Bio-Lebensmittel auf der Überholspur? | Wissen & Umwelt | DW | 16.02.2018
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Wissen & Umwelt

Bio-Lebensmittel auf der Überholspur?

Immer mehr Menschen wollen gesunde Lebensmittel und Bio ist gefragt. Die Biobranche blickt deshalb in eine positive Zukunft. Für einen Durchbruch gegenüber der gängigen Landwirtschaft reicht es aber nicht.

Auf der weltweit größten Messe für ökologische Konsumgüter, der Biofach in Nürnberg, zeigen sich Vertreter der Branche optimistisch: "2017 wurden mit Bio erstmals über zehn Milliarden Euro in Deutschland umgesetzt", sagt Peter Röhrig, Geschäftsführer des Bio-Dachverbandes Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW).

Das entspricht einem Umsatzplus von 5,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr und einen Anteil von fünf Prozent am gesamten Lebensmittelmarkt in Deutschland. "Immer mehr Kunden kaufen immer mehr Bio. Denn immer mehr Menschen wollen heimische Bauern, Klima und Artenvielfalt, artgerechte Tierhaltung und die Gesundheit ihrer Familien und der Umwelt stärken", sagt Röhrig auf der Messe.

Zugleich bietet Bio auch für immer mehr Landwirte eine wichtige Perspektive der Zukunftssicherung. Von den 275.000 Landwirtschaftsbetrieben in Deutschland mussten rund 7600 Betriebe in 2017 aufgeben. Aber 2042 konventionelle Betriebe stiegen auf die Biolandwirtschaft um. In Deutschland produziert nach BÖLW-Angaben inzwischen mehr als jeder zehnte Hof nach ökologischen Richtlinien, ohne chemische Ackergifte und Dünger.

In einigen anderen EU-Ländern wie Dänemark, Schweiz, Schweden und Österreich hat Bio im Vergleich zu Deutschland jedoch noch eine viel höhere Bedeutung. Der Anteil am gesamten Lebensmittelumsatz liegt dort zwischen acht und zehn Prozent.

Mürnberg Messe Biofach (NuernbergMesse/Frank Boxler)

Weinprobe auf der Biofach in Nürnberg. Mehr Winzer stellen auf Bioanbau um, so wird das Angebot immer größer.

In Deutschland liegen die Ausgaben für Biolebensmittel pro Person im Durchschnitt bei rund 120 Euro im Jahr, in vielen osteuropäischen Ländern aber auch unter 10 Euro.

Laut aktuellem BÖLW-Bericht geben die EU-Bürger insgesamt rund 31 Milliarden Euro für Ökolebensmittel aus, etwas weniger als die US-Bürger (39 Milliarden Euro) und deutlich mehr als alle Chinesen (rund 5 Milliarden Euro Umsatz).

Politik fördert bislang exportorientierte Agrarindustrie

Auch wenn immer mehr Menschen Lebensmittel ohne Pestizide, Tierqualen und Umweltschäden wollen und die Biobranche insgesamt kräftig wächst, im Vergleich zu der konventionellen Lebensmittelbranche ist die Bedeutung gering.

"Die deutsche und europäische Agrarpolitik fördert leider kein nachhaltiges Wirtschaften, sondern unterstützt vor allem agrarindustrielle Strukturen", sagt Hubert Weiger vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND). "Die Betriebe werden immer größer, sie wirtschaften immer intensiver, um überleben zu können. Das führt dann zu Systemen der nicht artgerechten Tierhaltung und zu einem dramatischen Rückgang von Tier- und Pflanzenarten." 

"Wir brauchen dringend eine ökologische und soziale Agrarwende, die der Landwirtschaft wieder eine Perspektive gibt und gesunde Lebensmittel krisensicher und nachhaltig erzeugt", so Huber im DW-Interview.

Vegane Wurst Vegan Trends (picture-alliance/dpa/D.Karmann)

Mehr Bio, weniger Fleisch. Auf der Biofach gibt es auch viele vegane Produkte wie diese Currywurst.

