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Bildung

Bildungsforscher Klemm: "Inklusion klappt, wenn man will"

Der Fall des 11-jährigen Henri erregt derzeit die deutsche Öffentlichkeit. Kann ein Kind mit Down-Syndrom auf ein Gymnasium? Bildungsforscher Klaus Klemm sagt: Das geht, wenn man nur will.

Henri hat das

Down-Syndrom

. Seine Eltern möchten den 11-jährigen Jungen nach vier Jahren Grundschule gemeinsam mit seinen Freunden auf ein Gymnasium schicken. Rechtlich hätte der geistig behinderte Henri darauf einen Anspruch, denn 2009 hat die Bundesrepublik die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet. Sie besagt, dass Menschen mit Behinderung nicht aufgrund ihrer Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden dürfen. Seit Henris Eltern dieses Recht einfordern, herrscht in den deutschen Medien eine große Debatte um die Grenzen der Inklusion, denn der Schuldirektor des Wunschgymnasiums in dem kleinen Ort Walldorf hat den Eltern eine Absage erteilt. Der Bildungsforscher Klaus Klemm erläutert im Interview mit der Deutschen Welle, warum es möglich sein muss, auch Kinder wie Henri - egal in welcher Schulform - zu integrieren.

DW: Können Sie nachvollziehen, dass die Eltern von Henri ihr Kind unbedingt auf das nahegelegene Gymnasium schicken wollen?

Der Bildungsforscher Klaus Klemm (Foto: privat)

Bildungsforscher Klaus Klemm

Klaus Klemm: So wie ich den Fall verstanden habe, geht es den Eltern ja nicht darum, das Kind auf ein Gymnasium, eine Realschule oder sonstige Schulform zu schicken, sondern es geht darum, dass das Kind in der Lerngruppe bleibt, mit der es bis jetzt in der Grundschule gelernt hat. Und diesen Aspekt kann ich sehr gut nachvollziehen.

In den Medien wird jetzt diskutiert, warum es gerade ein Gymnasium sein muss. Schließlich hätte Henri gar nicht die Chance, beim Lernniveau mitzuhalten. Bei der nötigen Einzelförderung würde er dann vielleicht auch nicht in seiner Lerngruppe bleiben.

Da gibt es einen Punkt, der in den öffentlichen Diskursen oft nicht berücksichtigt wird: Wir haben verschiedene Behindertengruppen, und zwei von diesen Behindertengruppen - nämlich der Förderschwerpunkt Lernen und der Förderschwerpunkt geistige Entwicklung - werden, egal wo sie lernen, zieldifferent unterrichtet. Das heißt, das Kind wird sowohl im Gymnasium als auch in der Hauptschule nicht nach den Lernvorgaben dieser Schule unterrichtet. Es ist von vornherein klar, dass es diese Lernziele im Regelfall nicht erreichen kann. Auf dem Zeugnis steht dann ein Vermerk, der klar macht, dass die Kinder zieldifferenziert unterrichtet wurden und nicht mit der Absicht, einen Abschluss in der jeweiligen Schulform zu erreichen.

Die Eltern von Henri sind seit langem sehr engagiert, und die Medien greifen die Ablehnung des Gymnasialdirektors auf mit den Worten "Henri darf nicht auf die Wunschschule". Nun gilt das ja auch für andere Kinder, die etwa sozial benachteiligt sind, einen Migrationshintergrund haben oder aus Leistungsgründen von ihren Grundschullehrern keine Empfehlung für das Gymnasium bekommen haben. Aber diese Kinder würden vielleicht auch gerne an die gleiche Schule gehen wie ihre Freunde.

Türkische Schülerinnen im Unterricht am staatlich anerkannten Privatgymnasium 'Dialog' in Köln (Foto: dpa)

Immer noch haben es Kinder aus Migranten- oder Arbeiterfamilien schwerer auf ihrem Bildungsweg

Das ist für mich der eigentliche Skandal - nur, dass die Medien es nicht so darstellen. Wir wissen seit den großen Leistungsstudien, dass Kinder mit gleichen Schulleistungen, mit gleicher kognitiver Kompetenz, wenn sie aus den Oberschichten kommen, eine 2,6-fach höhere Wahrscheinlichkeit für eine Gymnasialempfehlung haben als ein Kind aus einer Arbeiterfamilie. In kaum einem anderen Land ist der

Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg

so eng wie in Deutschland. Wir haben uns aber inzwischen so daran gewöhnt, dass es nicht mehr so skandalisiert wird.

