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Alltagsdeutsch – Podcast

Binnenschiffer

Von Bremen nach Basel, von Oldenburg nach Rotterdam – Binnenschiffer sind ständig auf Europas Flüssen unterwegs. In keinem Hafen liegen sie lange, in keiner Stadt sind sie zuhause. Ihre Heimat ist das Boot.

Adam Distel:

"Heimat ist für mich das Wasser, also der Rhein mit sämtlichen Nebenflüssen. Da fühle ich mich wohl wie ein Fisch im Wasser."

Gertrud Distel:

"Meine Ur-Urgroßeltern von väterlicherseits und mütterlicherseits waren schon immer in der Binnenschifffahrt, und für mich als Schulkind gab es nichts anderes als Schule fertig und ab aufs Schiff. Also es liegt in der Familie drin."

Sprecherin:

Es ist Mittag auf dem Rhein bei Düsseldorf. Vorbei an historischer Altstadt, futuristischem Landtag und Fernsehturm manövriert Adam Distel die Laboremos rheinaufwärts in Richtung Basel. Im Laderaum: rund 1500 Tonnen gewalztes Blech. Schon am frühen Morgen haben die Distels den rund 40 Kilometer entfernt gelegenen Hafen von Duisburg verlassen. Denn vollbeladen kommt die Laboremos vor allem stromaufwärts nur langsam voran – auf dem Rhein im Schnitt gerade mal acht Kilometer in der Stunde. Und so ist das Schiff täglich bis zu 18 Stunden unterwegs. Doch obwohl auch Ehefrau Gertrud und Sohn René die Laboremos steuern können – meistens steht doch Adam Distel am Ruder:

Adam Distel:

"Das ist Leidenschaft. Ich bring das nicht fertig nur zuzugucken. Als Kind schon, wie ich noch nicht in der Schule war, habe ich das große Schleppschiff schon gefahren. Ich konnte noch nicht richtig aus dem Fenster rausgucken, da habe ich das schon gekonnt und da war das schon meine Leidenschaft. Irgendwie liegt das im Blut drin."

Sprecher:

Adam Distel liegt die Schifffahrt im Blut. Das Blut gilt als Sitz des Temperaments und erscheint in vielen Redensarten. Wer heißes Blut hat, der gilt als temperamentvoll. Dementsprechend bedeutet ruhig Blut bewahren, sich nicht aufregen, gelassen bleiben. Und wenn etwas böses Blut macht, dann erregt es Ärger, Aggression und Feindschaft. Doch wenn Adam Distel sagt, dass ihm die Binnenschifffahrt im Blut liegt, meint er etwas anderes: Er glaubt, dass ihm die Schifffahrt quasi angeboren ist. Sie ist ein Teil seiner Natur. Übrigens kann die Redensart auch bedeuten, dass man etwas unwillkürlich tut.


Sprecherin:

In Adam Distels Familie hat die Binnenschifffahrt eine lange Tradition. Er selbst wurde sogar auf einem Schiff geboren. Schon seine Urgroßeltern lebten von der Arbeit auf dem Rhein und seinen Nebenflüssen. Mit einem hölzernen Segelschiff transportierten sie vor allem Kohle aus dem Ruhrgebiet nach Süddeutschland.

Sprecher:

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges setzte sich schließlich die Dieselmaschine durch. Aus unmotorisierten Lastkähnen wurden motorisierte Selbstfahrer.

Sprecherin:

Es ist später Nachmittag. Inzwischen hat die Laboremos Düsseldorf hinter sich gelassen. Am Ufer ein kleiner Wald, abgeerntete Felder, Bauernhöfe, Einfamilienhäuser und ein paar Spaziergänger, die den milden Wintertag genießen. Zeit für Kaffee und Kuchen. Auch Gertrud Distel liegt die Binnenschifffahrt im Blut. Ihre Kindheit verbrachte sie bis zur Einschulung auf dem Schiff ihrer Eltern. Schon deren Urgroßeltern hatten als Schiffer gearbeitet. Gertrud Distels Aufgaben an Bord der Laboremos sind vielfältig.

Gertrud Distels:

"Heute mach ich mehr oder weniger meinen Haushalt, die Schreibarbeiten, eigentlich sehr wenig Fahren, weil da ist mein Mann für zuständig, der möchte sich das nicht aus der Hand nehmen lassen. Aber ich bin die Schiffseignerin, also ich bin verantwortlich fürs Geschäft und die Reisen reinzuholen. Einer muss ja der Chef sein. Mein Mann, der ist fürs Grobe oder für Draußen zuständig, der ist fürs Fahren zuständig und ich bin für die Geschäfte zuständig. Jeder hat seine Begabung, ich kann besser die Reisen reinholen, mein Mann kann viel besser fahren wie ich."

