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Wirtschaft

Bitterfeld - Wie Phoenix aus der Asche

Bitterfeld war zu DDR-Zeiten die wohl schmutzigste Stadt Europas. Doch wo einst die Chemiekombinate Gestank verbreiteten ist inzwischen neues Leben erwacht, die der Stadt ein neues Image verschaffen.

Bernsteinvilla Bitterfeld, Quelle: DW

Symbol des Umschwungs: Die Bernsteinvilla Bitterfeld

Aspirin-Herstellung bei Bayer in Bitterfeld, Quelle: DW

Aspirin-Herstellung bei Bayer in Bitterfeld

Nach der Wende 1989 war Bitterfeld eine sterbende Stadt: Die Chemiefabriken wurden geschlossen, ebenso wie der berühmte Kulturpalast, in dem die SED-Führung ihre Kulturpolitik, den so genannten Bitterfelder Weg proklamiert hatte. Die ORWO -Filmfabrik im benachbarten Wolfen ereilte das gleiche Schicksal. Die Menschen begannen, in Scharen aus der Region im Chemiedreieck zwischen Halle, Leipzig und Dessau abzuwandern.

Inzwischen jedoch erblüht die Region zu neuem Leben. Im nach der Wende privatisierten Chemiepark produziert die Firma Bayer ihre weltberühmte Schmerztablette Aspirin und in einem neuen Industriegebiet der gerade fusionierten Städte Bitterfeld und Wolfen hat sich mit der Solarfabrik Q-Cells eine wachstumsintensive Zukunftsbranche angesiedelt. An der Goitzsche, wo früher Braunkohle abgebaut wurde und die Luft mit Ruß und Qualm erfüllt war, ist ein Naherholungsgebiet entstanden, dessen Seen und Wälder den Menschen neue Lebensqualität bieten und Besucher aus nah und fern anziehen.

"Die Arbeit war schwer"

Eine ehemalige Deponie in der Nähe von Bitterfeld, Quelle: AP

Eine ehemalige Deponie in der Nähe von Bitterfeld (Archivfoto von 1992)

Bitterfeld - ein wenig hat man den Eindruck, als sei Phoenix aus der Asche emporgestiegen, aber der Arbeitplatzverlust von zehntausenden von Menschen hat der Region schwere Narben zu gefügt. Das spürt man auch, wenn man mit denen spricht, die nach der Wende nicht in den Westen gegangen sind. Zum Beispiel Manfred Gill, der früher in der ORWO-Filmfabrik arbeitete, der weltweit zweitgrößten Fabrik zur Herstellung von Kleinfilmen, die zu DDR-Zeiten mehr als 14.000 Menschen in Lohn und Brot hielt, darunter allein 8000 Frauen.

Die Arbeit war schwer. Die Fabrikhallen waren auf acht Grad Celsius herunter gekühlt und wegen der lichtempfindlichen Filme fast stockdunkel, erzählt Gill, der heute Besucher durch das Industrie- und Filmmuseum führt und die Originalmaschinen erklärt. Oben im Museum hängen in einer Ausstellung Fotos aus den Zeiten des Chemiekombinats. "Die Dreckschleudern sind abgestellt, leider auch die Kraftwerke. Auch wenn sie Dreckschleudern waren, haben die Kraftwerke doch Strom geliefert für die Produktion, das ist der Zwiespalt zwischen der starken Umweltbelastung einerseits und dem Verlust aller Arbeitsplätze", erzählt Gill rückblickend.

Geglückte Förderpolitik

ORWO war die Traditions-Filmmarke der DDR, nachdem die Firma Agfa mit der Teilung Deutschlands den Westmärkten vorbehalten blieb. Heute erinnert nur noch das langsam verfallene Verwaltungsgebäude an die ruhmreiche Tradition. Doch ein paar Kilometer südlich, im inzwischen privatisierten Chemiepark entstehen neue Arbeitsplätze: in der sauberen Solarindustrie bei Q-Cells, dem weltweit größten konzern-unabhängigen Hersteller von Solarzellen, der inzwischen fast 1500 Mitarbeiter in Bitterfeld beschäftigt und weiter expandiert, oder beim Chemiereisen Bayer, für dessen Ansiedlung in Bitterfeld noch Altkanzler Helmut Kohl die notwendigen Strippen zog. Die Standortentscheidung war begünstigt von den üppig fließenden Fördergeldern der öffentlichen Hand.

Inzwischen hat sich nicht nur die industrielle Landschaft in der Region gewandelt. Durch den stillgelegten Kohleabbau und das Oderhochwasser des Jahres 2002 ist eine Seen- und Naturlandschaft - die Goitzsche - entstanden. Bitterfeld ist so auch zum Naherholungsgebiet geworden. An einem goldenen Herbsttag im Oktober präsentiert sich dem Betrachter von der Terrasse der berühmten Bernsteinvilla ein Panorama, das mehr mit der Toskana als mit dem alten Bitterfeld gemein hat.

