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Wirtschaft

Bittere Pillen für Pfizer

Auslaufende Patente, Mangel an neuen Produkten - der weltgrößte Pharmakonzern kränkelt. Und kein Rezept brachte bisher Linderung. Symptomatisch für die Branche.

Sparen! tönt es mal wieder aus Pfizer-Zentrale in New York

"Sparen!" tönt es mal wieder aus Pfizer-Zentrale in New York

Soll verkauft werden: der deutsche Pfizer-Standort in Feucht bei Nürnberg

Soll verkauft werden: der deutsche Pfizer-Standort in Feucht bei Nürnberg

"Wachstumsschwäche" lautet die Diagnose. "Sparen", nennt sich die Arznei, die sich der US-Pharmariese jetzt selber verordnet hat. Und zwar drastisch. Am Montag (22.1.07) war von bis zu fünf Milliarden Dollar die Rede. Bis Ende 2008 will Pfizer 10.000 Mitarbeiter, ein Zehntel der Belegschaft, vor die Tür setzen. Werke in Deutschland und den USA, Forschungsstellen in Japan und Frankreich sollen geschlossen, die Produktionsstätten von insgesamt 93 auf 48 verringert werden. Der Grund: Laut Unternehmenschef Jeffrey B. Kindler werden die Umsätze in den nächsten zwei Jahren stagnieren. Für 2010 bis 2012 erwarten Analysten gar einen Rückgang um rund 40 Prozent. Ein Gewinnzuwachs im letzten Jahr gelang Pfizer nur durch die Veräußerung des Geschäfts mit rezeptfreien Medikamenten.

Vom Musterknaben zum Sorgenkind

Dabei galt der Pillengigant lange als Musterbeispiel eines erfolgreichen Großkonzerns. 1849 vom deutschen Chemiker Karl Pfizer in New York gegründet, mauserte sich das Unternehmen zum führenden Hersteller von Arzneimitteln, speziell von so genannten "Blockbustern" - Medikamente, die über eine Milliarde Dollar Umsatz jährlich erzielen.

Pfizer erfand die bekannteste Pille der Welt - das Potenzmittel Viagra. Sein Blutfettsenker Lipitor ist gar das weltweit umsatzstärkstes Medikament. Ein Jahresumsatz von 52,52 Milliarden US-Dollar im Jahr 2004, das weltgrößte Forschungsbudget, eine Armee von damals 38.000 Vertretern, die Ärzten, Apothekern und Kliniken die eigenen Produkte schmackhaft machten - unter einem Superlativ ging es bei Pfizer nicht. Doch die Zeiten sind vorbei.

Patente laufen aus, neue Arzneien gibt es nicht

In den nächsten Jahren laufen etliche Patente auf Medikamente aus, die bei Pfizer bisher die Kassen klingeln ließen. Das heißt, dass Pfizer das in der Regel auf 20 Jahre begrenzte Monopol für die wirtschaftliche Nutzung der jeweiligen Arzneimittel verliert. Zur Freude der Hersteller von Nachahmerprodukten, sogenannter Generika. So fiel der Umsatz mit Pfizers Antibiotikum Zithromax und dem Antidepressivum Zoloft im abgelaufenen Quartal nach Wegfall des Patentschutzes um 70 Prozent. In vier Jahren wird der Beststeller Lipitor seine Lizenz verlieren.

Stehvermögen dank Tabletteneinwurf: Pfizers Megaseller Viagra

Stehvermögen dank Tabletteneinwurf: Pfizers Megaseller Viagra

Die Entwicklung neuer Medikamente hätte den Ablauf der Patente abfedern können. Doch trotz eines Forschungsbudgets von sieben Milliarden Dollar jährlich kam nichts Neues von Pfizer. Viagra, das "aktuellste" Produkt, macht erektionsschwache Männer immerhin schon seit 1998 wieder munter. Wegen gefährlicher Nebenwirkungen stoppte der Konzern zudem im Dezember die Entwicklung des Cholesterin-Mittels Torcetrapib. Das sollte eigentlich einen Umsatz von jährlich zehn Milliarden Dollar einfahren.

Zu wenig Innovation - auch in Sachen Konzernsanierung

Die Entwicklungen sind nicht neu, doch bisherige Therapien wie Aufkauf der Konkurrenz, Auswechslung des Chefs und Verschlankung der Distribution haben nichts gebracht. Auch Sparen alleine ist kein Allheilmittel. Es ist bereits das zweite Mal binnen zwei Jahren, dass Pfizer ein umfangreiches Programm zur Kostensenkung vorlegt. Branchen erwarten eine Übernahmeschlacht. Warum Pillen selbst drehen, wenn man die innovativere Konkurrenz kaufen kann. Wie viele Pharma-Firmen sucht Pfizer nach Kandidaten unter Biotechnologie-Firmen, die Medikamente entwickeln.

Müssen hochwertige Medikamente teuer sein?

Sind billige Medikamente, schlechte Medikamente?

Sind billige Medikamente, schlechte Medikamente?

Der Wettbewerb zwischen den Herstellern von Originalpräparaten und den Produzenten von Generika werde heute sehr intensiv geführt, resümiert Markus Preissner die Marktsituation gegenüber DW-WORLD. "Gibt es Nachahmerpräparate, setzt sich das Original zwangsläufig sehr viel schwieriger ab", so der Leiter der Forschungsstelle für Arzneimitteldistribution an der Universität Köln. Forschende Unternehmen müssten sich heute gründlich überlegen, ob es sich noch lohnt, Medikamente zu entwickeln. Für ihn liegt die Lösung nicht in stetig fallenden Preisen. Wenn der Verbraucher auch im Arzneimittelsektor so billig wie möglich einkaufen wolle, sei das problematisch: "Was keine Kosten verursacht, kann auch nicht qualitativ hochwertig sein."

Tido von Schön-Angerer von der Organisation Ärzte ohne Grenzen (ÄOG) meint hingegen, dass die hohen Preise von Originalpräparaten in erster Linie den enormen Ausgaben für das Produkt-Marketing geschuldet seien. Forschung und Entwicklung blieben wie im Fall Pfizer auf der Strecke, kritisiert der Leiter der ÄOG-Kampagne für den Zugang zu günstigen Medikamenten. "Auch der Patentschutz gewährleistet keine Garantie für dringend nötige Innovationen." Das gelte besonders für Krankheiten in ärmeren Ländern. Doch langfristig werde die Abkehr der Industrie von der Forschung auch für den Westen zur bitteren Pille.



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