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Globale Zusammenarbeit

Biosprit - Mogelpackung oder Klimaretter?

Die EU-Kommissare Hedegaard und Oettinger wollen die Biosprit-Quote EU-weit senken. Experten warnen schon lange vor den negativen Folgen von Biokraftstoffen für die globale Ernährungssicherheit.

Feld mit Winterraps (Foto: dpa)

Feld mit Winterraps wird gespritzt

Das vermeintliche Allheilmittel verliert seinen Glanz: Lange galten Agrarkraftstoffe, im Alltag Biosprit genannt, als sauber, klimafreundlich und ökologisch. Die Europäische Union beschloss deshalb, dass bis 2020 der Anteil an Biokraftstoffen im Verkehrssektor bei zehn Prozent liegen sollte. Doch jetzt wollen EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard und EU-Energiekommissar Günther Oettinger dieses Ziel nach unten korrigieren – auf einen Anteil von nur noch fünf Prozent. 

Diese Wende in der europäischen Politik sei die Folge der Debatte über "Tank oder Teller", die schon seit längerer Zeit geführt wird, sagt Jürgen Maier, Geschäftsführer des Forums "Umwelt und Entwicklung" in Berlin. Dieses Forum ist die Koordinierungsstelle für deutsche Nichtregierungsorganisationen, die sich international für nachhaltige Entwicklungspolitik einsetzen.

Jürgen Maier, Forum Umwelt und Entwicklung

Fordert sparsamere Verkehrsmittel statt Biosprit: Jürgen Maier, Forum Umwelt und Entwicklung

 Schon seit Jahren warnen seine Mitglieder vor den Risiken der Biokraftstoffe: Die Lebensmittelpreise auf dem Weltmark würden steigen, die Ärmsten der Welt könnten sich die Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten.

Auch der deutsche Entwicklungsminister Dirk Niebel hatte bereits kritisiert, dass der Anbau von Pflanzen für die Biospritproduktion zu Lasten der Lebensmittelproduktion gehe.

Klimanutzen zweifelhaft

"Die Diskussion, dass wir sozusagen unsere überdimensionierten Autos auf dem Rücken der Hungernden in Afrika füttern, hat viele Menschen empört“, so Jürgen Meier. "Die Empörung darüber ist einfach zu groß geworden". Er macht sich Sorgen über die immer instabileren Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt. Die Preisschwankungen machen nicht nur die Lebensmittelversorgung in den ärmsten Ländern immer schwieriger und teurer. "Es ist auch für die Landwirte ein Problem, da sie investieren und kalkulieren müssen, wie sie über die Runden kommen", so Maier.

Ein Kind trägt Maiskolben (Foto: K. Plöge)

Treibstoff, Menschennahrung oder Tierfutter?

Er macht jedoch nicht nur die Biospritproduktion aus Getreide, Mais, Soja oder Raps für die weltweiten Lebensmittelpreise verantwortlich. Erstens spielten die Spekulationen mit Lebensmitteln an den Börsen eine große Rolle, zweitens der steigende Fleischkonsum in vielen Schwellenländern und drittens eben auch die Nachfrage nach Biosprit. "Man muss alle Faktoren angehen", so Jürgen Maier. Doch Europa habe "natürlich wesentlich mehr Möglichkeiten, die eigene Biokraftstoffpolitik zu beeinflussen als die chinesische Fleischnachfrage", bemerkt er.

Das Hauptargument der Europäischen Union für das ursprüngliche Ziel von einem EU-weiten Biokraftstoffanteil von zehn Prozent war der Nutzen für das Klima. Es gebe jedoch keine wirklichen CO2-Einsparungen durch Biosprit, sagt Professor Jürgen Schmid, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) in Kassel. "Wenn das EU-Ziel jetzt reduziert wird, ist das zwar ein Schritt in die richtige Richtung. Aber die Null wäre besser gewesen“, so Schmid. Er ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, WBGU. Die Klimabilanz für Biosprit falle deshalb so schlecht aus, weil man die Emissionen durch Landnutzung mitrechnen müsse. Schon beim Pflügen der Felder würden Treibhausgase aus dem Boden freigesetzt. Dazu komme dann der Treibstoff für Landwirtschaftmaschinen und für die Produktion.

Teller statt Tank

Vor allem aber werde dann Ackerland statt für die Nahrungsmittelproduktion für Biosprit genutzt, kritisiert Schmid: "Da diese Flächen nicht so einfach zur Verfügung stehen, muss man natürlich in kritische Gebiete rein." Dazu gehören der Regenwald, die Savanne und andere sensible Gebiete, "wo dann so viele Emissionen freigesetzt werden, dass man das nie mehr reinholt."

Professor Dr. Jürgen Schmid, Leiter des Fraunhofer Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik, IWES, in Kassel. (Foto: FraunhoferIWES)

"Eine Mogelpackung" nennt Professor Jürgen Schmid die Biokraftstoffe.

In einem Gutachten warnte der WBGU bereits 2008 vor der Einführung von Biosprit. Die Wissenschaftler empfahlen für den Verkehr stattdessen einen Ausbau der Elektromobilität. Der Hauptdruck gegen den Vorschlag des WBGU sei damals vor allem von der Autoindustrie gekommen, so Jürgen Schmid. „Man hat damals gesagt, man kann die Emissionen auch reduzieren durch die Verwendung von Biosprit und hat den Biosprit quasi als emissionsfrei betrachtet. Das ist natürlich eine Mogelpackung“, so der Energieexperte.

Biosprit immer konkurrenzfähiger?

Man habe schon länger mit der jetzigen Debatte gerechtet, meint Elmar Baumann, Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB). Und bisher sei keine Entscheidung auf EU-Ebene getroffen. Die Abkehr vom alten Biosprit-Ziel sei lediglich ein Vorschlag, der noch durch den Rat und das Parlament müsse.

Elmar Baumann, Geschäftsführer Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie (Copyright: VDB)

Elmar Baumann: "Biokraftstoffe werden immer besser"

Je länger eine Entscheidung dauere, desto mehr werde für die Agrarkraftstoffe sprechen, so Baumann. „Die fossilen Brennstoffe werden immer schmutziger und produzieren immer mehr Treibhausgas, so dass die Biokraftstoffe sich mit diesen schlechtesten Herkünften messen müssen“. Dafür, so Baumann, würden die Ergebnisse der Agrarkraftstoffe immer besser werden, weil man sowohl Anbaumethoden als auch Herstellungsverfahren laufend optimiere.

Sprit statt Überschussproduktion?

Außerdem, so Elmar Baumann vom VDB, gebe es keine ursächliche Verknüpfung von Hunger und der Produktion von Biokraftstoffen: „Es ist im Gegenteil so, dass in der EU Biokraftstoffe eingeführt worden sind, um die immensen Nahrungsmittelüberschüsse, die Überproduktion, einer sinnvollen Verwendung zuzuführen“, so Baumann.

Für das Argument hat Jürgen Maier vom Forum Umwelt und Entwicklung nicht einmal ein müdes Lächeln übrig. „In Wirklichkeit hat die EU insgesamt keine Überschüsse, sondern wir haben 20 Millionen Hektar in Südamerika belegt für die Futtermittelproduktion für unser Rindvieh, für unsere Schweine und für unser Geflügel.“ Er sieht die Mobilität lieber anders gesichert, zum Beispiel durch Investitionen in Eisenbahnen und durch energieeffizientere Autos. „Man kann nicht Biokraftstoffe nehmen, um damit irgendwelche Geländewagen durch die Großstädte zu chauffieren. Das ist einfach eine Perversion - auch letztlich von ökologischer Politik“.

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