Bittere Medizin: Malaria-Medikamente für Kinder | Wissen & Umwelt | DW | 24.04.2015
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Wissen & Umwelt

Bittere Medizin: Malaria-Medikamente für Kinder

Tonic Water kennen wir als Getränk mit einem etwas bitteren Geschmack. Der kommt von einer kleinen Dosis Chinin. In höchster Konzentration ist Chinin auch in Malaria-Tabletten enthalten - eine besonders bittere Medizin.

"Das ist so bitter, wie man es sich gar nicht vorstellen kann. Ich habe mal probiert, eine Chinin-Tablette zu schlucken. Mir war den ganzen Tag furchtbar schlecht", erzählt Michael Ramharter. Er leitet die wissenschaftliche Arbeitsgruppe "Infectious Disease Control".

Bittere Wahrheiten

Ramharters Arbeitsgruppe entwickelt vor allem klinische Studien zu Diagnostik, Therapie und Prävention von Malaria. Schwangere und Kinder unter fünf Jahren leiden am häufigsten unter dieser Infektionskrankheit. Sie gehören zur Risikogruppe und brauchen besondere Medikamente. Lange Zeit, so der Wissenschaftler habe es keine speziellen Formulierungen, also Zusammensetzungen, für Kinder gegeben. "Man muss wissen, dass die meisten Malariamedikament so unglaublich bitter sind, dass man sie auch als Erwachsener fast nicht runter kriegt. Wenn Sie einmal versucht haben, eine Chinin-Tablette zu schlucken oder - noch schlimmer - zu zermahlen und dann zu schlucken, dann werden Sie wissen, dass das fast unmöglich ist", sagt Ramharter. Der bittere Geschmack führt zu Übelkeit und Erbrechen, Symptome, die es bei Malaria sowieso schon gibt. "Wenn man dann noch eine Therapie bekommt, die einem noch mehr Übelkeit bereite, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass man das erbricht, noch höher."

Gemeinsamer Kampf gegen Malaria

Gabun Albert-Schweitzer Klinik (Foto: DW/Gaia Manco).

In der Albert-Schweitzer-Klinik in Gabun wird Malariaforschung betrieben

Die Arbeitsgruppe ist am Albert-Schweitzer-Spital in Lambaréné, Gabun, aktiv und am Institut für Tropenmedizin der Universität Tübingen. In den letzten zehn Jahren haben die Wissenschaftler in mehreren Projekten zusammengearbeitet. Sie haben beispielsweise auflösbare Pulver entwickelt, damit die Kinder das Medikament möglichst einfach schlucken können. "Wir haben zunächst begonnen, Erwachsene damit zu therapieren und sind jetzt dabei, die optimale Dosierung zu evaluieren. Die wichtigste Gruppe sind Kinder im Alter zwischen sechs Monaten und fünf Jahren", so Ramharter. Bis Mitte des Jahres soll die Studie laufen. Im Anschluss daran soll es eine Phase-III-Studie geben, die dann das neue Medikament mit der Standardtherapie vergleicht. Anhand solcher Studien kann man feststellen, ob die neue Behandlungsform einen wesentlichen Fortschritt darstellt, ob sie sicher ist und eine neue Waffe im Kampf gegen die Malaria werden kann.

Süß statt bitter?

Bei vielen Krankheiten gibt es spezielle Formulierungen für Kinder. Antibiotika-Säfte gehören genauso dazu wie fiebersenkende Medikamente, auch wenn es dabei meist nicht um so ernsthafte und gefährliche Krankheiten wie Malaria geht. Tabletten, die sich in Wasser auflösen und dann einen angenehmen Geschmack entwickeln, können relativ leicht verabreicht werden. Eine andere Variante seien sogenannte Granulen, erklärt Ramharter. "Das sind Körner, die man in den Mund einbringt, und die dann zerschmelzen. Sie schmecken wie eine Süßigkeit, und die schluckt das Kind dann gerne."

Gelber Chinarindenbaum (Foto: picture alliance).

Das bittere Chinin wird aus dem Chinarindenbaum gewonnen

Chinin ist unter anderem fiebersenkend, schmerzstillend und kann auch betäubend wirken. Es ist ein altbewährtes Mittel gegen Malaria, auch bei Kindern. Die Forscher versuchen, den durchschlagenden, bitteren Geschmack des Wirkstoffes Chinin zu überdecken, zumindest aber auf ein Minimum zu begrenzen. "Wir haben eine Untersuchung dazu durchgeführt und konnten zeigen, dass vor allem kleine Kinder von pädiatrischen Formulierungen besonders profitieren. Sie erbrechen seltener und haben auch seltener Magen-Darm-Beschwerden nach der Therapie."

Forschung für bessere Prävention

Imprägnierte Moskitonetze sind bei der Prävention nach wie vor das Mittel der Wahl, denn sie sind sehr effektiv. Problematisch dabei seien allerdings die Logistik und die Finanzierung, gibt Ramharter zu Bedenken. "Es ist wichtig, dass schnell und zuverlässig eine Diagnostik durchgeführt wird. Wir müssen erreichen, dass man in den Gebieten, die am häufigsten von Malaria betroffen sind, zu jeder Tages- und Nachtzeit und zu jeder Jahreszeit eine Diagnostik anbieten kann. Dabei geht es vor allem um ländliche und um ärmere Gebiete."

Eines der wichtigsten Ziele in der Malariaforschung ist nach wie vor die Entwicklung eines Impfstoffes. Auch dabei steht der Schutz von Kindern an oberster Stelle. Etliche Forschungsprojekte habe es bereits gegeben. Ein Impfstoff, der zumindest hoffen ließe, sei 'RTS,S', so Ramharter. Es hat sich gezeigt, dass er zu einer Verringerung von Malariafällen führt und auch die Anzahl schwerer Fälle reduziert."

Rückschläge und Erfolge

Vor allem Resistenzen bereiten Wissenschaftlern und Medizinern große Sorge. "Mit früheren Medikamenten haben sich Resistenzen von Südostasien, über Indien nach ganz Afrika ausgebreitet. Wenn das in den nächsten Jahren wieder kommt, wäre das wirklich ein ganz herber Rückschlag. Dann gibt es ein sehr großes Problem für die Patientenversorgung in Afrika", ist Ramharter überzeugt.

Aber es gibt auch etliche positive Aspekte. Laut Welt-Malaria-Report der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich die Situation im Vergleich zum Jahr 2000 stark verbessert. Die Zahl der Malaria-Erkrankungen sei dramatisch zurückgegangen und auch die Zahl der Malaria-Toten, so Ramharter. "Ich erzähle meinen Studenten immer, wie es war, als ich in der Malarialogie angefangen habe. Das war Ende der 90er Jahre. Wenn man damals Malaria bekam, musste man sich wünschen, dass man in Europa ist, damit man die beste Therapie bekommt."

Mittlerweile sei es fast umgekehrt. In den Endemie-Gebieten gibt es die modernsten und besten Medikamente. In Europa sei man heute bei einer Malaria-Erkrankung fast schlechter dran als in Afrika. "Es ist sehr positiv", sagt Ramharter, "dass die Forschung nicht nur für einige wenige Länder betrieben wird, die es sich leisten können. Die Forschung ist auch für die Länder da, in denen es die meisten Malariafälle gibt, und steht vor Ort dann auch zur Verfügung."

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