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Politik

"Bisher habe ich auch alles alleine geschafft"

Die polnischen Bauern waren vor dem EU-Beitritt sehr skeptisch. Sie hatten Angst vor dem harten Wettbewerb. Inzwischen weht in jedem polnischen Dorf die blau-gelbe Europafahne. DW-Reporterin Nina Werkhäuser berichtet.

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Stolz auf seine Schweinezucht: Jerzy Cichocki

Jerzy Cichocki braucht Zeit zum Nachdenken. Noch bis zum 15. Juni kann der Schweinezüchter Agrarbeihilfen aus den Töpfen der EU beantragen. „Ich weiß noch gar nicht, ob ich den Antrag überhaupt stelle", sagt der gemütliche Bauer, der 80 Mastschweine auf einem kleinen Hof im ostpolnischen Zaburze hält. „Keine Ahnung, ob sich das lohnt. Für meine Schweine bekomme ich nichts, nur für mein Land. Aber das sind nur 30 Hektar."

Angst vor Bürokratie

Wie die meisten polnischen Bauern hat der 40-jährige Cichocki einen kleinen Familienbetrieb, seine Frau verdient als Krankenschwester dazu. Seine Schweine verkauft er an eine Fleischfabrik in der Nähe, der Absatz ist kein Problem, nur der Preis schwankt. Cichocki fürchtet, dass der Papierkram für den Antrag mehr Arbeit macht, als am Ende an Geld dabei herausspringt. „Ich finde es ungerecht, dass die Agrar-Beihilfen für uns Polen niedriger sind als in den alten Mitgliedsländern", sagt er. Die polnischen Bauern bekommen anfangs nur 25 Prozent der Beihilfen, die Regierung in Warschau zahlt noch einmal 25 Prozent drauf.

Wegen seiner Kritik an der EU will Cichocki aber keinesfalls den Anschein erwecken, als sei er auf das Geld aus Brüssel angewiesen. „Bisher habe ich auch alles alleine geschafft", sagt er fast trotzig und erzählt, dass sein Betrieb schuldenfrei sei. Für sein gutes Schweinefleisch hat er schon einen Preis gewonnen.

Familienbetriebe

Mit seiner EU-kritischen Haltung ist der Schweinzüchter nicht allein. Polen ist ein Agrarland, jeder fünfte Pole arbeitet in der Landwirtschaft. Deshalb hat die Meinung der Landwirte besonders großes Gewicht. Und gerade in ihren Reihen ist die Skepsis weit verbreitet – auch nach dem Beitritt. Rund drei Viertel der polnischen Bauernhöfe produzieren allerdings gar nicht für den Markt. Mit ihrem Gemüse, ein paar Hühnern und einer Milchkuh versorgen diese Kleinbauern nur ihre eigene Familie. Das funktioniert nur deshalb, weil meist noch die Großeltern mit auf dem Hof leben. Sie bekommen Rente vom Staat. Von diesem Geld wird dann der Rest dazugekauft. Obwohl sie also gar nichts mit dem EU-Agrarmarkt zu tun haben, sind auch viele dieser Bauern misstrauisch. Sie fürchten, die Preise könnten durch den Beitritt dauerhaft steigen.

Austausch

Auch Schweinebauer Cichocki stört, dass die Polen nicht von Anfang an die gleichen Rechte in der EU bekommen. Aber er gibt dem komplizierten Gebilde EU noch eine Chance, auch wenn er die Sache mit den Beihilfen noch nicht so ganz durchblickt. „Wenn 400 Millionen Menschen in Europa dafür sind, dann will ich nicht der einzige sein, der dagegen ist." Außerdem würde er gerne einmal nach Deutschland fahren und schauen, wie dort so gewirtschaftet wird auf dem Land: „Kennen Sie nicht einen deutschen Schweinezüchter, mit dem ich mich austauschen kann?, fragt er mich zum Schluss. „Den würde ich dann auch gerne mal zu uns nach Zaburze einladen."

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