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Alltagsdeutsch – Podcast

Bilinguale Grundschulen

Zweisprachiger Unterricht: In Deutschland ist das nicht mehr nur auf weiterführende Schulen beschränkt. Schon Grundschulen bieten diese Möglichkeit. Das Konzept: Nicht nur miteinander, sondern auch voneinander lernen.

Eine Tafel mit Flaggen aus verschiedenen Ländern, die aufgemalt sind

Voneinander und miteinander lernen - egal in welcher Sprache

Sprecher:
"Una gotita desde el cielo ha bajado hasta el suelo", ein Tröpfchen ist vom Himmel auf die Erde gefallen. So tönt es aus dem Klassenraum einer Grundschule in Köln. Erstklässler üben dort ein spanisches Lied. Die Lehrerin lobt sie immer wieder, denn schließlich sollen alle Spaß am bilingualen Unterricht haben. Seit 2010 wird in der Schule Deutsch und Spanisch unterrichtet. Die Rektorin entschloss sich dazu, weil sie Kindern von Einwanderern, Kindern mit Migrationshintergrund, das Gefühl geben wollte, wegen ihrer Herkunft und Sprache nicht ausgeschlossen zu sein. Sie sollen, so Rektorin Margit Faix, in die Gesellschaft integriert werden und dort dauerhaft ankommen, wie jemand, der ein neues Zuhause sucht.

Margit Faix:
"Die Grundidee ist die, dass Kinder mit ihrer Sprache, mit der sie groß werden, in der Schule willkommen sind. Und dass nicht – so wie das früher war – bei Kindern mit Migrationshintergrund die Sprache eigentlich ein Hinderungsgrund war, um sich zu integrieren und anzukommen."

Sprecher:
Der Begriff Migrationshintergrund wurde bereits in den 1990er Jahren geprägt. Inzwischen wird er für alle diejenigen verwendet, die nach Deutschland eingewandert sind, sowie für deren Nachkommen. Die Rektorin der Kölner Grundschule hat selbst einen spanischen Migrationshintergrund. Sie weiß daher, wie viel Arbeit es sein kann, sich gleichzeitig zu integrieren und die Muttersprache der Eltern zu praktizieren. Das deutsch-spanische bilinguale Unterrichtsangebot an ihrer Schule hat daneben noch weitere Vorteile: Es erspart den Kindern zusätzlichen Nachmittagsunterricht in ihrer Herkunftssprache und dient der Ausprägung ihres Selbstbewusstseins.

Mutter:
"Ich hab' die Sol angemeldet an der Grundschule, weil es mir wichtig war, dass es für sie ganz normal ist, auch außerhalb des Hauses beide Sprachen zu hören, zu sprechen, schreiben zu lernen, lesen zu lernen. Ihr Vater kommt aus Chile und ich denke, dass es wichtig ist fürs Selbstbewusstsein, weil es eben Teil ihrer Herkunft, ihrer Identität ist. Und das soll nicht so 'ne leicht verkümmerte Identität sein."

Sprecher:
Die Mutter hat ihre Tochter Sol also ganz bewusst an der Schule wegen des bilingualen Sprachangebots angemeldet. Sie wollte, dass ihre Tochter stolz ist auf ihre ausländischen Wurzeln und sich ihrer nicht schämt. Sie sollte keine verkümmerte Identität entwickeln. Die bilingualen Grundschulklassen besuchen aber nicht nur Kinder, bei denen die gewählte Zweitsprache familiäre Gründe hat. Auch Eltern ohne Migrationshintergrund entscheiden sich für das bilinguale Unterrichtsangebot. Sie sehen es – wie dieser Vater – als Gelegenheit für eine gute Grundausbildung, die genutzt werden sollte.

Vater:
"Das ist sicherlich eine gute Investition in die Zukunft, die man gerne mitnimmt."

Sprecher:
Ein einheitliches Lehrkonzept für bilingualen Unterricht gibt es in Deutschland generell nicht. An der Kölner Grundschule haben die Kinder jeden Tag eine Stunde Spanischunterricht. Sachunterricht und Kunst wird von zwei Lehrerinnen gleichzeitig vermittelt. Während die eine den Schülern das Thema und die Aufgaben auf Deutsch erläutert, macht die andere das Gleiche auf Spanisch. Anschließend wird geübt.