Wenn wir noch mal zur Inklusion zurückkommen, könnten denn alle Schulen und Lehrer das überhaupt leisten?

Alle Schulen und Lehrer sind mit der entsprechenden Ausstattung in der Lage, das zu leisten. Dafür gibt es viele Beispiele. In Schleswig-Holstein etwa, wo schon rund 60 Prozent in der Inklusion sind. In Bremen sind es über 60 Prozent, in Berlin über 50 Prozent.

Das ist ein Prozess, der muss wachsen.

Im Augenblick gibt es auch Schulen, die das noch nicht können, das ist ein Problem, das wir jetzt in der Übergangsphase haben. Da ist viel an Fortbildungen versäumt worden. Andererseits ist es schwierig, von 2009 bis 2014 alle Schulen so vorzubereiten, dass das Recht auf Bildung in einer allgemeinen Schule überall realisiert ist.

Im Fall Henri geht es ja nicht nur darum, das Kind an einer weiterführenden Regelschule unterzubringen, sondern es geht auch speziell um die Schulform Gymnasium. Warum ist es vielleicht auch gesellschaftlich schwierig, ein Kind wie Henri dort zu unterrichten?

Da haben die Eltern von Henri etwas Pech, dass sie in einer Region wohnen, wo noch kein Gymnasium und keine Realschule sich auf den Weg gemacht haben, geistig behinderte Kinder zu integrieren. Die Schulen, die Inklusion praktizieren, sagen nicht, das geht nicht. Die kommen damit klar. Wenn man das will, geht es.

Nun denken Eltern vielleicht auch, dass ihr Kind zu den Besseren gehört, wenn es auf das Gymnasium geht, dass es also auch eine Prestigesache ist.

Der Viertklässler Henri Erhardt mit einem Lehrer in seiner Grundschule in Walldorf (Foto: dpa)

In der Grundschule war Henri gut integriert - warum soll das auf dem Gymnasium nicht auch funktionieren?

In Deutschland geht in vielen Großstädten schon jedes zweite Kind auf das Gymnasium. Es gibt dort also schon eine riesige Leistungsheterogenität, und wir brauchen dort auch bereits jetzt mehr individualisierenden Unterricht. In den Köpfen der Eltern und der Lehrer ist immer noch die Idee verankert, dass die Kinder im Gymnasium eine homogene Gruppe sind. Zwar mit besseren oder schlechteren Schülern, aber dass alle für das Ziel, zur Hochschulreife zu gelangen, geeignet sind. Und diese Umstellung auf eine große Heterogenität in der Lerngruppe, die ist an deutschen weiterführenden Schulen sehr schwer zu erreichen. In der Grundschule hatte Henri ja keine Probleme, denn dort haben die Lehrer schon seit Jahrzehnten Erfahrung damit, auf ein großes Leistungsspektrum in der Lerngruppe von 20 bis 25 Kindern einzugehen.

Also würde es helfen, die gemeinsame Schulzeit von der Grundschule an zu verlängern?

Meine schulpolitische Meinung ist, dass wir die gemeinsame Erziehung so, wie das ja fast überall international üblich ist, länger führen müssen. In Skandinavien gehen die Kinder erst am Ende der Schulpflicht in verschiedene Bildungsgänge.

Wenn Sie jetzt in Walldorf an diesem Gymnasium wären, unter den Bedingungen, wie sie ja zurzeit nun einmal sind: Wie hätten Sie das Problem mit Henri in der momentanen Lage gelöst?

Also ich hätte versucht, mein Kollegium davon zu überzeugen, dass wir das schaffen. Eltern haben ja auch Ansprüche auf Assistenzen für behinderte Schüler, sogenannte Integrationshelfer. Und die Schulen bekommen entsprechend zusätzliche finanzielle Unterstützung. Gerade bei Kindern mit Down-Syndrom funktioniert die Integration eigentlich sehr gut.

Das Gespräch führte Gaby Reucher.

Inklusion und Integration

Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit

DW-Spezial