1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

"Biomasse kann Rohstoffe ersetzen"

Die Biomasse erlebt einen Boom. Viele sehen darin den Weg aus der globalen Energiekrise. Im Interview DW-WORLD.DE ist dazu Franz Fischler, ehemaliger EU-Agrarkommissar.

Franz Fischler (25.06.2003/AP Photo/Virginia Mayo)

Franz Fischler spricht sich für die Biomasse aus

DW-WORLD.DE: Biomasse gilt als ein wichtiger Baustein für die zukünftige Energieversorgung. Wie hoch sehen Sie das Potenzial für Europa und auch weltweit?

Franz Fischler: Ich glaube, dass die Biomasse nicht nur als ein Rohstoff für die Energieversorgung gilt, sondern insgesamt als ein nachwachsender Rohstoff zu betrachten ist. Er kann durchaus auch zum Beispiel Metalle oder andere Rohstoffe ersetzen - nicht nur Öl oder Gas. Das Potenzial ist ziemlich groß, aber auch begrenzt. Niemand soll glauben, man kann jetzt einfach von der Ölwirtschaft auf eine Biomassewirtschaft umstellen. Gerade wenn es um Treibstoffe geht, ist das Potenzial ziemlich begrenzt, vor allem auch deshalb, weil eines nicht in Frage gestellt werden darf: Dass die Ernährung der Welt Vorrang haben muss gegenüber der Produktion oder der Verwendung von Biomasse für Energiezwecke.

Fünf Prozent der Nahrungsmittel werden weltweit für die Biospritproduktion verwendet. Gleichzeitig hungern Millionen Menschen. Ist die Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen für die Produktion von Biomasse und Biosprit verantwortbar?

Ich glaube, dass man das nicht so generalisierend beantworten kann. Es gibt Situationen, in denen der Anbau von Energiepflanzen durchaus Sinn machen kann. Aber wie ich schon gesagt habe, spielt es keine allzu große Rolle. Das Ziel der Europäischen Union, zehn Prozent des Treibstoffkonsums durch Biomasse zu ersetzen, wird nur dann funktionieren, wenn es gelingt, die zweite Generation einzusetzen, das heißt, dass wenn man Bioethanol nicht mehr aus Getreide herstellt, sondern aus Stroh, um das etwas bildlich auszudrücken.

Mit Biomasse kann man Wärme, Strom und Kraftstoffe produzieren. Welchen Nutzungspfad favorisieren Sie vor allem für die Zukunft?

Fischler: Ich favorisiere das heute so genannte Kaskadenmodell. Aus meiner Sicht ist die Biomasse eigentlich viel zu schade, um einfach nur verbrannt zu werden oder daraus Biogas zu machen. Ich glaube, man muss die verschiedenen Komponenten, aus denen die Biomasse entsteht, entsprechend getrennt nutzen. Da darf man nicht vergessen, dass die Biomasse ein Rohstoffreservoir auch für Chemikalien darstellt, die man zunächst einmal aus der Biomasse entnehmen sollte. Dann müsste man als nächsten Schritt vor allem versuchen – aber da ist noch sehr viel Forschung notwendig –, aus der Zellulose, sprich, aus dem Stroh oder aus dem Gras, Treibstoffe zu produzieren. Erst den Rest sollte man der Verbrennung zuführen. Das Gleiche gilt genauso für Holz.

Wie sollte Ihrer Meinung nach das Verhältnis zwischen Nahrungsmittel- und Energieproduktion aussehen und derzeit geregelt werden?

Da darf es überhaupt keinen Zweifel geben: Die Nahrungsmittelproduktion muss eindeutig Vorrang haben. Aber man darf nicht vergessen: Es gibt auch Getreide oder andere Biomasseprodukte, die für den menschlichen Konsum nur wenig geeignet sind und solche Produkte kann man ohne weiteres ich glaube auch ohne moralisch-ethisches Bedenken, einsetzen.

Sollte es Ihrer Meinung nach eine weltweite Regelung geben, oder eine vonseiten der EU?

Die Europäische Union wird ihre Ziele überdenken müssen, je nachdem, wie gut oder weniger gut es gelingen wird, die zweite Generation von Biokraftstoffen tatsächlich in die Praxis einzuführen. Eines jedenfalls ist klar: Dieses Zehn-Prozent-Ziel kann man nie mit der ersten Generation erreichen.

Welche Effekte ergeben sich für die Produktion von Biomasse für den ländlichen Raum, eventuell auch für die Entwicklungsländer?

Wenn man Biomasse breiter sieht und nicht nur in Zusammenhang mit der Verwendung als Treibstoff, dann bietet sie durchaus Chancen, dezentrale Energieversorgungen zu fördern. Da gibt es gute Beispiele für: Bei uns in Österreich gibt es die Gemeinde Güssing, die das ambitionierte Ziel hat, energieautark zu sein - und das gelingt auch. Aber dort spielt die Treibstoffversorgung nur eine sehr untergeordnete Rolle. Es geht mehr darum Holzabfälle und Stroh entsprechend energetisch zu verwerten oder aus Biomasse verschiedene Chemikalien zu produzieren.

Die Redaktion empfiehlt