftler.

Nordkorea 6. Nukleartest | Versammlung in Pjöngjang (picture-alliance/AP Photo/Jon Chol Jin)

Nach dem jüngsten Nukleartest ließ Nordkoreas Herrscher Kim Jong-un sein Volk zu Feiern in Pjöngjang aufmarschieren

"In den letzten Jahren ist Nordkorea das Land, das am deutlichsten die Macht der Amerikaner in Frage stellt", sagt Watanabe, "Sie wollen mit den Tests sagen: Wir stehen auf einer Stufe."

Ein  Krieg würde wohl das Ende einer der beiden Seiten bedeuten, wahrscheinlich Nordkoreas. Und das würde sich unmittelbar auf die ganze Welt auswirken, betont der Forscher: "Das würde vor allem die chinesische Wirtschaft betreffen, die im Grunde das Zentrum des Welthandels, und erst recht des brasilianischen Außenhandels darstellt." Insofern stehe auch die Stabilität Brasiliens auf dem Spiel.

Video ansehen 01:58

Nordkorea beschäftigt erneut Sicherheitsrat

Eine Frage der Weltanschauung

Ob das der Grund für das überbordende Interesse der Brasilianer an dem Thema ist? Cláudia Marconi, Politologin an der Päpstlichen Katholischen Universität São Paulo findet eine andere Erklärung. Sie glaubt, viele ihrer Landsleute würden in dem Konflikt eine binäre Logik erkennen: Demokratie gegen Diktatur, Rationalität gegen Irrationalität, Globalisierung gegen Isolation, Kapitalismus gegen Kommunismus.

"Diese Polarisierung findet derzeit ein großes Echo in der brasilianischen Gesellschaft", sagt Marconi. Als Beispiel erinnert sie an den Ausspruch "Dann geh doch nach Kuba!", den Konservative seit den Massenprotesten 2015 den Anhängern der linken Ex-Präsidentin Dilma Rousseff 2015 entgegen rufen.

Der Widerstreit der Ängste

Der Psychologe José Paulo Fiks ist Traumaforscher an der Bundesuniversität São Paulo und sieht noch einen ganz anderen Aspekt in der brasilianischen Nordkorea-Faszination: Er fühlt sich erinnert an die Angst vor einem Atomschlag zu Zeiten des Kalten Krieges, die er in den 1980er Jahren in Europa erlebte.

BRICS Gipfel Putin bei der Plenarsitzung (picture-alliance/dpa/POOL Reuters/T. Siu)

Die Atomtests Nordkoreas überschatteten den Gipfel der BRICS-Staaten im Nachbarland China, an dem auch Brasiliens Präsident Michel Temer teilnahm

Nach Fiks' Einschätzung gibt es in Brasilien keine traumatischen Erinnerungen an den Krieg, wie in Nordkorea. Auch das Trauma der Militärdiktatur (1964 bis 1985) sei bereits stark verblasst. Die Brasilianer versuchten vielmehr zu verstehen, was in dem abgeschotteten Universum Nordkoreas vor sich gehe.

Die eigentliche Angst der Brasilianer betreffe aber eher das tägliche Leben: "Unsere Rezeptoren und Alarmsysteme im Gehirn sind eher auf die brasilianische Realität gerichtet, auf die tägliche Gewalt, die in den Straßen Lateinamerikas größer ist als sonst wo in der Welt."

Diese Angst sei in den sozialen Schichten Brasiliens unterschiedlich stark ausgeprägt: Je reicher, desto sicherer fühlten sich die Menschen tendenziell, da sie sich besser schützen könnten, erklärt der Psychologe. Angesichts einer nuklearen Katastrophe aber verwässerten diese Unterschiede und auf einmal spüre jeder, dass er in gleichem Maße Opfer werden könnte. "Und dem", sagt Fiks, "können sich viele Brasilianer nicht entziehen."

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