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Europa

"Bitterfotze": In der Wut liegt die Kraft

Selbst im für Gleichberechtigung bekannten Schweden begegneten sich Männer und Frauen nicht auf Augenhöhe - meint Maria Sveland. In ihrem Roman "Bitterfotze" erfährt eine junge Mutter diese Benachteiligung.

Porträt von Maria Sveland (Foto: Leif Hansen)

Ihr Roman sorgte in Schweden für Aufsehen: Maria Sveland

Eine karge, schwarze Bühne mit spärlichen Requisiten am Stadttheater Uppsala. In einem bequemen Ledersessel sitzt Sara und philosophiert über ihr Leben. Trostlos und verbittert ist ihr Gesichtsausdruck, ab und zu stimmt sie ein Lied an, um sich ihren Frust von der Seele zu singen.

Mann und Frau verhandeln zu wenig

Das Buchcover von Bitterfotze: auf dem Bild ist eine Frau mit einem kleinen Kind zu sehen - im Stil der 50er-Jahre (Foto: Leif Hansen)

Auf 272 Seiten erzählt die junge Mutter Sara von ihren Gefühlen - während ihr Mann auf Geschäftsreise ist

Sara ist wütend. Wütend, dass sie mit ihrem kleinen Sohn alleine zu Hause sitzen muss, während ihr Mann auf Dienstreise durch die Welt tourt. Wütend, dass alle Ideen von der Gleichberechtigung von Mann und Frau im Alltag so kläglich gescheitert sind. Sie hat ihren Koffer mit einem Stapel feministischer Literatur gefüllt und nimmt eine Woche Auszeit auf Teneriffa. Schauspielerin Anna Lyons ist Sara, die "Bitterfotze": "Auf Schwedisch hat ‚Bitterfotze' eine ziemlich negative Bedeutung, es ist ein Schimpfwort. Ich sehe aber auch die andere Seite, denn in der Wut und Bitterkeit liegt eine enorme Kraft, zu handeln. Es ist der Versuch, dem Wort eine neue Bedeutung zu verleihen", sagt Lyons.

Auch im gleichberechtigten Schweden verhandelten Frau und Mann immer noch zu wenig darüber, wer welche Arbeit zu tun habe, meint Maria Sveland, die "Bitterfotze" geschrieben hat. Dabei sehe es von außen immer so aus, als seien die Geschlechter in Schweden auf gleicher Augenhöhe, meint die 34-jährige Journalistin. Verglichen mit anderen Ländern habe das Königreich zwar eine gut ausgebaute Kinderbetreuung - trotzdem seien es die Frauen, die öfter Teilzeit arbeiteten und den größten Teil der unbezahlten Hausarbeit erledigten. "Sie bleiben zu Hause, wenn die Kinder krank sind und nehmen 80 Prozent der Elternzeit. Da gibt es noch einiges zu tun", fordert die Autorin.

Selbstbetrug in der Liebe

Auch in ihrer eigenen Beziehung musste Maria Sveland dafür arbeiten, gleichberechtigt leben zu können. An der Pinnwand in ihrem kleinen Büro in einem alten Holzhaus mitten in Stockholm hängt ein Bild ihres Mannes Olof, auf seinem Schoß ihr erster Sohn. Gleichberechtigt Eltern zu sein, das sei nach der Geburt ihres zweiten Kindes leichter geworden. Aus den Erfahrungen mit dem ersten Kind habe sie gelernt, sagt Maria Sveland und streicht sich eine Strähne ihrer roten Locken aus dem Gesicht.

"Bitterfotze" habe sie auch geschrieben, um ihre Erfahrungen als Mutter und Berufstätige zu verarbeiten, sagt die 35-Jährige: "Es gibt kein Feld, das sich so gut für den Selbstbetrug eignet wie die Liebe. Man macht sich gern etwas vor, weil es unbequem und anstrengend ist, sich auseinanderzusetzen. Man sagt sich, okay, dann wasche ich eben schnell ab, dann muss ich mich nicht streiten - auch wenn es um den fünften Abwasch in Folge geht. Ich denke aber, Liebe ist, was Liebe tut. Man sollte nicht nur sagen, dass man liebt, man sollte es auch zeigen."

Männliche Unterdrücker und feministische Literatur

Eine Geschäftsfrau trägt ihr Kind (Foto: Bilderbox)

Auch in Schweden sind es oft noch die Frauen, die Karriere gegen Familie tauschen

In ihrer eigenen Beziehung funktioniere das bereits, sagt Maria Sveland. Sie und ihr Mann Olof, der Regisseur ist, achteten genau darauf, dass sie ihre beiden Söhne abwechselnd zu Kindergarten und Schule brächten. Sie versuchten, gemeinsam zu putzen und einzukaufen, damit nicht einer mehr mache als der andere. Der Sarkasmus, den ihre Hauptfigur Sara an den Tag legt, liege Maria Sveland fern.

Anna Lyons alias Sara ist im Theaterstück inzwischen von Teneriffa zurück. Ihre Feminismusbücher hat sie gelesen, die Wirklichkeit an diversen Paaren am Pool beobachtet. Nüchtern philosophiert sie darüber, ob all die männlichen Unterdrücker am Ende des Lebens für ihr Tun büßen müssen und was sie als nächstes tun will, um Handlungskraft aus ihrer Wut zu ziehen und nicht zu verbittern.

Bei den vor allem weiblichen Zuschauern ist das Urteil über das Stück überwiegend positiv: "Ich habe eine Menge Situationen aus dem Berufsalltag wiedererkannt, die Frustration und die Wut darüber, nicht ausreichend ernst genommen zu werden. Das ist es vielleicht, was mich so wütend macht: Wir sind so weit gekommen, dass uns jetzt die Augen geöffnet werden und wir feststellen, wie ungleich unsere Situation eigentlich ist."



Das Buch "Bitterfotze" ist auf Deutsch bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als Taschenbuchausgabe 8,95 Euro.



Autorin: Agnes Bührig

Redaktion: Sandra Voglreiter

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