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Kultur

Binnen-I: Großer Buchstabe, kleine Wirkung?

Das Binnen-I: Es sollte für mehr Gleichberechtigung der Geschlechter in der Sprache sorgen. Mittlerweile ist der große Buchstabe in der Mitte in die Jahre gekommen. Stirbt das Binnen-I langsam aus?

Beispielwort mit Binnen-I (Foto: DW)

Manche Wörter mit Binnen-I sehen etwas seltsam aus

StudentInnen, BürgerInnen, LehrerInnen – was vor mehr als 20 Jahren die Sprache demokratisieren sollte, sorgt heute nur noch für Häme. "Ich fand das Binnen-I schon immer schrecklich", antwortet eine ältere Dame. "Es ist hässlich und unnötig", sagt eine 27-Jährige. "Ich verstehe mich durchaus als Feministin, aber heutzutage kann man in der Regel davon ausgehen, dass Männer und Frauen gemeint sind, auch wenn nur die männliche Form benutzt wird."

Beispielwort mit Binnen-I. (Foto: DW)

Auch dieser Artikel will niemanden diskriminieren

Wer genau das Buchstaben-Ungetüm erfunden hat, ist nicht bekannt – aber es kommt wohl aus der Schweiz. Die Wochenzeitung (WOZ) hat es Anfang der 80er Jahre als offizielle Schreibweise eingeführt. Auch die Tageszeitung taz hat es sechs Jahre später übernommen. Sie wollte dagegen ein Zeichen setzen, dass Frauen in der Sprache oft nicht wahrgenommen werden. Heute ist das Binnen-I "weitgehend aus der Zeitung verschwunden", schreibt die taz-Redakteurin Heide Oestreich. Und auch beim Otto Normalschreiber stößt dieser Schweizer Import mittlerweile auf wenig Gegenliebe. Viele finden es entweder gewöhnungsbedürftig, irreführend, umständlich, oder einfach nervig.

Eine Messlatte für die politische Einstellung

Ein Vorteil des Binnen-I ist allerdings, dass es beim Schreiben Zeit spart und dadurch das Problem eines diskriminierenden Sprachgebrauchs umgeht. Nachteil: Es sieht einfach nicht gut aus – und oft funktioniert es auch nicht. Wie soll man zum Beispiel Bauern und Bäuerinnen verbinden? "Ba/äuerInnen"? Darüber hinaus ist es im Deutschen nicht üblich, einen einzelnen Buchstaben mitten im Wort groß zu schreiben. Das Regelwerk sieht das nicht vor, sagt der Bonner Sprachwissenschaftler Jan Seifert. Es sei unbeliebt und funktioniere nur in der Schriftsprache. Und wer dieses I benutzt, offenbart laut Seifert eine bestimmte politische Einstellung: "Es gibt meiner Meinung nach gewisse Zusammenhänge zwischen der Weltanschauung und der Benutzung solcher Formen. Die dem linken Spektrum angehörenden Personen neigen vielleicht eher zu Formen wie dem Binnen-I und insgesamt zu politisch korrekten Formen."

Doch was der Linguist für ein politisches Statement hält, ist für Marianne Pitzen, Künstlerin und Leiterin des Frauenmuseums in Bonn, eine interessante Zwischenlösung für ein sprachliches Problem. Man müsse sich mit dem Binnen-I halt so lange rumquälen, bis eine bessere Lösung gefunden sei: "Die Sprache wird sich so entwickeln, dass die langen, nervigen Endungen und Wendungen langsam in eine neue Form gegossen werden."

Schönere Alternativen für eine gerechte Sprache

Und diese neuen Formen entstehen bereits heute im Sprachgebrauch. So weist Bettina Burkart, die Gleichstellungsbeauftragte der Deutschen Welle, auf etwas elegantere Lösungen hin: "Mitarbeitende" statt "MitarbeiterInnen", oder "Lehrpersonal" statt "LehrerInnen". Burkart selbst hat nichts gegen das Binnen-I. Sie benutzt es sogar in ihren eigenen informellen Texten, weil es im schriftlichen Gebrauch schneller geht. Aber auch sie meint: Dem Binnen-I haftet ein schlechter Ruf an. Es gelte als fundamentalfeministisch: "Wer mit Binnen-I arbeitet, ist sofort eine rückwärts gerichtete Lila-Emanze." Trotzdem kommt für sie die Rückkehr zur männlichen Form nicht infrage, das wäre ein Rückschritt.

Beispielwort mit Binnen-I. (Foto: DW)

Besonders bei der Bezeichnung von Berufsgruppen ist das Binnen-I sehr begehrt

Wie geht es also mit dem Binnen-I weiter? Ist aus dem Kind der feministischen Bewegung ein hässliches Entlein geworden, das auch von den Frauen stiefmütterlich behandelt wird? Es ist schwer zu sagen, was aus diesem Buchstaben werden soll. Vielleicht wird er weiterhin eine Schattenexistenz fristen, aber vielleicht wird er auch auf seine Originalgröße zurückschrumpfen. Eins allerdings scheint sicher zu sein: Sprachideologische Schlachten wird der Buchstabe nicht mehr verursachen. Auch der Duden wird das Binnen-I in absehbarer Zeit nicht unter seine Fittiche nehmen. Und sollte das Binnen-I tatsächlich eines Tages sang- und klanglos verschwinden, wären dafür nicht nur Sprachbenutzer verantwortlich, sondern auch Sprachbenutzerinnen – mit kleinem i.

Autor: Nader Alsarras
Redaktion: Manfred Götzke