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Welt

Bin Ladens gefährliches Erbe

Vor zwei Jahren, am 2. Mai 2011, töteten US-Soldaten in Pakistan Osama bin Laden, den Anführer der islamistischen Terrorgruppe Al-Kaida. Inzwischen erstarkt das Terrornetzwerk in manchen Regionen wieder.

2001 gingen die Bilder des einstürzenden World Trade Centers in New York um die Welt. Etwa 3000 Menschen wurden getötet, weil 19 Anhänger des Terrornetzwerks Al-Kaida entführte Flugzeuge in die Zwillingstürme und ins Pentagon nahe Washington steuerten, eine weitere entführte Maschine stürzte in ein Feld in Pennsylvania.

Die USA zogen daraufhin in den "Krieg gegen den Terror": Militär und Geheimdienste jagten Drahtzieher und Hintermänner des bis dahin beispiellosen Terroranschlags - vor allem aber jagten sie Osama bin Laden, den Al-Kaida-Gründer. Fast zehn Jahre später verkündete US-Präsident Barack Obama: "Die USA haben eine Operation ausgeführt, die Osama bin Laden, den Führer Al-Kaidas, getötet hat."

World Trade Center Anschlag 11. September 2001 (Archivfoto: ddp)

Die Zerstörung des World Trade Centers in New York machte die Gefahr durch Al-Kaida bewusst

Aber Al-Kaida existiert immer noch - wenn auch in anderer Form als 2001. Terrorismusexperten zufolge gibt es einen Kern von nur noch 300 Kadern: Sie haben sich um den Bin-Laden-Nachfolger Aiman al-Sawahiri geschart und werden im pakistainisch-afghanischen Grenzgebiet vermutet. Darüber hinaus gibt es islamistische Gruppen in Nordafrika, im Nahen Osten und auf der Arabischen Halbinsel, die zwar manchmal den Namen "Al-Kaida" benutzen, aber eigene Ziele verfolgen.

Führung ist geschwächt

Islamwissenschaftler Guido Steinberg (Foto: DW)

Islamwissenschaftler Guido Steinberg: Al-Kaida ist ein Netz autonomer Gruppen

Der Islamwissenschaftler Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin geht davon aus, dass der Tod Bin Ladens Al-Kaida deutlich geschwächt hat. Die Organisation habe keinen charismatischen Führer mehr, der über den Streitigkeiten der einzelnen Flügel stehe: "Der jetzige Führer, der Ägypter Aiman al-Sawahiri ist innerhalb der Organisation immer umstritten gewesen."

Dennoch stehe al-Sawahiri an der Spitze des Terrornetzwerks, sagt der Journalist und Al-Kaida-Experte Yassin Musharbash im Gespräch mit der Deutschen Welle. Er und seine Kader "vertreten in Videos und Ansprachen das Bild der Al-Kaida-Zentrale nach außen. Das hat verbindlichen Charakter und gibt die ideologische Ausrichtung vor."

Al-Kaida - Filialen und Verbündete

Al-Nusra-Kämpfer in Syrien (Foto: Reuters)

Al-Kaida-Verbündete: Al-Nusra-Kämpfer in Syrien

Neben der Kern-Al-Kaida gebe es offizielle Al-Kaida Gruppen oder Bewegungen, die dem Terrornetz nahestehen, so Musharbash: "Solche Filialen findet man im Irak, in Nordafrika und auf der arabischen Halbinsel. In Somalia ist die Shabaab-Miliz sehr aktiv, die sich Al-Kaida untergeordnet hat, aber nicht identisch ist mit Al-Kaida." Besonders stark vertreten sei das Terrornetz und seine Verbündeten in Algerien, Mali und Libyen. Auch im Irak nimmt die Aktivität der Terroristen zu. Etwa tausend Al-Kaida-Anhänger werden dort vermutet.

Brennpunkt Syrien

Ähnlich sieht es in Iraks Nachbarland Syrien aus. Dort habe der Kampf verschiedener Rebellengruppen gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad auch die Islamisten gestärkt, erklärt Musharbash: "In Syrien gibt es die Dschabat-Al-Nusra-Front, die im Moment bedeutendste dschihadistische Kampfgruppe." Von ihr gehe für das Ausland derzeit noch keine Gefahr aus. Das könne sich aber bei einem Zusammenbruch des Assad-Regimes schnell ändern. Die Al-Nusra-Front könne versuchen, ein Mini-Emirat einzurichten und Israel anzugreifen, vermutet Musharbash. "Dieses Ziel hat die Gruppe immer wieder öffentlich verkündet".

Jüngst tauchte in den Medien auch eine Organisation namens Al-Kaida im Iran auf. Kanadische Ermittler beschuldigen deren Mitglieder, einen Anschlag auf einen Fernzug geplant zu haben. Experten sind sich jedoch uneins darüber, ob Al-Kaida überhaupt nennenswert im Iran vertreten ist.

Wenig Mitglieder, viele Unterstützer

Über die Gesamtzahl der Anhänger Al-Kaidas gibt es nur vage Schätzungen. Yassin Musharbash vermutet, "dass es nicht mehr als 10.000 Menschen auf der Welt gibt, die sich selbst als Al-Kaida-Mitglied betrachten." Die Zahl der Kader schätzt der Journalist auf 5000. Darüber hinaus gebe es jedoch eine breite Zahl von Unterstützern und Hilfsgruppen.

Eigenständige Entscheidungen über Strategie und Taktik sieht Islamwissenschaftler Guido Steinberg bei allen Gruppen, die Al-Kaida verbunden sind oder das Terrornetzwerk unterstützen. "Das ist eine breit gestreute Spielwiese des Dschihadismus, bei der die Organisationen in der arabischen Welt in den letzten drei, vier Jahren enorm an Bedeutung gewonnen haben."

Zum Teil sei das eigenständige Handeln sogar von der Al-Kaida-Zentrale gewünscht, so Steinberg: "Schon im Jahr 2010 wurde ein großes programmatisches Video herausgegeben, in dem sich fast alle Al-Kaida-Führer gemeldet haben, die damals Rang und Namen hatten. Die haben gesagt: Ihr müsst nicht mehr nach Pakistan kommen, Ihr müsst Euch nicht mehr der Organisation anschließen, Ihr könnt in Euren Heimatländern, selbst schauen, wie Ihr terroristische Aktivität organisieren könnt."

Al-Kaida bleibt gefährlich

Porträt von Yassin Musharbash (Foto: Kiepenheuer und Witsch)

Yassin Musharbash: Al-Kaida erfindet sich immer wieder neu

In den westlichen Staaten hat die Zahl der Al-Kaida-Anschläge durch die Erfolge in der Terrorismusbekämpfung der USA deutlich abgenommen. Mehrere Al-Kaida-Führer wurden mit gezielten Angriffen durch US-Drohnen getötet. Das hat laut Yassin Mushabarash zu der Annahme geführt, die Gefahr durch Al-Kaida sei eingedämmt. In Wirklichkeit sei das Gegenteil der Fall. "Al-Kaida ist in der islamischen Welt um ein Hundertfaches aktiver als außerhalb. Es gibt aussagekräftige Studien, die zeigen, dass Al-Kaida achteinhalb mal mehr Muslime tötet als Nichtmuslime." Das Terrornetzwerk erlebe im Zuge der immer problematischer werdenden Arabischen Rebellion einen zweiten Frühling. "Man darf die Gruppe nicht unterschätzen", betont Musharbash. "Al-Kaida ist immer wieder an entscheidenden Wegmarken in der Lage gewesen, sich neu zu erfinden. Und im Moment erleben wir das noch mal."

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