Sprecher:

Das Fahren will sich Gertrud Distels Ehemann Adam nicht aus der Hand nehmen lassen. Die Hand ist das wichtigste Arbeits- und Greifinstrument des Menschen, das ursprünglichste und umfassendste Werkzeug, das er besitzt. Und so steht die Hand im Mittelpunkt zahlreicher Redensarten. Schon in biblischen Texten erscheint die Hand Gottes als Symbol der höchsten Macht. Sie kennzeichnet die herrschende, rettende oder auch strafende Gewalt. Wer sich in Gottes Hand begibt, der unterwirft sich dem Gericht des Allerhöchsten. Etwas in der Hand haben bedeutet also, die Kontrolle darüber haben.

Sprecherin:

Und die Kontrolle über das Steuer der Laboremos will Adam Distel nicht aus der Hand geben. Doch die wirtschaftliche Führung des Schiffes hat Gertrud Distel. Während sich ihr Mann, wie sie sagt, um das Grobe kümmert, akquiriert die Schiffseignerin neue Aufträge und organisiert die Buchhaltung. Mit der Redewendung das Grobe werden oft – manchmal ironisch oder auch abfällig – einfache körperliche Tätigkeiten umschrieben. Arbeiten und Leben auf dem Wasser – dafür kann sich die 55-jährige Gertrud Distel auch nach einem halben Jahrhundert auf Mitteleuropas Wasserstraßen noch begeistern.

Gertrud Distel:

"Die Faszination des Berufs ist, dass man im Grunde genommen doch seine Freiheit hat. Ich kann entscheiden, fahr ich von Bremen mit Coils nach Basel oder lade ich in Bremen oder in Oldenburg Schrott nach Rotterdam. Morgens der Blick, wenn man anfängt, wenn die Sonne aufgeht, wenn man rausschaut, immer ein anderer Blick, dann kommen die Bäume, dann kommen die Häuser, dann kommt der kölsche Dom. Es ist einfach das Abwechslungsreiche. Das ist das Schöne an unserem Beruf."

Sprecher:

Dabei gab es Zeiten in denen Gertrud Distel ganz andere Ziele hatte: Arbeit an Land, in einem Büro, einem Verlag oder gar im Journalismus – davon träumte die junge Schiffertochter. Doch dann landete sie doch auf dem Schiff der Eltern. Mit 17 lernte sie in einer Duisburger Schifferkneipe ihren Mann kennen. Drei Jahre später die Heirat. Kurz darauf die Geburt der Söhne René und Stefan.

Sprecherin:

Wie schon ihre Eltern, Großeltern und Urgroßeltern leben auch René und Stefan Distel bis zur Einschulung an Bord der Laboremos. Es ist eine typische Schifferkindheit, zwischen kleiner Wohnung im Heck, Steuerhaus und Kinderbox, einem zum Schutz der Kinder eingezäunten Areal an Deck, ausgerüstet mit Sandkasten, Planschbecken, Schaukel und Spielzeugtraktor. Als sie das Schulalter erreichen, müssen René und Stefan ins Schifferkinderheim. Künftig sehen sie ihre Eltern nur noch am Wochenende. Keine leichte Zeit. Noch immer erinnert sich René Distel nur ungern an das Kinderheim.

René Distel:

"Da hab ich mir dann schon oft gedacht, warum müssen meine Eltern mir so etwas antun. Und da hab ich manchmal schon eine Wut drauf gehabt. Ich hab gedacht, ich hau ab, ich dreh durch, ich hau alles kaputt oder sonst was. Da war ich schon richtig wütend. In schwierigen Situationen, wenn ich Probleme hatte, über die ich mit niemandem reden konnte, da hab ich meine Eltern vermisst."

Sprecher:

Manchmal dachte René Distel, er dreht durch. Durchdrehen ist eine Redewendung aus der Alltagssprache und bedeutet so viel wie die Kontrolle oder den Halt verlieren. Genau wie zum Beispiel der Bohrer einer Bohrmaschine oder das Antriebsrad eines Autos kann auch ein Mensch die Bodenhaftung und damit die Kontrolle über seine Handlungen verlieren. Wenn jemand als durchgedreht oder abgedreht bezeichnet wird, dann kann das aber auch heißen, dass er etwas verrückt oder egozentrisch ist. In der Jugendsprache hat die Redewendung abgedreht auch die Bedeutung von toll oder außergewöhnlich.

Sprecherin:

Inzwischen ist René Distel 34 Jahre alt und arbeitet auf dem Schiff seiner Eltern. Doch René hatte nie von der Binnenschifffahrt geträumt. Erst nachdem er keine Lehrstelle fand, entschied er sich für die Laboremos. Denn der Alltag an Bord eines Schiffes ist nicht immer leicht. Kontakt zu anderen Menschen ist eher selten. Einsamkeit gehört für die meisten Binnenschiffer zum Alltag. Damit kämpft auch René Distels Mutter Gertrud:

Gertrud Distel:

"Man fühlt sich schon manchmal einsam, man braucht manchmal einen Gesprächspartner. Dann spreche ich mal mit dem Hund, dann führe ich mal Selbstgespräche oder dann spreche ich mal mit meinen Bären – ich sammele ja Bären – also aber das macht man vielleicht an Land genauso, ich kann es nicht beurteilen. Vielleicht macht man es da genauso. Aber man ist schon manchmal einsam, ja!"