Neue Agrarpolitik könnte helfen 

Rund 55 Milliarden Euro pro Jahr erhalten die Landwirte in der EU derzeit aus Brüssel. Bisher wurden die Subventionen weitgehend ohne Umweltauflagen verteilt. Umwelt- und Verbraucherverbände und die ökologische Lebensmittelwirtschaft fordern eine Neuausrichtung der europäischen Agrarförderung: Eine Verteilung der Subventionen, die zugleich Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen der Landwirte honoriert. 

"Im Ringen um die Verteilung der Agrargelder sollen diejenigen Landwirte unterstützt werden, die sauberes Wasser und eine hohe Artenvielfalt sicherstellen, Klima- und Tierschutz auf höchstem Niveau betreiben und so wertvolle Lebensmittel erzeugen", sagt Jan Plagge, Präsident vom Anbauverband Bioland. "Viele Landwirte würden ihren Betrieb danach neu ausrichten und davon profitieren", zeigt sich Plagge überzeugt.

Bisher werden die Landwirte für den Umweltschutz jedoch nicht belohnt. Überdüngte Böden und Pestizide belasten das Grund- und Trinkwasser, die Kosten für die Verschmutzung und Aufbereitung zahlen jedoch die Verbraucher, zum Beispiel über Abwassergebühren.

"Die Kosten des vermeintlich billig erzeugten Fleisches im Supermarkt werden externalisiert und von der Gesellschaft und Verbraucher an anderen Stellen bezahlt", erklärt Agrarexperte Alexander Mahler vom Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS). 

Nürnberg Naturkostmesse Biofach (picture-alliance/dpa/K. Tscharnke)

Biofach in Nürnberg: Die Produktpalette wird immer größer.

Würden alle Umweltkosten der heutigen Agrarprodukte in die Bewertung mit einbezogen, so wären nach Einschätzung von Mahler ökologisch erzeugte Produkte in der gesamtgesellschaftlichen Betrachtung kaum teurer als die konventionellen. Frankreich und Dänemark gehen in der EU bereits in diese Richtung und haben deshalb eine Steuer für Pestizide eingeführt. 

Mehr Bio durch Union und SPD?

CDU, CSU und SPD vereinbarten im Koalitionsvertrag, dass 20 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland bis 2030 ökologisch bewirtschaftet werden soll. "Für die deutsche Land- und Ernährungswirtschaft ist das ein Durchbruch" kommentiert Plagge das Ergebnis.

Derzeit liegt der Flächenanteil vom Ökoanbau in Deutschland bei 8,2 Prozent. "Um in Deutschland dahin zu kommen, müssen nun auch verbindliche Maßnahmen der künftigen Bundesregierung folgen", so Plagge.

Union und SPD benennen im Koalitionsvertrag viele Baustellen in Landwirtschaft und Ernährung, wie Glyphosat-Ausstieg, Fehlernährung, Tierwohl, Gentechnik und die Stärkung ländlicher Räume. „Das ist die Voraussetzung für einen nachhaltigen Umbau von Landwirtschaft und Ernährung“, sagt BÖLW-Vorsitzender Felix Prinz zu Löwenstein. "Zulegen muss die Große Koalition aber noch, damit der Umbau gelingt." 

Deutschland Agrarlandschaft Schweine auf der Wiese (picture-alliance/Bildagentur-online/Theissen)

So sehen glückliche Schweine aus: Keine Massentierhaltung, sondern bio.

Zudem müsse nach Prinz zu Löwenstein neben dem Glyphosat-Ausstieg eine generelle Reduzierung des Pestizideinsatzes folgen und eine verpflichtende Haltungskennzeichnung für Fleisch- und Fleischprodukte. Verbraucher könnten dann besser sehen, welches Fleisch aus artgerechter Tierhaltung kommt. "Denn am Markt wirkt am besten, was der Kunde kennt, versteht und überall wiederfindet".

Mahler zeigt sich dagegen skeptisch, dass diese Maßnahmen allein den Durchbruch von Biolebensmittel insgesamt bringen werden. Die deutsche Landwirtschaftspolitik sei nach wie vor an der Produktion und dem Export von möglichst billigen Lebensmitteln orientiert. "Und das Preisschild am Supermarktregal behindert das Umsteuern und wirkt bei weiten Teilen der Bevölkerung stärker als jedes Ökosiegel."

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