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Presse

Birgit Maaß: Wahnsinnig geknickt

„In meinem Umfeld sind alle wahnsinnig geknickt, als sei etwas unwiderruflich Schlimmes passiert.“ Seit 15 Jahren lebt Birgit Maaß in London und arbeitet dort für die DW. Der Brexit ist für sie ein tiefer Einschnitt.

„In meinem Umfeld sind alle wahnsinnig geknickt, als sei etwas unwiderruflich Schlimmes passiert.“ Zehn Tage sind seit der Abstimmung vergangen. Erst zehn Tage. Birgit Maaß ist fassungslos.

Dass es eng werden würde – ja. Dass die Briten aber mit knapper Mehrheit doch für den Verbleib in der EU stimmen würden, daran hatte Maaß geglaubt. Und schließlich in den frühen Morgenstunden, als sich das Ergebnis des Referendums abzeichnete: umso mehr gehofft.

„Das Erschreckende ist, dass so viele den falschen Behauptungen geglaubt haben. Einer Anti-EU-Propaganda, die den Menschen von Politik und Medien seit Jahren eingetrichtert wurde.“ Nur wenige EU-freundliche Zeitungen gebe es in Großbritannien. Sogar die BBC habe in ihrer Berichterstattung versucht, jeden Anschein einer pro-europäischen Berichterstattung zu vermeiden, und damit die Realität verzerrt, sagt Maaß – die sich als deutsche Europäerin sieht. Die Darstellung der Vorzüge der Europäischen Union habe völlig gefehlt.

Allerdings: Den Medien allein die Schuld zuzuweisen sei zu kurz gedacht. Wer eine starke, solidarische EU wolle, müsse zur Kenntnis nehmen, dass Öffnungsprozesse gesteuert werden müssen. Dass Menschen nicht vor vollendete Tatsachen gestellt werden könnten. „Wir müssen der europäischen Öffentlichkeit vermitteln, dass die EU reformbereit ist. Vermitteln, dass die EU zuhört. Diesen Eindruck hatten viele Briten nicht.“

Als Europäerin hat sie einen anderen Blickwinkel. Man müsse den europäischen Kontext mitdenken, das sei ihre Aufgabe – und die der DW. „Kein britischer Sender stellt den Zusammenhang zwischen den Gedenkfeiern der Schlacht an der Somme und dem Brexit her.“ Dabei sei Europa vor allem eines: ein Friedensprojekt.

Make love, not Brexit

Maaß ist überzeugt: Nur gemeinsam können wir Probleme lösen. So überzeugt von der europäischen Idee, dass sie ein Jahr vor der Abstimmung über einen möglichen Brexit die Kampagne „Hug a Brit“ startete: eine Social-Media-Kampagne, um die Briten von einem Verbleib in der EU zu überzeugen. Europäer umarmen Briten und stellen ihre Bilder mit dem Hashtag #HugaBrit ins Netz. Kann man als Aktivistin journalistisch ausgewogen berichten? „Wir haben uns nicht mit Mächtigen gemein gemacht und uns in der Kampagne auch bewusst nicht in inhaltliche Debatten eingemischt – sondern ausschließlich auf Humor und Emotionalität gesetzt.“

Make love, not Brexit. In ihrer Berichterstattung hingegen habe sie nichts geändert, sondern immer beide Seite zu Wort kommen lassen. Das werde sie auch weiterhin machen, trotz der Enttäuschung. Wenngleich sie immer wieder aufpassen muss, dass sie es nicht persönlich nimmt, das räumt sie ein.

Um ihre persönliche Situation macht sie sich keine Sorgen, dafür sei sie zu fest verwurzelt. „Ich mag die Vielfalt hier in London, entdecke immer wieder neue Schätze.“ Und dennoch: Arztbesuche, Schulanmeldungen – was vorher so unkompliziert war, wird bürokratischer, lästiger werden. Viel mehr beunruhigt sie aber, dass die Entscheidung der Briten der Anstoß für einen Zersetzungsprozess Europas sein könnte.

Umso wichtiger sei es, dass es Stimmen wie die der DW gibt – Stimmen, die den gesamteuropäischen Kontext im Blick haben.

Birgit Maaß muss die nächste Schalte vorbereiten. Ein neuer Beitrag – für Europa.