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Politik & Gesellschaft

Bildungspaket: Papierkrieg im Kindergarten

Kinder aus armen Familien haben in Deutschland deutlich schlechtere Bildungschancen. Das wollte die Bundessozialministerin mit einem "Bildungspaket" ändern. Doch das erweist sich in der Praxis als bürokratischer Flop.

Mit Tränen in den Augen sitzt die dreijährige Rachel in der Ecke des Spielzimmers. Besorgt streicht Gerhard Müllner dem Mädchen über die schwarzen Locken. "Why are you weeping? - Warum weinst Du?" fragt der Leiter des Familienzentrums Bilderstöckchen auf Englisch. Deutsch versteht Rachel noch nicht so gut, ihre Muttersprache ist Englisch, ihre Eltern sind Afrikaner und erst vor kurzem nach Köln gezogen. Gerhard Müllner drückt Rachel einen Teddy in die Hand, schon lächelt sie wieder und läuft zu ihren Freunden auf den Spielplatz vor der Tür.

Eine Erzieherin des Familienzentrums spricht mit den Kindern der Regenbogen-Gruppe (Foto: DW)

Kinderbetreuung im Brennpunkt-Viertel

Insgesamt 90 Kinder im Alter von drei bis elf Jahren werden in der Kindertagesstätte (KITA) des Familienzentrums in mehreren Gruppen betreut. Außer der KITA gibt es Schwimmkurse, Ausflugsangebote, Deutschkurse für ausländische Kinder und eine Erziehungsberatung. Ein Angebot, das Familien in Bilderstöckchen gern annehmen. Der Stadtteil im Kölner Nordwesten gilt als "Brennpunkt-Viertel". Das heißt: Dort leben besonders viele Familien mit niedrigem Einkommen, viele Eltern bekommen Unterstützung vom Staat. Rund 70 Prozent der Einwohner haben einen Migrationshintergrund.

Bildungsgutscheine statt Geld

Gerhard Müllner mit einem der Kinder aus dem Familienzentrum (Foto: DW)

Förderung für Kinder aus sozial schwachen Familien - Gerhard Müllner bei der Arbeit

Immer wieder haben Experten in der Vergangenheit darauf hingewiesen, dass Kinder aus solchen sozial schwachen Familien in Deutschland deutlich schlechtere Bildungschancen haben. Das liegt unter anderem daran, dass sich ihre Eltern Angebote wie Musikunterricht oder Nachhilfe nicht leisten können. Dies wollte Bundessozialministerin Ursula von der Leyen (CDU) ändern. Viel mehr: Sie musste etwas ändern, da das Bundesverfassungsgericht die Regierung dazu verpflichtet hatte, mehr für Kinder aus solchen Familien zu tun.

Und so entwickelte die christdemokratische Ministerin ein Konzept, wie diese Kinder in Zukunft besser gefördert werden könnten - das sogenannte Bildungspaket. Einfach mehr Geld für die Eltern kam für Ursula von der Leyen allerdings nicht in Frage - zu groß war die Sorge, dass das Geld nicht für die Kinder ausgegeben würde. Und so entstand die Idee der Bildungsgutscheine für die rund 2,4 Millionen betroffenen Kinder: Bedürftige Familien sollten künftig staatliche Unterstützung für Schulhefte, Klassenfahrten oder Mittagessen in der KITA beantragen können. Insgesamt 778 Millionen Euro stellt das Ministerium dafür pro Jahr zur Verfügung. Zieht man die Verwaltungskosten ab, sind das pro Kind rund 260 Euro.

Unverständliche Formulare

Der Leiter des Familienzentrums, Gerhard Müllner, füllt einen Antrag aus (Foto: DW)

Zwölfseitige Formulare: Der bürokratische Aufwand ist groß

Am Sonntag (01.04.2012) vor einem Jahr trat das Gesetz in Kraft. "Wir hielten das zuerst für eine gute Idee", erinnert sich Gerhard Müllner vom Kölner Familienzentrum. "Aber inzwischen müssen wir leider sagen: Es hilft den Familien kaum." Das größte Problem aus seiner Sicht: Jede Leistung muss einzeln beim Jobcenter beantragt werden, teilweise jeden Monat neu - auch wenn es sich oft nur um einen Betrag von 15 Euro handelt. Das entsprechende Formular umfasst aber trotzdem zwölf Seiten. Viele der betroffenen Eltern sprechen jedoch kaum Deutsch oder sind gar Analphabeten. "Die verstehen überhaupt nicht, wie das funktionieren soll."

Und so sind Gerhard Müllner und seine Kollegen dazu übergegangen, die Eltern auf die Angebote aufmerksam zu machen und die Formulare dann selbst auszufüllen. Der Verwaltungsaufwand ist immens. "Anfangs habe ich eine komplette Woche im Monat damit zugebracht", erinnert sich der Sozialpädagoge. Inzwischen habe er eine gewisse Routine entwickelt, zum Beispiel sammelt er die Anträge mehrerer Eltern und schickt sie gebündelt an die Behörde. "Dann passiert aber in der Regel erstmal wochenlang nichts, oder der Antrag kommt zurück und muss neu gestellt werden."

Mit seiner Kritik steht Gerhard Müllner nicht alleine da. Der Paritätische Wohlfahrtsverband bezeichnet das Bildungspaket als "Gesetzesmurks", der an Ineffizienz und Verwaltungsaufwand nicht zu überbieten sei. Der Dachverband der Gewerkschaften (DGB) hat in einer Untersuchung herausgefunden, dass im vergangenen Jahr nur ein Fünftel der zur Verfügung gestellten Gelder von den Familien abgerufen wurde. Das Fazit des DGB: zu große Reibungsverluste in der Verwaltung. Ministerin von der Leyen weist diese Kritik zurück.