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Kultur

Biotop Fußgängerzone

Die Straße nur für Fußgänger gibt es seit den 1950er Jahren. Heute ist sie für eine Stadt eine wichtige Visitenkarte. Allerdings gibt es schöne und öde – woran liegt das und wo geht es hin mit der Nachkriegserfindung?

Schild Fußgängerzone in Köln, unterhalb der Domplatte (Foto: DW/ Marlis Schaum)

Fußgängerzonen können ganz schön anstrengend sein - obwohl die Autos fehlen. Die Kölner Fußgängerzone beispielsweise ist eigentlich immer voll: Haarschöpfe schieben sich durch die Straßenschläuche und schielen dabei rechts und links in die Schaufenster. Architektin Christa Reicher juckt es in den Fingern, wenn sie durch die Hohe Straße läuft. "Das ist ja der reinste Schilderwald", sagt sie. Die Fassaden der Häuser sind mit den Werbeschildern der einzelnen Geschäfte übersäht, quer und anliegend oder hochkant und abstehend.

Die Mischung macht’s

Wohlfühlambiente geht anders. Trotzdem ist es hier voll und Architektin und Stadtplanerin Christa Reicher sagt, dass es die perfekte Fußgängerzone auch gar nicht gibt. Grundlegend wichtig sei aber, dass Fußgänger ausreichend Platz hätten, dass man durch eine Fußgängerzonen nicht nur laufen könne, sondern dass dort auch Platz sei für Straßenfeste oder öffentliche Aktionen. "Übermöbliert" solle eine Fußgängerzone auch nicht sein – nicht zu viele Bänke, Abfalleimer, Bäume, Brunnen. Leere Geschäfte solle eine Stadt vermeiden und auch darauf achten, wie die Gebäude aussehen.

Architektin und Stadtplanerin Christa Reicher (Foto: DW/ Marlis Schaum)

In der Fußgängerzone unterwegs: Stadtplanerin Christa Reicher

Christa Reicher gefällt zum Beispiel die Innenstadt in Maastricht - hier stimme die Mischung aus wenig Verkehr, unterschiedlich gestalteten Plätzen, Gassen und wenig Werbung. Die Niederländer sollen übrigens auch die erste Fußgängerzone überhaupt eingerichtet haben. In Deutschland behauptet Kassel, die erste Stadt gewesen zu sein, die eine Fußgängerzone hatte - 1953. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele Innenstädte in Europa, gerade in Deutschland, zerstört. Die Stadtplaner hatten die Möglichkeit, etwas ganz Neues entstehen zu lassen. Trotzdem kam der Boom der Fußgängerzonen in Deutschland erst mit den 1970er Jahren. Vorher war - bis auf einige Ausnahmen - der Straßenverkehr meist wichtiger als die Fußgänger.

Die zweite Generation

In den 70er Jahren begann man dann stärker über den Erhalt und Schutz von Innenstädten nachzudenken und die Fußgängerzonen breiteten sich aus. Heute, dreißig bis vierzig Jahre später, gibt es kaum eine Stadt in Deutschland ohne Fußgängerzone, und viele von diesen werden inzwischen wieder verändert. "Die zweite Generation" nennt Stadtplanerin Christa Reicher sie. Für die Städte sind Fußgängerzonen inzwischen wichtige Visitenkarten, damit "setzen sie sich gegen andere Städte durch, generieren Kaufkraft und schaffen attraktive Aufenthaltsräume für die Bewohner."

Werbeschilder für Geschäfte prägen Köln Hohe Straße (Foto: DW/ Marlis Schaum)

Kölns Hohe Straße - nicht wirklich schön, aber zweckmäßig als Einkaufsstraße

Das gelingt mal mehr, mal weniger - irgendwie ist es auch Geschmackssache. Eine Zeitlang hatten die verkehrsfreien Zonen große Konkurrenz durch die Einkaufszentren außerhalb der Innenstädte. Das haben sie inzwischen ganz gut überstanden, die Tendenz zur Einkaufserlebniswelt unter einem Dach ist rückläufig. Auffällig ist allerdings, dass man in vielen deutschen Fußgängerzonen immer die gleichen Geschäfte findet, nämlich die Filialen der großen Unternehmen. "Ein ökonomisches Gesetz" nennt Christa Reicher das. Dagegen könne man bei der Fußgängerzonenplanung nicht viel tun, das liege letztlich in der Hand der Städte.

Fußgängerzone forever

Die Mieten für Geschäftsräume in der Innenstadt sind einfach höher, das können sich kleine Unternehmen oft nicht leisten und weichen aus. Da könnte eine Stadt natürlich gegensteuern, die Frage ist, ob sie es will. Christa Reicher ist überzeugt, dass es sich auf Dauer für eine Stadt lohnt, darauf zu achten, dass das Geschäfts- und Gastronomieangebot sehr vielfältig ist, dass die Architektur der Häuser gut instand und zu sehen ist. Das steigere den Wert von Immobilien und die Attraktivität des Standortes.

Fußgängerzonen gibt es inzwischen in der ganzen Welt und sie verändern sich. Ein neues Konzept ist das des "shared space", bei dem Fußgänger und alle anderen Verkehrsteilnehmer den öffentlichen Raum gleichberechtigt nutzen. Trotzdem ist Stadtplanerin Christa Reicher davon überzeugt, dass es Fußgängerzonen auch in Zukunft immer geben wird - wenn man die Regeln beachtet. "Der Tod einer Fußgängerzone wäre: keine vielfältige Nutzung an Geschäften und Gastronomie und selbstverständlich die Öffnung für den Verkehr und eine völlige Übermöblierung."

Autorin: Marlis Schaum

Redaktion: Conny Paul (pl)