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Entwicklungszusammenarbeit

Bio-Kakao statt Kokain

Wo einst Kokastrauch und Drogenmafia Peru beherrschten, wächst heute nachhaltiger Kakao. Aus ehemaligen Drogenbauern im Nordosten des südamerikanischen Landes sind Experten für Bioanbau und fairen Handel geworden.

"So geht das mit der Kokaernte": Mit einem Ruck hat Adán Rivera die Äste der dürren Pflanze gepackt und die Blätter abgestreift. Er lacht. Dann lässt er sie achtlos auf den Boden fallen. Denn Koka erntet er schon lange nicht mehr. Früher zählte hier - tausend Kilometer östlich von Lima - nur das Kokain: Als die Drogenmafia und die marxistischen Guerilleros des "Sendero Luminoso" (Leuchtender Pfad) die fruchtbare und heiße Region zwischen den Anden und dem Amazonasbecken beherrschten.

Der ehemalige Koka-Bauer Adán Rivera steht zwischen verwilderten Koka-Sträuchern (Foto: DW/ O. Ristau)

Adán Rivera weiß noch, wie die Koka-Blätter geerntet werden

Damals arbeitete Adán, wie die meisten Menschen in der Provinz San Martín, auf den Kokaplantagen. "Koka wuchs hier bis zum Horizont“, erinnert er sich. Wenn er von der Vergangenheit erzählt, verschwindet sein Lachen. "Wir waren noch Kinder. Eines Tages standen wir mit der Familie und Freunden auf der Straße, als ein Lieferwagen anhielt und Uniformierte heraussprangen." Sie hätten ein paar Männer in den Laderaum gesperrt und seien weggefahren. "Tage später fand man ihre Leichen - ohne Hände." Warum die Männer ermordet wurden, weiß er nicht, nur wer das tat: "Die waren vom Sendero Luminoso." Die Organisation, die in im Tropengürtel an der Ostflanke der peruanischen Anden ihren Marsch auf die Hauptstadt Lima plante, misstraute den Bauern, statuierte immer wieder blutige Exempel an vermeintlichen "Konterrevolutionären". Rivera hatte damals immer Angst, auf die Straße zu gehen.

Heute ist das anders. Seine Kinder gehen im benachbarten San José de Sisa zur Schule, rund eine Autostunde von der Provinzhauptstadt Tarapoto entfernt. Rivera ist Vorarbeiter auf einer Plantage, die Bio-Kakao anbaut. Sie gehört der deutschen Firma Forest Finance, die in nachhaltigen Kakao investiert. "In Peru wächst seit jeher ein sehr hochwertiger Kakao", sagt Firmenchef Harry Assenmacher. "Wir wollen diese Tradition fortsetzen."

Blick auf die Stadt Tingo María - Sitz einer der größten Biokakaokooperativen Lateinamerikas (Foto: DW/ O. Ristau)

Die ehemalige Koka-Hochburg Tingo Maria

Armutsrate halbiert

In der jüngerer Vergangenheit hatte das Land mit diesem Vermächtnis wenig zu tun. "Von den 1980er bis zur Mitte der 1990er Jahre des letzten Jahrhunderts war Peru der weltweit größte Koka-Produzent", berichtet Fernando Rey, Direktor der peruanischen Antidrogen-Kommission Devida. Sie soll Peru vom Koka abbringen. Die Organisation sitzt in einem unscheinbaren Hochhaus in Limas Geschäftsviertel Surco. Soldaten bewachen den Eingang.

Rey weiß, dass er einen schwierigen Job hat - obwohl Kolumbien inzwischen seinem Land den zweifelhaften Rang als Kokaproduzent Nummer eins abgelaufen hat. Zusammen mit Bolivien bilden die Nachbarn immer noch das "goldene Dreieck" der internationalen Kokainmafia. Doch während im abgelegenen Südosten Perus der Kokaanbau ungestört weitergeht, ist der Wandel in der Provinz San Martín gelungen.

