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Kultur

Bitte zum letzten Tanz

Star-Choreograf William Forsythe wird im Herbst 2004 das Frankfurter Ballett als Intendant verlassen. Vertrieben hat ihn die Frankfurter Lokalpolitik, aber schaden wird sein Weggang der gesamten Ballettlandschaft.

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Forsythe hat sich entschieden

Seit 18 Jahren leitet der US-Amerikaner William Forsythe das Frankfurter Ballett. Der international renommierte Choreograf hat die Ballettbühne zum führenden Haus in Deutschland gemacht. Nun steht der 53-Jährige nach Ablauf seines Vertrags als Intendant am Main nicht mehr zur Verfügung.

Zuletzt hatte die Stadt Frankfurt im Juni 2002 laut über eine Abwicklung des Balletts und seines Chefs nachgedacht. Eine riesige internationale Protestwelle verhinderte vor der Sommerpause zunächst das Schlimmste. Nun hat der Frankfurter Kulturdezernent Hans-Bernhard Nordhoff angekündigt, den Zuschuss für das Ballett ab Herbst 2004 um 80 Prozent zu kürzen. Arnd Wesemann, Chefredakteur der Zeitschrift "ballet-tanz" sieht durch Höhe und genaue Angabe des Kürzungsvolumens bestätigt, dass ein Abschied Forsythes nicht erst seit diesen Tagen billigend in Kauf genommen wurde.

Wichtigstes Ensemble Europas bedroht

Wesemann betonte gegenüber DW-WORLD, dass mit dem Weggang Forsythes das "wichtigste Ensemble in Europa" bedroht sei. Ohne einen Choreografen, dessen Arbeit auch im Ausland Aufmerksamkeit bekommt, fehlt den lokalen Kulturpolitikern der letzte Grund für weiteres finanzielles Engagement. Wesemann rechnet für diesen Schritt mit einem "internationalen Aufschrei". Gerade hatte die jährliche internationale Kritikerumfrage von "ballet-tanz" die Frankfurter Compagnie zum zweiten Mal in Folge zum "Ballett des Jahres" gewählt.

Eine eigenständige Tanzsprache

Forsythe, 1949 in New York geboren, arbeitete in den 70er-Jahren in Deutschland zunächst als Tänzer in Stuttgart, ab 1984 als Ballettchef und dann als Intendant in Frankfurt. Mit seinen Choreografien, die er "Forschungsprozesse" am Bewegungsspielraum des menschlichen Körpers nennt, entwickelte er eine eigenständige Tanzsprache. Neben Pina Bausch vom Tanztheater Wuppertal und Sasha Waltz aus Berlin zählt Forsythe zu den Stars der deutschen Tanzszene.

Waltz, Choreografin und Co-Leiterin der Berliner Schaubühne, sieht es als einen "Skandal, wie die Stadt Frankfurt mit ihm als Künstler umgeht". Was Forsythe aufgebaut habe, hätte Vorbildcharakter gehabt: "Man muss sich um die Zukunft des Tanzes in Deutschland große Sorgen machen".

In einem Offenen Brief machte Forsythe Ende August 2002 deutlich, dass er der Diskussionen müde ist: Für ihn sei es "unerlässlich", sich "aus den Strukturen zu lösen, die die Frankfurter Kulturpolitik unweigerlich hervorbringt". Er wolle nun einen "unabhängigeren organisatorischen Weg" beschreiten. "Es fällt mir jedoch sehr schwer, mein gesamtes Oeuvre, mein Lebenswerk zurückzulassen."

Kein Kommentar

Forsythe hat bislang über seine Pläne keinen Kommentar abgeben. Frankfurter Medien spekulierten, er wolle nach New York gehen und sich dort mit Videokunst beschäftigen. Um die berufliche Zukunft des Choreografen muss man sich wohl auch keine Gedanken machen. Aber dass Forsythe der deutschen, geschweige denn der Frankfurter Ballettlandschaft nach Ablauf seines Vertrags im Herbst 2004 erhalten bleiben wird, ist eher zweifelhaft.

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