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Kultur

Bischof Müller wird oberster Glaubenshüter

Der neue Präfekt der Glaubenskongregation steht vor gewaltigen Aufgaben und großen Erwartungen. Die Personalentscheidung von Papst Benedikt XVI. weckt jedoch bei manchen Katholiken Besorgnis.

Bischof Gerhard Ludwig Müller (Foto: dpa)

Bischof Gerhard Ludwig Müller

Ein deutscher Bischof und Theologe wird einer der wichtigsten Mit- und Zuarbeiter des Papstes. Benedikt XVI. hat den bisherigen Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller zum Präfekten der Glaubenskongregation ernannt. Damit kommt der oberste Hüter der katholischen Lehre erneut aus dem Land der Reformation. Von 1981 bis 2005 hatte Kardinal Joseph Ratzinger, der heutige Papst, dieses Amt inne.

Die Ernennung Müllers kommt nicht überraschend. Schon seit Monaten kursierten entsprechende Gerüchte, nicht nur weil der Papst den 64-Jährigen bereits zum Mitglied diverser vatikanischer Gremien gemacht hat. Würde man für das Amt des obersten Glaubenshüters eine Stellenausschreibung formulieren, würde Müller sie ideal ausfüllen: ein blitzgescheiter Theologe, tief verwurzelt in der kirchlichen Tradition, vielsprachig, auf mehreren Kontinenten vernetzt. In einem Alter, in dem üblicherweise der Wechsel in den Ruhestand ansteht, kann man, mit solchen Fähigkeiten ausgestattet, in der katholischen Kirche weiter die Karriereleiter erklimmen.

Aufstieg aus einfachen Verhältnissen

Müller, ein Arbeiterkind, wurde am Silvestertag 1947 in Mainz geboren. Nach Abitur und Studium erlangte er noch vor der Priesterweihe bei Karl Lehmann, dem späteren Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, den Doktortitel in Theologie. In seiner ökumenisch angelegten Dissertation aus dem Jahr 1977 befasste er sich mit dem evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer (1906-1945), einer der prägendsten protestantischen Gestalten des Widerstands während des Dritten Reichs - von den Nationalsozialisten hingerichtet. Acht Jahre später folgte die Habilitation, gleichfalls bei Lehmann, anschließend die Berufung zum Professor für Dogmatik an der Universität München. Dogmatik - das ist im katholischen Verständnis theologisches Kerngeschäft. Müllers Buch "Katholische Dogmatik" liegt mittlerweile in siebter Auflage und in diversen Sprachen vor.

Papst Benedikt XVI., Bischof Gerhard Ludwig Müller und der damalige evangelische Landesbischof in Bayern, Johannes Friederich, bei einer ökumenischen Vesper 2006 im Regensburger Dom (Foto: dpa)

Im Jahr 2006 war Papst Benedikt zu Besuch in Regensburg

Vor zehn Jahren ernannte Papst Johannes Paul II. Müller zum Bischof von Regensburg. Seitdem krachte es in dem Bistum immer wieder zwischen Laiengruppierungen und der Bistumsleitung - mal in Bezug auf Forderungen nach Kirchenreformen, mal beim Umgang mit innerkirchlichen Kritikern, mal beim Thema Missbrauchsaufarbeitung. Gerade bei Kritik aus den eigenen Reihen kann Müller scharf werden und zu harten Urteilen kommen. Nach dem Mannheimer Katholikentag im Mai bezeichnete er Reformgruppen als "parasitäre Existenzform" in der Kirche.

Konservativ mit liberalen Ausschlägen

Müller ist nicht unschuldig daran, den Ruf eines Konservativen zu haben. Aber dieses Urteil greift zu kurz. Denn kaum ein deutscher Bischof kennt die lateinamerikanische Befreiungstheologie besser als er, da schwingen zumindest auch Sympathien mit. Seit vielen Jahren ist er mit Gustavo Gutiérrez befreundet, der als "Vater der Befreiungstheologie" gilt, ein bescheiden auftretender und außerhalb Roms international geschätzter Peruaner. Als die Universität Lima Müller 2007 zum Ehrendoktor ernannte, würdigte sie damit ausdrücklich sein langjähriges Engagement als Seelsorger unter Campesinos und seine gemeinsame Buchveröffentlichung mit Gutiérrez: "An der Seite der Armen - Theologie der Befreiung".

Ähnliches gilt für die in Deutschland so wichtige Frage der Ökumene von Katholiken und Protestanten. Manches Wort Müllers zu ökumenischen Fragen wirkt hart , ja überhart, wenn er beispielsweise eine "Wischiwaschi-Ökumene" beklagt; aber neben den Kardinälen Karl Lehmann und Walter Kasper ist keiner so kundig in reformatorischen Fragen. So überraschte nicht, dass die Beförderung nach Rom von evangelischer Seite mit würdigenden Worten kommentiert wurde.

Ein Mann für besondere Fälle

Gebäude der Glaubenskongregation im Vatikan (Bild: Wikipedia/cc/Jim MacIntosh) Foto: Wikipedia Copyright: cc/Jim McIntosh

Künftige Wirkungsstätte - die Glaubenskongregation im Vatikan

Hardliner oder ultrakonservativ - auch solche Urteile folgten der Berufung Müllers. Das mag berechtigt scheinen, muss sich im neuen Amt aber keineswegs bewahrheiten. Immerhin hat die katholische Kirche Deutschlands mit der Beförderung Müllers wieder eine wichtige Stimme im Machtapparat des Papstes, der Kurie. Noch vor einigen Monaten hatte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, auf das Defizit hingewiesen: Man merke, "dass wir keinen aktiven Kurienkardinal mehr haben", so Zollitsch. Und eines ist gewiss: Auf die Kardinalswürde wird Müller nicht mehr allzu lange warten müssen.

Der vatikanische Apparat ist wegen der "Vatileaks"-Affäre derzeit weltweit in den Schlagzeilen. Der verzweifelte Versuch des Papstes, mit den ultrakonservativen Piusbrüdern Frieden zu schließen, geriet dadurch in den Hintergrund. Bei dieser Herkulesaufgabe, die sich der mittlerweile 85-jährige Pontifex selbst gestellt hat, wird ihn Müller nun entlasten. Müller wird auch die katholische Perspektive auf das Jahr 2017 prägen, in dem die evangelischen Christen weltweit die Reformation durch Martin Luther vor 500 Jahren feiern. Eines ist auch sicher: Mit der Berufung des 21 Jahre jüngeren Müller fällt Benedikt XVI. auch eine Richtungsentscheidung für das nächste Pontifikat.

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