Der frühere Koka-Bauer Francisco Rodríguez ist heute Experte für Bio-Kakao - auf dem Foto hält er eine aufgeschnittene riefe Kakaofrucht in den Händen (Foto: DW/ O. Ristau)

Experte für Bio-Kakao: Francisco Rodriguez war früher Kokabauer

Rey spricht vom Wunder von San Martín. "Heute liefert die Region mit 12.000 Tonnen ein Drittel des peruanischen Kakaos". Peru ist die zwölftgrößte Kakaonation der Welt, bei Bio-Kakao sogar die Nummer zwei nach der Dominikanischen Republik. "Die Armutsrate hat sich in den letzten zehn Jahren von 70 auf 31 Prozent verringert." In keiner anderen Region des Andenstaates sei die Wirtschaft kräftiger gewachsen.

Neben staatlichen Investitionen in Schulen, Straßen und Sicherheit liege das an der boomenden Agrarproduktion. Die landwirtschaftlich genutzte Fläche habe sich verdoppelt. Die Bauern pflanzen heute Kaffee, Kakao, Reis und Palmen an und profitieren von teils höheren Weltmarktpreisen. Die EU hat in den letzten Jahren 36 Millionen Euro in die Region gepumpt. Aber das Drogenproblem ist noch längst nicht beseitigt: "Die Drogen-Routen verändern sich. Peruanisches Kokain, das früher für die USA bestimmt war, wird heute über Brasilien und Afrika nach Europa eingeschleust", erklärt der Direktor von Devida.

Neue Schulen

Auch in der an San Martín angrenzenden Provinz Huánuco hat eine neue Ära begonnen. Die 55.000 Einwohner zählende Provinzhauptstadt Tingo María beherbergt mit "El Naranjillo" heute eine der größten Bio-Kakao-Kooperativen Lateinamerikas.

Früher galt die Stadt als Koka-Hochburg. Die Bauern im Umkreis waren nicht nur Pflanzer, erinnert sich Francisco Rodríguez. "Viele unterhielten ihr eigenes Labor. Sie stellten aus den Kokablättern mit Chlor und Benzin weiße Kokapaste her." Rodríguez stammt aus dem Dorf Huayhuantillo, dessen siebzig Familien in den letzten Jahren von Koka auf Bio-Kakao umgestellt haben - so wie die meisten der rund 2000 Kooperativen-Mitglieder. "Die Umstellung war hart", erinnert sich Francisco Rodríguez. "Sie dauerte ein paar Jahre. Kakao ist anspruchsvoller und bringt weniger ein als Koka. Doch dafür ist das Geschäft legal und sicher", sagt er.

In Huayhuantillo zeugen die neue Grundschule und der gepflegte Rasen-Dorfplatz mit seiner neuen Holzbühne von dem erfolgreichen Wandel. In den Straßen sieht man keinen Müll, die Häuser sind an Sickergruben für die Abwässer angeschlossen: kein Vergleich mit anderen abgelegenen Dörfern und ihren ärmlichen Hütten auf Stelzen. "Die bauen immer noch Koka an", sagt Rodriguez hinter vorgehaltener Hand. Die Kooperative zahlt den Bauern nicht nur einen Zuschlag in Höhe von etwa 50 US-Cent pro Kilogramm auf den regulären Weltmarktpreis. Sie sorgt auch für kostenlose Gesundheitsversorgung und hilft beim Schulbesuch der Kinder.

In Deutschland zählen die Fair-Trade-Organisation GEPA und die Öko-Lebensmittelkette Naturland zu den Kunden der Kooperative. Rund ein Viertel des für ihre Schokolade benötigten Kakaos kauft sie bei den einstigen peruanischen Drogenproduzenten ein. Diese sind stolz, den Wandel geschafft zu haben und dem ständigen Ärger mit Koka-Käufern, Terroristen und dem Militär entkommen zu sein, der ihren Alltag beherrschte. Lange ist das nicht her: Sie wissen alle noch, wie die Kokaernte geht.