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Kultur

"Bis 2011 sind wir ausgebucht"

Das Künstlerhaus Bethanien ist für viele internationale Künstler die erste Anlaufstelle in Berlin. Sie kommen mit einem Stipendium, bleiben für ein Jahr - und dann für immer. Für die Galerien sind sie gefundenes Fressen.

Untergebracht ist das Künstlerhaus in einer Backsteinklinik aus dem 19. Jahrhundert(Foto: Künstlerhaus Bethanien)

Das Künstlerhaus Bethanien

Romeo Gongora ist seit vier Jahren ein "artist in residence", ein Stipendiat in internationalen Künstlerhäusern. Zuletzt lebte der Kanadier in Amsterdam und Luxemburg. Seit Januar ist er nun Stipendiat am Künstlerhaus Bethanien – und will bleiben. Ihm gefalle die Energie, die Berlin, der Stadtteil Kreuzberg und das Künstlerhaus selbst ausstrahlen. "Diese Orte haben gemein, dass sie eine starke Geschichte haben und sich ständig verändern", sagt er, und das ziehe ihn an.

Rundum sorglos nach Berlin

Studio von Künstler Romeo Gongora im Künstlerhaus Bethanien in Berlin Kreuzberg (Foto: Künstlerhaus Bethanien)

20 Ateliers zwischen 35 und 75 Quadratmetern stehen im Künstlerhaus zur Verfügung

Sein Stipendium wird finanziert von der kanadischen Kulturförderungsbehörde Canada Council for the Arts. Das ist das Konzept im Künstlerhaus Bethanien: Man arbeitet mit Partnern und Sponsoren zusammen, das können Regierungen, Stiftungen oder Mäzene sein. So wird versucht, die rund 35.000 Euro – denn so viel kostet der Aufenthalt jedes Einzelnen etwa – einzuwerben. "Wir können nur einladen, wenn wir bereits wissen, dass wir das Geld für einen bestimmten Künstler haben", erklärt Christoph Tannert, der Geschäftsführer des Künstlerhauses. Man interessiere sich im Haus für den utopischen Gehalt der Arbeiten, "für spannende Antworten auf unsere existenziellen Fragen". "Das finden wir in der Welt, in den Regionen und holen es nach Berlin", sagt der Geschäftsführer. Diese Diskussionen bringe man auf die Berlinische Plattform und infiziere von hier aus die internationale Kunstszene. Und von diesem Image lebt die Stadt mittlerweile auch. Berlin, die erschwingliche Hauptstadt der Kreativen, die ausstrahlt in alle Welt.

Der fremde Blick auf Berlin

Künstler Romeo Gongora mit einem Teil seiner Installation in der Ausstellung Volkskunsthalle im Künstlerhaus (Foto: DW)

Romeo Gongora baute in seine Installationen Berliner Stimmen ein

Jeder Stipendiat erhält einen monatlichen Betrag von 1000 Euro plus die Kosten der Krankenversicherung, Reise- und Transportkosten und einen Materialzuschuss. Seit der Gründung des Künstlerhauses 1974 haben über 400 Künstlerinnen aus 30 Ländern dort gearbeitet. "Bis 2011 sind wir ausgebucht", sagt Tannert stolz. Meistens bleiben die Gäste für zwölf Monate und beenden ihren Aufenthalt mit einem Ausstellungsprojekt. Romeo Gongoras Abschlussschau heißt "Volkskunsthalle" und hat als Kernstück die Performance verschiedener Berliner Charaktere, die er eingeladen hat, etwa einen Arbeitslosen, einen Swinger, einen Musiker etc. Alle seine Gäste sind Menschen, die er in den Monaten in Berlin kennen gelernt hat und denen er eine Plattform bieten möchte. "Man lernt in dieser Stadt unglaublich viel", erklärt Romeo, "auch durch die vielen Galerien, all die künstlerischen Aktivitäten".

Nicht als Durchlauferhitzer gedacht

Plakat für die Ausstellung Volkskunsthalle des kanadisches Künstlers Romeo Gongora im Künstlerhaus (Foto: Gongora)

Dieses Plakat lockt zu Romeo Gongoras Abschlussschau

Christoph Tannert weiß, welche faszinierende Wirkung die Stadt Berlin auf die Stipendiaten des Internationalen Atelierprogramms hat. "Wir legen es nicht darauf an, die Künstler wie in einem Durchlauferhitzer für Berlin fruchtbar zu machen", betont er, aber das passiere automatisch. Ob ein Künstler in Berlin bleibt, hängt auch davon ab, welche Kontakte er knüpft. Für die Berliner Galerien ist das Künstlerhaus Bethanien mitunter eine Fundgrube für unbekannte Talente. Denn wer Stipendiat werden will, sollte zwar Erfahrung haben, er darf jedoch als Künstler noch nicht wirklich etabliert sein.

Das Stipendium ist eine Visitenkarte

Einige Künstlermappen der polnischen Galerie Zak Branicka mit Namenszügen (Foto: DW)

Viele der polnischen Künstler der Galerie Zak Branicka leben mittlerweile in Berlin

Für Asia Zak von der Galerie Zak Branicka ist die Tatsache, dass jemand Stipendiat im Atelierprogramm war, so etwas wie eine Visitenkarte. "Dass er dieses Stipendium gekriegt hat, bedeutet, dass er ein gewisses Niveau schon erreicht hat", erklärt die Polin, die sich mit ihrer Galerie auf osteuropäische Künstler spezialisiert hat. Gerade für junge Künstler aus dieser Region sei so ein Stipendium Gold wert, weil sie etwa in Polen nicht die Gelegenheit hätten, sich so viel mit zeitgenössischer Kunst auseinanderzusetzen, wie es in Berlin ganz automatisch passiert.

Bleiben gern, aber warm anziehen!

Ein Fahrradfahrer vor verwitterten und beschmierten Kunstwerken an der East Side Gallery in Berlin (Foto: picture alliance)

Auch das ist Berlin - die East Side Gallery ist ein Touristenmagnet

Wer in Berlin bleibt, muss wissen, worauf er sich einlässt. Berlin sei keine Stadt, in der man "spontan dicke Geschäfte" mache, erklärt Christoph Tannert. In Berlin laufe der Zeitfluss eher etwas langsamer, dafür sei die kreative Phase aber umso intensiver. Tannert vergleicht Berlin mit Kopenhagen, Warschau und Amsterdam, die "Schnelltaktigkeit Londons oder New Yorks" habe Berlin nicht. Und deshalb gibt er seinen Künstlern mit auf den Weg: "Wer in Berlin eine Galerie zum Verdienen finden will, der muss sich warm anziehen." Künstler wie Romeo Gongora stört das nicht - was zählt ist die Inspiration.

Autorin: Ricarda Otte

Redaktion: Conny Paul

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