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Deutschland

Bis zu 3000 Tonnen giftiges Futterfett

Der Skandal um dioxinverseuchtes Tierfutter ist größer als zunächst vermutet: Bis zu 3000 Tonnen verseuchtes Tierfutterfett wurden nach Erkenntnissen der Bundesregierung hergestellt.

Eine Packung mit Hühner-Eiern steht auf einem Tisch mit einem Hinweis 'gesundheitschädlich' (Foto: dpa)

Wieviele Eier belastet sind, ist unklar

Das vergiftete Futter ist nach einem Bericht des Bundeslandwirtschaftsministeriums in sieben verdächtigen Lieferungen an 25 Futterhersteller verkauft worden. Es sei in mindestens vier Bundesländer geliefert worden. Die Lieferungen seien vom 12. November bis zum 23. Dezember 2010 erfolgt, teilte das Ministerium am Mittwoch (05.01.2011) in einem Bericht an den Agrarausschuss des Bundestages mit. Eine Lieferung der belasteten Futtermittel an andere EU-Staaten sei nicht erfolgt.

Das verseuchte Tierfutterfett wurde dem Bericht zufolge mit einer Einmischrate von zwei bis zehn Prozent in das Futter für Legehennen, Mastgeflügel und Schweine eingemischt, damit könnten zwischen 30.000 und 150.000 Tonnen betroffen sein.

Versehen oder Absicht?

Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (Foto: AP)

Die Bundeslandwirtschaftsministerin erwägt schärfere Vorgaben für Futter-Produzenten

Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner erwägt schärfere Vorgaben für die Tierfutter-Produzenten. Betriebe, die technische Fette herstellen, müssten ausgeschlossen werden von Lieferungen in den Futter- und Nahrungsmittelbereich, sagte sie.

Aigner äußerte Zweifel daran, dass das Dioxin versehentlich beigemischt wurde, wie die Herstellerfirma behauptet. Auf die Frage, ob es sich bei dem Skandal um kriminelle Energie handle, sagte sie: "Ich halte es nicht für glaubwürdig, was hier gesagt worden ist."

Härtere Strafen?

Noch im Januar solle über Konsequenzen aus dem Skandal beraten werden, kündigte der Vorsitzende der Agrarministerkonferenz, Thüringens Landwirtschaftsminister Jürgen Reinholz, in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" vom Mittwoch an. Das Treffen solle am Rande der bevorstehenden Grünen Woche in Berlin stattfinden, die vom 21. bis 30. Januar dauert.

Die Überwachung von Lebens- und Futtermitteln ist Aufgabe der Bundesländer. Im Blickpunkt stünden dabei deutlich schärferer Strafen bei Verstößen gegen die Gesetze, sagte Reinholz. Nur so seien die "Scharlatane der Branche" zu beeindrucken. Bisher drohen bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe oder Geldstrafe, wenn Lebens- oder Futtermittel mit gesundheitsschädlichen oder verbotenen Zusätzen versehen werden.

Außerdem sollten der Informationsaustausch zwischen den Ländern verbessert und die Regeln für den Vertrieb von Futtermitteln verschärft werden. Keinen Handlungsbedarf sieht der CDU-Politiker dagegen bei den Kontrollen der Branche: "Das Kontrollniveau ist bereits sehr hoch."

Silos des Futtermittelproduzenten Harles und Jentzsch (Foto:dapd)

Von hier aus gelangte das verunreinigte Futterfett in Umlauf

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hatte bereits am Dienstag auf seiner Internetseite von mehr als 2700 Tonnen an dioxinbelastetem Futterfett gesprochen, die das Unternehmen Harles & Jentzsch in Uetersen in Schleswig-Holstein im November und Dezember 2010 ausgeliefert hat. Knapp 2500 Tonnen gingen demnach an Futtermittelhersteller in Niedersachsen. Das Bielefelder "Westfalen-Blatt" meldete unter Berufung auf das Bundesamt für Verbraucherschutz, auch Futtermittelhersteller in Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Sachsen-Anhalt seien beliefert worden.

Razzia in Uetersen

Die Büros und Hallen von Harles & Jentzsch in Uetersen wurden derweil durchsucht. Polizisten und zivile Ermittler gingen auf das Betriebsgelände, um Beweismittel sicherzustellen. Auch ein Tochterunternehmen im niedersächsischen Bösel werde aufgrund einer gerichtlichen Anordnung untersucht, teilte ein Behördensprecher mit.

Die Staatsanwaltschaft Itzehoe hatte am Dienstag ein Ermittlungsverfahren gegen die Leitung des Unternehmens eröffnet. Ihr wird vorgeworfen, gegen das Futtermittelrecht verstoßen zu haben.

Weitere Höfe gesperrt

Im Bundesland Nordrhein-Westfalen wurden im Zuge des Skandals weitere 139 landwirtschaftliche Betriebe vorsorglich gesperrt. Sie seien von Futterherstellern mit möglicherweise belasteter Ware beliefert worden, hieß es im Düsseldorfer Verbraucherschutzministerium. Demnach handelt es sich um Schweinehalter, Milchvieh- und Rindermastbetriebe. Insgesamt wurden bereits mehr als 1000 landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland wegen des Skandals gesperrt.

Junge Schweine (Foto: DW-TV)

Zu befürchten ist, dass auch ihr Fleisch am Ende höher belastet ist, als verträglich

Produkte dieser Betriebe, die bereits in den Handel gelangt seien, würden zurückverfolgt, und, sofern noch vorhanden, aus den Regalen genommen, erklärte das Ministerium. Als erstes Bundesland veröffentlichte Nordrhein-Westfalen Kennziffern, anhand derer die Verbraucher dioxinbelastete Eier erkennen können. Sie sind jeweils auf die Schale gestempelt.

Der Deutsche Bauernverband bekräftigte seine Forderung nach Entschädigungen. "Wer den Schaden verursacht hat, muss ihn auch bezahlen", sagte Generalsekretär Helmut Born dem Berliner "Tagesspiegel". "Wir werden gegenüber den Futtermittelbetrieben ganz sicher vorstellig werden", kündigte er an.

Ungewöhnlich hohe Belastung

Für weitere Verunsicherung dürfte ein Bericht der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" sorgen. Darin heißt es, Verbraucherschützer des Landes Niedersachsen stellten eine "außerordentlich hohe" Dioxin-Belastung bei dem in den Handel gelangten Tierfutter fest.

Bernhard Aue, beim Landesamt für Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz für die Futtermittelüberwachung zuständig, sagte, von Teilen des Futters gehe ein "erhebliches Kontaminationsrisiko" für Lebensmittel aus.

Autorin: Eleonore Uhlich (dpa, afp)
Redaktion: Martin Schrader/Ursula Kissel

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