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Wirtschaft

Biosprit am Pranger

Führt Biosprit zu mehr Hunger in der Welt? Eine alte Diskussion ist dieser Tage neu aufgeflammt. Nach Entwicklungsminister Niebel melden sich immer mehr Befürworter eines Verkaufsstopps von Biosprit zu Wort.

Werkstattleiter Roland Siebler posiert am Freitag (10.12.10) auf einer Tanstelle in Berlin - Prenzlauer Berg mit einem Zapfhahn vor einer Zapfsaeule mit der Aufschrift Ethanol. Die Autofahrer in Deutschland muessen sich aus Umweltschutzgruenden auf eine neue Benzinsorte einstellen. Ab Januar wird an den mehr als 14.000 Tankstellen nach und nach die Benzinsorte Super E 10 eingefuehrt. Sie enthaelt bis zu zehn Prozent Bioethanol aus nachwachsenden Rohstoffen. So soll der Klimaschutz gestaerkt werden. Bisher werden nur fuenf Prozent Biosprit ins Benzin gemischt. (zu dapd-Text) Foto: Clemens Bilan/dapd.

Tankstelle Zapfpistole

Deutschland soll den Verkauf von Bioethanol aussetzen - so lautete die Forderung von Entwicklungsminister Dirk Niebel in der vergangenen Woche. "Das ist ein Konflikt zwischen Tank und Teller, und gerade bei steigenden Lebensmittelpreisen kann Biosprit zu stärkerem Hunger in der Welt beitragen." Auch am Montag (20.08.2012) bekräftigte er noch einmal seine Aussage: "Unsere Aufgabe muss es sein, dass die nächste Trockenheit nicht wieder zu einer Hungerkatastrophe führt." Dafür dürften essbaren Bestandteile von Pflanzen nicht für die Treibstoffherstellung benutzt werden. Das Ziel solle sein: "Die Frucht für die Ernährung, die Reststoffe für die Energieversorgung".

Dürren treiben Preise

Hintergrund sind Dürren in verschiedenen Gegenden der Welt. In den USA, einem der wichtigsten Anbauländer für Getreide, herrscht die schlimmste Dürre seit mehr als einem halben Jahrhundert. Und auch in Indien, Russland, der Ukraine vertrocknet das Getreide auf den Feldern. In der Folge steigen die Lebensmittelpreise und Hungerkrisen drohen. Allein in Westafrika sind bis zu 18 Millionen Menschen von Hunger bedroht, befürchten die Vereinten Nationen.

Trotz der angespannten Ernährungssituation landen jedoch weiterhin Teile der Nahrungsmittelproduktion im Tank. Beinahe die Hälfte der Maisproduktion in den USA und 60 Prozent der Rapsproduktion in Europa dienen der Treibstoffherstellung. Von der deutschen Getreideernte sind 2011 etwa vier Prozent in die Bioethanolproduktion gegangen. Zusätzlich importierte Deutschland rund die Hälfte des eingesetzten Ethanols aus dem Ausland.

Öko-Rückenwind für Niebel

Mit seiner Forderung steht Niebel nicht alleine da, auch der Generaldirektor der UN-Ernährungsorganisation FAO, Graziano da Silva, verlangte von den USA bereits, die Biosprit-Produktion auszusetzen. Angestoßen durch Niebel kocht nun auch in Deutschland wieder die Debatte über die Konkurrenz von Teller und Tank. Erst am Wochenende meldete sich der Chef des Lebensmittelriesen Nestle, Peter Brabeck, in der "SonntagsZeitung" zu Wort. Die Politik solle den Verbrauch von Nahrungsmitteln zur Herstellung von Biosprit beenden. Das heiße nicht, dass die Biosprit-Produktion komplett eingestellt werden müsse, aber dass die Hersteller andere organische Materialien verwenden sollten. Die Preise für Grundnahrungsmittel würden immer stärker im Gleichklang mit dem Ölpreis schwanken, meint Brabeck. "Nicht nur, weil dieses zentral ist für die Produktion von Agrargütern, sondern auch, weil sich die Preise für Biotreibstoffe am internationalen Ölhandel orientieren."

Thilo Bode von der Verbraucherorganisation Foodwatch hält den Einsatz von Biosprit generell für einen Irrweg, sowohl in Deutschland als auch in den USA. Damit entstünde eine Flächenkonkurrenz zum Nahrungsmittelanbau und das treibe erwiesenermaßen weltweit die Preise nach oben. Gerade in armen Ländern sei ein Anstieg der Lebensmittelpreise ein großes Problem, weil die Menschen dort nicht zehn, sondern bis zu 70 Prozent ihres Einkommens für Essen aufwenden müssen. Ohne Ethanolerzeugung gäbe es keine globale Getreideknappheit, sagt Greenpeace-Agrarexperte Martin Hofstetter. Die globalen Vorräte seien auf nur noch 100 Millionen Tonnen geschmolzen. "Weltweit werden aber inzwischen 150 Millionen Tonnen Getreide jährlich zu Ethanol verarbeitet." Inzwischen haben sich noch andere Politiker, das katholische Hilfswerk Misereor, der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und weitere Umweltverbände für einen Produktionsstopp von Biosprit ausgesprochen.

Übertriebene Debatte?

Während es von Umweltminister Peter Altmaier bislang keine Reaktion auf Niebels E10-Forderung gibt, melden sich Biosprit-Befürworter. So der Chef des Biosprit-Herstellers Südzucker, Wolfgang Heer. Er sehe keinen Zusammenhang zwischen der Bioethanol-Herstellung und den Lebensmittelpreisen und hielte die Debatte für übertrieben, sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". "Ich kann nicht erkennen, dass vermehrte Ethanol-Produktion zu einem geringen Angebot an Nahrungsmitteln führt - sie ist eine Ergänzung." Allerdings verdient sein Unternehmen gut am Geschäft mit dem Biokraftstoff. So steigerte die Tochter CropEnergies ihren Umsatz im ersten Geschäftsquartal 2012/13 um 22 Prozent, im gleichen Maße stieg auch die Produktion von Bioethanol.

Der Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB) hält die Diskussion für eine Scheindebatte. Ein Verbot von E10 wäre nichts anderes als Symbolpolitik, denn bei der Ethanolproduktion werde etwa ein Drittel der Getreidefrucht zu Tierfuttermittel verarbeitet und diene damit direkt der Nahrungsmittelerzeugung. Die Ursachen für Hungern seien "Bürgerkriege, Korruption und vor allem Armut, nicht Bioethanol", heißt es weiter vom VDB. Außerdem hätten subventionierte Agrarüberschüsse aus der EU und den USA jahrzehntelang die Landwirtschaft in Afrika ruiniert.

Der Weg zum Biosprit

Die Biokraftstoffverordnung geht auf eine EU-Richtlinie zu erneuerbaren Energien zurück. Diese sieht vor, dass bis 2020 in der EU zehn Prozent des gesamten Kraftstoffverbrauchs im Transportsektor aus erneuerbarer Energie stammen soll. Seit 2011 wurde E10 in Deutschland eingeführt. Der Name steht für einen zehnprozentigen Anteil von Ethanol am Kraftstoff.

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