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Ukraine-Russland-Konflikt

Bis heute nicht aufgeklärt: Brand im Gewerkschaftshaus in Odessa

Vor drei Jahren stand die Ukraine am Rande eines Bürgerkriegs. Am 2. Mai 2014 starben in Odessa bei Straßenschlachten und beim Brand des Gewerkschaftshauses 48 Menschen. Bis heute ist die Gewaltorgie nicht aufgeklärt.

Schon den ganzen Tag über standen sich pro-russische Demonstranten und Anhänger der pro-europäischen Maidan-Bewegung in der ukrainischen Hafenstadt Odessa gegenüber. Irgendwann begannen sie, sich zu prügeln und mit Steinen zu bewerfen. Schüsse fielen. Es gab die ersten Toten. Am Abend dann die Eskalation: Pro-russische Aktivisten und Befürworter einer Abspaltung Odessas von der Ukraine zogen sich in das Gewerkschaftshaus zurück. Ukrainische Nationalisten belagerten das Gebäude. Molotowcocktails flogen, das Haus geriet in Brand. Allein am Gewerkschaftshaus staben damals 42 Menschen. Der Europarat und  die Vereinten Nationen beklagen, dass die Ukraine die juristische Aufarbeitung bis heute verschleppt hat. 

Stimmen über die Tragödie, eingeholt in Odessa.

DIE HINTERBLIEBENE

Fatima Papura hat bei dem Brand des Gewerkschaftshauses ihren Sohn Wadim verloren. Die 42-jährige Managerin will endlich erfahren, was am 2. Mai 2014 in Odessa passiert ist. 

"Ich will wissen, wer den Tod von Wadim verschuldet hat. Die erste Aufgabe ist es, die Wahrheit zu finden, wie sie auch sein mag; und jene Menschen zu bestrafen, die die Schuld dafür tragen - und nicht nach irgendwelchen Sündenböcken zu suchen. Ich hoffe, dass Europa dazu beiträgt, dass dieser Fall möglichst schnell untersucht wird – fachgerecht und verantwortungsvoll - auch wenn das Ergebnis für Einzelpersonen von Nachteil sein könnte. Das ist das Wichtigste."

DER HAUSHERR

Wjatscheslaw Buratynskyj ist der Vorsitzender des Gewerkschaftsbundes im Gebiet Odessa. Der 64-Jährige erinnert sich, wie ihn die Wachleute vor drei Jahren alarmiert haben.

"Ich bin sofort hierher gekommen. Der Brand hatte gerade begonnen. Viele Menschen waren im Gebäude, das Haus war umstellt. Beide Seiten haben sich gegenseitig mit Steinen und Molotowcocktails beworfen. Unsere Polizei blieb dabei leider untätig. Ich war von Anfang an Zeuge dieser Tragödie, bei der 48 Menschen nach offiziellen Angaben gestorben sind. Ich bin der Meinung, dass diese Tragödie provoziert wurde – und die Anstifter bis heute nicht gefasst sind."

DER ERMITTLER

Ruslan Forostjak, 46, arbeitet in leitender Position in der Polizeibehörde von Odessa. Die Kritik des Europarats an den verschleppten Ermittlungen findet er ungerecht.

"Wie soll die Justiz in einem Land funktionieren, in dem Krieg herrscht und keine Rechtsstaatlichkeit funktioniert? Ohne Rechtsstaatlichkeit können Ermittlungen und Gerichtsverfahren keinen Anspruch auf Wahrheit haben. Deswegen muss erst die Verfassungsordnung wiederhergestellt werden, dann müssen wir die Machtinstitute wieder in Kraft setzen. Und wir müssen das Vertrauen der Menschen in die Machtinstitute zurückgewinnen. Die Ukraine war zum ersten Mal mit einer so komplizierten Untersuchung konfrontiert, in der viele Probleme miteinander verwoben waren. Die Konfrontation gesellschaftlicher Gruppen, politische Prozesse - und auch ein gewisses Maß an Schuld bei hochrangigen Beamten und Polizeimitarbeitern."

 DIE NATIONALISTIN

Tetjana Sojkina ist Chefin der nationalistischen Organisation "Rechter Sektor" in Odessa. Die 26-jährige Juristin hat damals an den Straßenkämpfen teilgenommen.

"Die Leute im Gewerkschaftshaus taten mir nicht leid. Nachdem ich hier eine zugedeckte Leiche gesehen hatte, nachdem ich erfahren hatte, dass unser Aktivist Ihor Iwanow gestorben ist. Es hatte sich einfach sehr viel Aggression angestaut. Ich verstehe, dass das dort Menschen waren. Vielleicht traf sie auch persönlich keine Schuld. Doch es waren Menschen, die die Situation in Odessa destabilisieren wollten, die hier Russland haben wollten. Das waren im Grunde unsere Feinde. Ich bin mir nahezu sicher: Wenn die Ereignisse des zweiten Mai nicht stattgefunden hätten, dann wäre hier Krieg ausgebrochen und Odessa gäbe es nicht mehr."

DIE AUFKLÄRERIN

Tetjana Herassymowa, 59, leitet die Bürgerinitiative "Gruppe 2. Mai". Sie bemüht sich um Versöhnung und Aufklärung der tragischen Ereignisse.

"Unsere Arbeit wird zwar nicht blockiert, aber es hilft uns auch niemand. Wir haben unsere Gruppe gegründet, um Fakten zu sammeln. Es ist Sache der Staatsanwaltschaft und der Polizei, ob sie unsere Schlussfolgerungen verwenden oder nicht. Die Untersuchungsführer haben unsere Experten befragt und deren Schlussfolgerungen widerlegen das propagandistische Bild, das sowohl die russischen wie auch manche ukrainische Medien gezeichnet hatten. Ich will unsere Ermittler überhaupt nicht verteidigen, aber dieser Fall ist wirklich kompliziert. Hinzu kommen unsere ukrainischen Besonderheiten, die mit Unprofessionalität zu tun haben und auch damit, dass unsere Rechtsschutzorgane immer noch reformiert werden."

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