Übersiedler aus dem Westen

Massenbeschäftigung wie zu DDR-Zeiten ist in der gewandelten Industrielandschaft der Region Bitterfeld wahrscheinlich nicht mehr möglich, dazu sind Arbeitsplätze in der modernen Chemieindustrie zu teuer. Aber hoch qualifizierte Arbeitskräfte sind am Standort Mangelware, deswegen zieht es gelegentlich auch Personen aus den alten Bundesländern nach Bitterfeld. So wie etwa die Familie Anders-Klump. Sie kam schon vor elf Jahren aus dem Westen nach Bitterfeld. Anders als in Köln bekam Barbara Anders-Klump hier für ihre beiden Kinder sofort einen Platz im Hort und konnte so ihrer Beschäftigung als Apothekerin nachgehen. Ihr Mann arbeitet bei Bayer.

Beide genießen ihr Haus unmittelbar an der Seeuferlandschaft der Goitzsche: "Im Sommer gibt es hier ein richtig schönes Strandleben." Auch Kulinarisch, findet Barbara Anders-Klump, habe die Region inzwischen Einiges zu bieten. Die Fischräucherei in Friedersdorf gilt als Geheimtipp, vor allem wegen der Marenen, einem Süßwasserfisch, der im kristallklaren Wasser der Goitzsche anscheinend prächtig gedeiht.

"Lernen, in der Region zu leben"

Schüler des Bitterfelder Berufsschulzentrums, Quelle: AP

Schüler des Bitterfelder Berufsschulzentrums

Das man bei der Inventur des DDR-Bestandes nicht alles, was Bitterfeld ausmachte, über Bord schmeißen musste, beweist auch der Kulturpalast. In dem denkmalgeschützten Gebäude, das in den 1950er-Jahren in vielen Stunden freiwilliger Eigenarbeit von den Bürger der Stadt erbaut wurde, übt heute das Kinder- und Jugendballett der neuen Stadt Bitterfeld-Wolfen. Das Ballet hatte schon zu DDR-Zeiten Tradition, heute tritt es in Sachsen, Thüringen, sogar in China als Botschafter Bitterfelds auf. Man tanzt für den Imagewechsel einer ganzen Region, wie Kulturpalast-Manager Rolf Krause erläutert: "Bei uns lernen die Kinder und Jugendlichen etwas. Sie lernen Disziplin, sie lernen tanzen. Sie lernen auch, in dieser Region zu leben, weil diese Region lebenswert ist."

Luftaufnahme von Bitterfeld, Quelle: DW

Bitterfeld ist eine Schrumpfende Stadt und verliert viele Einwohner

Den jungen Menschen eine Perspektive geben, sie zum Bleiben und Leben in der Region zu bewegen - dies gehört auch zu den Aufgaben von Werner Hauffe. Seit der Wende ist er Leiter des Berufschulzentrums August von Parseval. Hier bereiten sich bis zu 3500 Schüler auf den Eintritt ins Berufsleben vor: "Wir unterstützen die Schüler Im Berufsgrundschuljahr mit Hilfe von Praktika in Betrieben." So soll den Schülern eine Möglichkeit gegeben werden, die Betriebe zu überzeugen, ihnen eine Leerstelle zu geben. Die Erfolgsquote liegt bei immerhin 40 Prozent, wie von Hauffe berichtet.

Zu den Erfolgreichen will auch Daniel Heinrich gehören. Der 18-Jährige erlernt den neuen Beruf des KFZ-Mechatronikers, der die beiden alten Berufsfelder Auto-Mechaniker und KFZ-Elektroniker miteinander verbindet. Er hofft so, gute Chancen auf einen Job zu haben. "Ich habe eigentlich nicht vor, in den Westen zu gehen und fände es schon besser, wenn ich hier arbeiten könnte. Hier sind meine Freunde und meine Familie."

Abwanderung gestalten

In den 18 Jahren seit dem Fall der Mauer sank die Einwohnerzahl Bitterfelds von 20.000 auf 15.000, die der Stadt Wolfen von 40.000 auf 26.000. In der im Juli 2007 fusionierten neuen Stadt Bitterfeld-Wolfen bleibt der Bevölkerungsrückgang ein Thema, wie die Oberbürgermeisterin Petra Wust erzählt: "Wir haben und seit Anfang der 90er-Jahre mit diesem Thema beschäftigt und beteiligen uns jetzt an der Internationalen Bauausstellung 2010 mit dem Thema 'Schrumpfende Städte'. Dafür sind wir prädestiniert und werden deshalb ein Projekt anbieten, nämlich die Entwicklung unserer Region. So können wir auch international zeigen, wie man den Wandel schaffen kann."

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