Sprecher:

Immer kürzer werden die Liegezeiten, immer weniger Zeit bleibt für den Kontakt zu Freunden und Bekannten. Jede Stunde im Hafen oder vor Anker belastet die Schifferkasse. Die Laboremos muss fahren, um rentabel zu arbeiten – bis zu 18 Stunden täglich auch am Wochenende. Und so gibt es im Terminkalender der Distels nur wenig Luft.

Gertrud Distel:

"Wenn man Zeit hat, das ist eigentlich ein Luxusgut. Wenn man mal zwei Tage liegt, ohne dadurch eine finanzielle Einbuße zu haben. Wenn man sich das erlauben kann, wenn Ruhe ist, das ist Luxus."

Sprecherin:

Doch ruhige Tage sind selten. Manchmal sind die Distels bis zu zwei Wochen ununterbrochen unterwegs. Der Wettbewerb ist hart. Vor allem Holländer und Osteuropäer konkurrieren mit den deutschen Schiffern:

Gertrud Distel:

"Der Konkurrenzkampf in der Schifffahrt ist sehr groß geworden. Es ist manchmal wirklich ein Existenzkampf. Man hofft hoffentlich geht nicht irgend so ein Teil kaputt, dass die Maschine mitmacht, weil sonst gibt es wieder Probleme, wie kommst du an Gelder ran. Also das hat in den letzten Jahren zugenommen. Man überlegt sich dann schon, wie überbrückst du dies oder jenes, wenn dann unvorhergesehene Reparaturen kommen."

Sprecher:

Auch für die Distels ist es immer schwieriger geworden, auftragsarme Zeiten oder technische Probleme finanziell zu überbrücken. Die Brücke steht im Mittelpunkt vieler Redensarten. Schon im Mittelalter entstand die Redewendung jemanden eine Brücke treten. Mit der Brücke war die Fall- oder Zugbrücke einer Burg gemeint. Diese konnte oft bereits durch einen kleinen Tritt in Bewegung gesetzt werden. Einem bedrohten Menschen verschaffte dieser Tritt Zugang zur Burg und zum Burgfrieden. Die moderne Entsprechung ist die Redensart jemandem eine Brücke bauen, also ihm in Bedrängnis zur Hilfe kommen. Auch die Redewendung alle Brücken hinter sich abbrechen ist sehr gebräuchlich. Sie bedeutet so viel wie sämtliche Verbindungen lösen. Gerda Distel benutzt das Verb überbrücken im Sinne von überstehen oder durchhalten. Inzwischen ist es dunkel geworden. Die Laboremos hat Köln erreicht. Im schwarzen Wasser des Rheins spiegeln sich die Lichter der Stadt. Das Schiff gleitet vorbei an Altstadt, Hohenzollernbrücke und den hell erleuchteten Türmen des Kölner Doms. Es sind solche Momente, in denen die Distels alle Mühsal ihres Berufes vergessen. Trotzdem – besonders Gertrud Distel denkt inzwischen immer öfter an den Ruhestand und das Leben nach der Binnenschifffahrt. Bereits vor rund 1 ½ Jahren haben sich die Distels ein kleines Haus am Stadtrand von Mannheim gekauft. Eine Wohnung an Land hatten sie vorher nie besessen. Doch so ganz wohl ist Gertrud Distel bei dem Gedanken an ein dauerhaftes Leben an Land noch immer nicht.

Gertrud Distel:

"Manchmal denk ich schon drüber nach, aber ich hab auch etwas Angst davor, ob mir das nicht zu eintönig ist später, wenn ich zu Hause bin, dass ich einfach nur auf einen Ort bezogen bin, das bin ich nie gewöhnt gewesen im Leben."

Sprecher:

Doch der Ruhestand wird wohl noch ein bisschen auf sich warten lassen. Denn noch haben die Söhne der Distels sich nicht entschieden, ob sie die Laboremos übernehmen werden. Und Vater Adam Distel – der würde sowieso am liebsten noch ein paar Jahre an Bord bleiben. Und so haben die Distels den bereits geplanten Abschied von der Laboremos erst mal verschoben – neuer Termin ungewiss.

Fragen zum Text

Wer heißes Blut hat, …

1. gilt als temperamentvoll.

2. ist eher ruhig.

3. hat Fieber.

Jemand, der die Kontrolle verliert, …

1. dreht durch.

2. dreht auf.

3. dreht sich im Kreis.

Wenn man jemandem eine Brücke baut, …

1. will man sämtliche Verbindungen mit ihm lösen.

2. will man ihm schaden.

3. kommt man ihm zur Hilfe.

Arbeitsauftrag

Lesen Sie sich die Alltagsdeutsch-Folge noch einmal genau durch. Schreiben Sie die Vor- und Nachteile der Tätigkeit als Binnenschiffer auf. Wägen Sie danach ab, ob Sie es sich vorstellen könnten in diesem Beruf zu arbeiten.

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