O-Töne:
"Vamos a empezar con David." / "Que tal estas Miguel?" / "Muy bien." / "Que tal estas…"

Sprecher:
Für Lehrerin Sandra ist besonders wichtig, dass die Schüler so oft wie möglich gelobt werden, dass sie viel positives Feedback, erhalten.

Sandra:
"Was auf jeden Fall funktioniert ist, dass man den Kindern ganz, ganz viel positives Feedback gibt: "Muy bien. Ah, lo entendiste?" (Sehr gut. Hast du es also verstanden?) Und die deutschsprachigen Kinder, sag' ich jetzt mal, werden natürlich vor allem durch die anderen Kinder aufgefangen, also durch die Kinder, die eben schon spanische Vorkenntnisse haben. Die übersetzen den Kindern das oder erklären eben Abläufe."

Sprecher:
Das Konzept heißt: Voneinander und miteinander lernen. Die Kinder, die ein fremdsprachiges Elternhaus haben, können ihren deutschen Mitschülern helfen. Sie können sie auffangen, damit sie alles verstehen – etwa, indem die Bedeutung bestimmter Sätze oder Worte erklärt wird. Auf diese Weise können bilinguale Grundschulen weit mehr Sprachwissen vermitteln, als es das Elternhaus normalerweise zu leisten vermag. Deshalb werden diese Schulen in Deutschland zunehmend populärer und immer häufiger auch von staatlicher Seite unterstützt. Vorreiter des bilingualen Unterrichts waren in den frühen 1970er Jahren die Gymnasien mit deutsch-französischen Bildungsangeboten. Inzwischen gibt es bundesweit schon mehr als 600 Schulen, in denen Zweisprachigkeit gefördert wird. Bei der Bezirksregierung in Köln macht sich die Fachberaterin für Migration, Rosella Benati, für bilinguale Grundschulklassen stark.

Rosella Benati:
"Die erste in Köln, das war die deutsch-italienische. Danach sind einige dazu gekommen, sowohl zwei für Italienisch, eine für Deutsch-Türkisch, eine für Deutsch-Spanisch. Und die deutsch-französische, die wir schon hatten in Köln, hat das Konzept so umgestellt, dass sie auch mehr die Ressourcen der Kinder, die mitbringen, auch mehr in Programm benutzt wird [im Programm benutzt werden]. Also diese Voneinander-Miteinander-Lernen."

Sprecher:
Manche Schulen haben ihre bilingualen Lehrkonzepte inzwischen verändert, sie haben sie umgestellt. Im Unterricht werden nun aktuelle Lehrmethoden praktiziert. Diese berücksichtigen, was die Kinder aus ihrem Elternhaus an Ressourcen schon mitbringen, was sie schon können. Und das ist – langfristig – ein wichtiger Beitrag der Schulen zur Integration. War die Herkunftssprache von Kindern mit Migrationshintergrund früher eher ein Hindernis dafür, wird sie inzwischen als Bereicherung angesehen. Denn, Fremdsprachen eröffnen nicht nur bessere Berufschancen, sondern erweitern auch den Blick auf die Welt.



Fragen zum Text

Bekommt jemand nicht genug Liebe, dann …
1. verkümmern seine Gefühle.
2. bekümmert er andere.
3. kümmert sich seine Seele um ihn.

Mitnehmen kann man …
1. nur eine Person.
2. eine Person und eine Sache.
3. nur eine Sache.

Kümmert sich eine Gruppe um eine schwächere Person, dann wird diese …
1. abgefangen.
2. befangen.
3. aufgefangen.


Arbeitsauftrag
In Deutschland leben immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung betrug 2009 19,6 Prozent. Die Bundesregierungen haben seit den 1950er Jahren mit verschiedenen Staaten Anwerbeabkommen geschlossen. Außerdem kamen viele sogenannte Spätaussiedler ins Land. Informiere dich über diesen Teil der deutschen Geschichte, so zum Beispiel unter http://bit.ly/vNXY68. Verfasse eine kleine Hausarbeit mit einer Gliederung, in der du unter anderem folgende Fragen beantworten kannst: Welche Motive gab es für deutsche Regierungen, Ausländer nach Deutschland zu holen? Mit welchen Staaten wurden Anwerbeabkommen geschlossen? Mit welchen Schwierigkeiten mussten und müssen Migranten kämpfen?

Autorinnen: Antje Hollunder; Beatrice Warken
Redaktion: Raphaela Häuser

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